Fairness in ökonomischen Entscheidungen (Ockenfels)

Fairness in ökonomischen Entscheidungen heißt bei Axel Ockenfels, dass Menschen nicht nur auf den eigenen Gewinn achten, sondern auch auf ihre Stellung zu anderen. Fairness und Gegenseitigkeit sind für ihn keine Abweichung vom vernünftigen Handeln, sondern Teil dessen, was Menschen wollen – auch auf Märkten.

Dieser Eintrag behandelt diesen einen Gedanken und was er für das Bild vom Menschen in der Ökonomie bedeutet, nicht das Gesamtwerk. Zum Begriff selbst siehe Altruismus, zur Gegenseitigkeit Reziprozität.

Zur Person. Axel Ockenfels (geb. 1969) ist Wirtschaftswissenschaftler an der Universität zu Köln und einer der bekanntesten deutschen Vertreter der experimentellen Ökonomie. Seine Dissertation Fairneß, Reziprozität und Eigennutz erschien 1999.

Was heißt Eigennutz – und was Altruismus?

Ockenfels trennt genau. Eigennützig nennt er nur ein Verhalten, das allein vom eigenen materiellen Gewinn getrieben ist. Altruismus fasst er dagegen weit: als Interdependenz der Präferenzen – die eigenen Ziele hängen vom Wohl anderer ab. Fairness und Gegenseitigkeit gehören ausdrücklich dazu.

Damit gibt er eine Annahme auf, die lange als Grundgesetz der Ökonomie galt: dass Menschen nur auf den eigenen Vorteil sehen. Die Annahme, dass Menschen vernünftig handeln, gibt er nicht auf. Er erweitert nur, worauf sich ihre Vernunft richtet.

Was erklärt das ERC-Modell?

Mit Gary Bolton entwickelte Ockenfels das ERC-Modell – Equity, Reciprocity and Competition: Gerechtigkeit, Gegenseitigkeit, Wettbewerb (Bolton & Ockenfels 2000). Es nimmt an, dass Menschen neben dem eigenen Gewinn auf ihre relative Position achten, also auf ihren Anteil am Gesamten. Die meisten wollen nicht deutlich weniger als die anderen, viele auch nicht deutlich mehr.

So lässt sich mit einer einzigen Annahme erklären, was sonst widersprüchlich wirkt:

Neben ERC steht das Modell der Ungleichheitsaversion von Ernst Fehr und Klaus Schmidt (1999), das den Vergleich mit jedem einzelnen anderen betont. Beide Modelle erklären viele Befunde ähnlich gut; sie stehen nebeneinander. Mehr zu Fehr siehe Altruistische Bestrafung (Fehr/Gächter).

Was zeigt der Ost-West-Vergleich?

Ockenfels und Joachim Weimann ließen in den 1990er-Jahren Studierende in Magdeburg dieselben Spiele spielen wie zuvor Studierende in Bonn (Ockenfels & Weimann 1999; Selten & Ockenfels 1998). Die Studierenden in Magdeburg zahlten weniger in ein Gemeinschaftsgut ein und gaben in einem Solidaritätsspiel weniger. Entscheidend war ein zweiter Befund: Jede Gruppe erwartete von den anderen ziemlich genau das, was sie selbst tat.

Die Autoren halten es deshalb ausