Altruismus in fünf Disziplinen

Altruismus in fünf Disziplinen heißt: dieselbe Frage – warum Menschen anderen helfen, auch wenn es sie etwas kostet – aus fünf Richtungen gestellt. Die Philosophie fragt, ob Altruismus vernünftig ist; die Anthropologie, ob er in unserer Natur liegt; die Sozialpsychologie, wann und warum Menschen helfen; die Ökonomie, ob der Mensch nur für sich rechnet; die Soziologie, was eine Gesellschaft zusammenhält. Diese Seite fasst zusammen, was zehn Denkerinnen und Denker dieser Fächer dazu beitragen – so, wie Tobias O. R. Alke sie 2017 in Ausgewählte Perspektiven des Altruismus ausgewählt und 2026 am Original neu geprüft hat.

Das Ergebnis in einem Satz: Der Mensch ist zur Rücksicht angelegt; Altruismus und Eigeninteresse schließen sich nicht aus; Gegenseitigkeit trägt, wo sie frei ist, und Zwang zerstört, was er schützen will.

Das Wort selbst prägte Auguste Comte 1851 – „vivre pour autrui“, für andere leben (siehe Altruismus bei Comte). Was der Begriff heute bedeutet, steht im Eintrag Altruismus; diese Seite ordnet die Fächer.

Philosophie: Ist Altruismus vernünftig?

Für Thomas Nagel ist Altruismus keine Gefühlsregung, sondern eine Forderung der Vernunft: Wer sich selbst als einen unter vielen sieht, muss die Gründe anderer so ernst nehmen wie die eigenen – so wie Klugheit das künftige Ich so ernst nimmt wie das heutige. Den Egoisten widerlegt er nicht, er zeigt seinen Preis. Friedrich Nietzsche liefert die Gegenprobe: Seine Sklavenmoral ist eine Art zu werten, die aus dem Groll der Ohnmächtigen entsteht – kein Helfen. Zugleich kennt er ein Geben aus Fülle, das er selbst Selbstsucht nennt und das wir als Altruismus aus Freiheit lesen.

→ Die Möglichkeit des Altruismus (Nagel) · Sklavenmoral (Nietzsche) · Standpunkt Das Gute im Menschen bei Friedrich Nietzsche

Anthropologie: Liegt Hilfsbereitschaft in unserer Natur?

Frans de Waal hat der Auffassung, Moral sei eine dünne Schicht über einer eigennützigen Natur, den Namen Fassadentheorie gegeben und ihr widersprochen: Empathie und Gegenseitigkeit sind Bausteine der Moral, gewachsen in der Evolution sozialer Tiere. Michael Tomasello zeigt, dass Kinder etwa ab dem ersten Geburtstag von sich aus helfen, ohne Belohnung; wem sie helfen, lernen sie. Für ihn wächst Altruismus aus der Zusammenarbeit zum gemeinsamen Nutzen. Beide lassen offen, ob der Mensch „gut“ ist – zur Moral befähigt ist er.

→ Fassadentheorie (de Waal) · Geteilte Intentionalität (Tomasello) · Die prosoziale Natur des Menschen

Sozialpsychologie: Wann und warum helfen Menschen?

Hans-Werner Bierhoff ordnet die Gründe: Empathie, Normen der Verantwortung und Gegenseitigkeit, Persönlichkeit – und die Lage, die Hilfe hemmt, wenn Verantwortung sich auf viele verteilt. Er zeigt auch die Seite der Empfänger: Hilfe, die nicht erwidert werden kann, kränkt; Hilfe, die abhängig macht, verfehlt ihr Ziel. Ob es ein rein altruistisches Motiv gibt, nennt er eine offene Frage; in der Regel wirken beide Motive zugleich. Marco F. H. Schmidt und Jessica A. Sommerville fanden, dass schon 15 Monate alte Kinder eine gerechte Verteilung erwarten – und wer das tut, teilt eher; in der Richtung mehrfach bestätigt, in der Stärke vermutlich überschätzt.

→ Hilfreiches Verhalten (Bierhoff) · Fairnesserwartung (Schmidt/Sommerville) · Empathie

Ökonomie: Rechnet der Mensch nur für sich?

Ernst Fehr und Simon Gächter zeigten, dass Menschen Trittbrettfahrer auf eigene Kosten bestrafen und dass die Zusammenarbeit dann steigt; sie nennen das altruistische Bestrafung. Die Forschung danach lehrt das Maß: Maßvolle, als fair erlebte Strafe stützt Kooperation, ein Zuviel zerstört sie. Axel Ockenfels erklärt Fairness und Gegenseitigkeit damit, dass Menschen auch auf ihre Stellung zu anderen achten. Die Ökonomie gibt damit selbst die Annahme reinen Eigennutzes auf – nicht die Rationalität.

→ Altruistische Bestrafung (Fehr/Gächter) · Fairness in ökonomischen Entscheidungen (Ockenfels) · Standpunkte Rechnet der Mensch nur für sich? · Wer beutet wirklich aus – Staat oder Markt?

Soziologie: Was hält eine Gesellschaft zusammen?

Émile Durkheim findet den Zusammenhalt moderner Gesellschaften in der Arbeitsteilung: Wer Verschiedenes kann, ist auf andere angewiesen, und die Grundlage dieser Solidarität ist der Altruismus; erzwungene Arbeitsteilung nennt er eine Fehlform. Marcel Mauss zeigt an der Gabe, dass Geben frei und verpflichtend zugleich ist: Wer gibt, bindet; wer annimmt, schuldet eine Erwiderung – und wer nicht erwidern kann, wird gekränkt. Beide suchen die Mitte zwischen zu viel und zu wenig Bindung.

→ Solidarität durch Arbeitsteilung (Durkheim) · Die Gabe (Mauss) · Reziprozität · Standpunkte Was die Soziologie vom Altruismus lernen kann · Reich sterben – eine Schande?

Was zeigen die fünf Disziplinen gemeinsam?

  1. Hilfsbereitschaft ist angelegt, ihre Richtung wird gelernt. Kinder helfen früh von sich aus; wem und wie, lernen sie in ihrer Gemeinschaft (Warneken & Tomasello 2006; Dahl & Brownell 2019).
  2. Gemischte Motive sind der Normalfall – und kein Gegenbeweis. Wer hilft und sich dabei gut fühlt, hilft trotzdem.
  3. Gegenseitigkeit trägt, wenn sie frei ist. Frei erwidert verbindet sie, erzwungen zersetzt sie.
  4. Strafe braucht Maß. Sie kann Zusammenarbeit stützen; zum Prinzip erhoben, zerstört sie sie (Balliet u. a. 2011; Gächter u. a. 2008).
  5. Das Bild des reinen Eigennutzes trägt nicht – die Ökonomie sagt es selbst.
  6. Kein Fach allein erklärt den Altruismus. Das Experiment zeigt Ursachen, die Philosophie Gründe, die Soziologie die Ordnung, in der sie wirken.
  7. Unsere Lesart: Individuum und Gemeinschaft bedingen sich. Altruismus wächst dort, wo Menschen frei urteilen, frei geben und frei erwidern dürfen – der freie Tausch ist individualistisch und die Grundlage des Altruismus. Die Gegenpositionen stehen offen daneben: Hayek sah Altruismus vor allem in der Kleingruppe, die große Ordnung beruhe auf erlernten Regeln; Carnegie und Mauss wollten Gesetze und Steuern, wo wir auf Freiwilligkeit setzen.

Ausblick

Seit 2017 ist vieles bestätigt, einiges kleiner geworden: Dass Kinder früh fair urteilen, gilt in der Richtung, die Effekte sind wohl überschätzt; ob schon Säuglinge Helfer bevorzugen, ist in der Forschung umstritten (Margoni & Surian 2018). Ob Märkte Fairness gegenüber Fremden stärken oder moralische Hemmungen senken, wird in beide Richtungen belegt (Henrich u. a. 2010; Falk & Szech 2013). Die Soziologie hat sich biologischen Fragen wieder geöffnet. Offen bleibt, wie Erziehung und Kultur die angelegte Hilfsbereitschaft lenken, wie sich Laborbefunde im Alltag bewähren und wie Altruismus überhaupt gemessen wird.

Was wir 2017 anders gelesen haben

Die 27 Beiträge zur Soziologie

Die Arbeit von 2017 schloss mit 27 Beiträgen, die die fünf Fächer der Soziologie anbieten. Hier stehen sie in der Fassung, die nach der Prüfung am Original trägt.

Alle 27 Beiträge anzeigen

Philosophie

  1. Altruismus beruht auf Gründen, nicht auf Willkür oder bloßem Gefühl.
  2. Weitsicht braucht Freiräume, in denen Menschen sie entwickeln können.
  3. Wer Abweichung gewährt, statt sie zu bekämpfen, handelt rücksichtsvoll.
  4. Strafe und eingeübte Konformität zähmen, aber sie machen nicht besser.
  5. Nicht der freie Tausch, sondern eine gelenkte, verzerrte Ordnung untergräbt den Altruismus (unsere These).

Anthropologie

  1. Kinder helfen früh von sich aus; wem sie helfen, lernen sie.
  2. Egoismus im engen Sinn ist Missbrauch von Vertrauen, nicht der Normalfall.
  3. Altruismus und Eigeninteresse liegen auf einem Kontinuum.
  4. Gegenseitigkeit schafft Vertrauen und öffnet den Weg zum Altruismus.
  5. Je mehr Menschen Zusammenhänge verstehen, desto weniger Zwang braucht eine Ordnung.
  6. Unterschiedliche Moralen bestehen nebeneinander; der Kreis der Rücksicht lässt sich erweitern.

Sozialpsychologie

  1. Jedes Nachschlagewerk zeigt eine Auswahl; es ersetzt nicht das eigene Lesen der Forschung.
  2. Der Mensch ist als grundsätzlich prosozial angelegtes Wesen zu betrachten.

Ökonomie

  1. Die Ökonomie selbst erkennt: Eigennutz allein beschreibt den Menschen nicht.
  2. Wo Marktlogik in Bereiche getragen wird, die niemand freiwillig betreten hat, leidet das Soziale.
  3. Zivilgesellschaft zeigt Bedarf an Ausgleich – und ist Ausdruck freier Zusammenschlüsse.
  4. Kollektivistisch ist die Massenökonomie, die eine Norm für alle setzt, nicht der Tausch der Einzelnen.
  5. Eine Lehre, die den Menschen als Egoisten voraussetzt, verfehlt die Befundlage.
  6. Menschen achten auf ihre Stellung zu anderen; Fairness ist Teil ihrer Präferenzen.

Soziologie

  1. Gesellschaften entwickeln sich durch die, die vom Gewohnten abweichen.
  2. Individuum und Gemeinschaft bedingen sich.
  3. Abweichung ist Chance – Stiften heißt Bewahren und Gründen.
  4. Wer gibt, muss Ausgleich erfahren können.
  5. Zum Verhältnis von Sklavenmoral und moderner Gabe vertritt der Verfasser eine eigene Lesart; sie ist in der Neuausgabe mit Anmerkungen ausgeführt.
  6. Die Gabe ist uneigennützig, weil ihre Erwiderung nicht berechnet wird.
  7. Werte haben religiöse Wurzeln; wo Überzeugungen instrumentalisiert werden – religiöse wie weltliche –, hemmen sie Entwicklung.
  8. Frei erwiderte Gegenseitigkeit verbindet, erzwungene zersetzt.

Wie die Soziologie diese Beiträge aufnehmen kann, beschreibt der Standpunkt Was die Soziologie vom Altruismus lernen kann; wie sich die Forschung zum Altruismus über die Jahrzehnte verteilt, zeigt Die Entwicklung des Diskurses.

Häufige Fragen

Was bedeutet „Altruismus in fünf Disziplinen“?

Dieselbe Frage nach dem Helfen, gestellt von Philosophie, Anthropologie, Sozialpsychologie, Ökonomie und Soziologie, je an zwei Denkern. Diese Seite fasst zusammen, was sie gemeinsam zeigen, und führt zu den einzelnen Einträgen.

Welche Wissenschaft erklärt Altruismus am besten?

Keine allein. Das Experiment zeigt Ursachen, die Philosophie Gründe, die Soziologie die Ordnung, in der beide wirken. Wer nur ein Fach liest, sieht nur einen Teil.

Ist der Mensch nach diesen Fächern von Natur aus egoistisch?

Nein. Kinder helfen früh von sich aus; Eigeninteresse gehört dazu, schließt Altruismus aber nicht aus. Ausführlich dazu der Eintrag „Die prosoziale Natur des Menschen“.

Ist Altruismus dasselbe wie Selbstaufopferung?

Nein. Schon Comte verlangte kein Opfer aller eigenen Wünsche, Nagel schließt Selbstaufopferung aus, und Mauss wie Durkheim warnen vor zu viel wie vor zu wenig Bindung. Frei gewählte Hingabe trägt, geforderte belastet.

Welche Rolle spielt Gegenseitigkeit?

Eine tragende: Wer geben und erwidern kann, wird verbunden statt beschämt. Erzwungene Gegenseitigkeit dagegen zersetzt Vertrauen.

Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
  • — Neue Übersichtsseite: Altruismus aus fünf Fächern, mit den gemeinsamen Ergebnissen und den 27 Beiträgen in geprüfter Fassung.

Quellen

  • Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut und Verlag 2017, Kap. 41, 81, 83, 85–91. ISBN 978-3-96104-027-8 – Neuausgabe mit Anmerkungen in Vorbereitung. Eintrag Deutsche Nationalbibliothek
  • Die Primärwerke der zehn Denker sind in den verlinkten Einträgen nachgewiesen.
  • Felix Warneken, Michael Tomasello: Altruistic helping in human infants and young chimpanzees. In: Science 311 (2006), 1301–1303. DOI 10.1126/science.1121448
  • Audun Dahl, Celia A. Brownell: The social origins of human prosociality. In: Current Directions in Psychological Science 28 (2019), 274–279. DOI 10.1177/0963721419830386
  • Francesco Margoni, Luca Surian: Infants’ evaluation of prosocial and antisocial agents. A meta-analysis. In: Developmental Psychology 54 (2018), 1445–1455. DOI 10.1037/dev0000538
  • Daniel Balliet, Laetitia B. Mulder, Paul A. M. Van Lange: Reward, punishment, and cooperation. A meta-analysis. In: Psychological Bulletin 137 (2011), 594–615. DOI 10.1037/a0023489
  • Simon Gächter, Elke Renner, Martin Sefton: The long-run benefits of punishment. In: Science 322 (2008), 1510. DOI 10.1126/science.1164744
  • Joseph Henrich u. a.: Markets, religion, community size, and the evolution of fairness and punishment. In: Science 327 (2010), 1480–1484. DOI 10.1126/science.1182238
  • Armin Falk, Nora Szech: Morals and markets. In: Science 340 (2013), 707–711. DOI 10.1126/science.1231566

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Von Tobias O. R. Alke

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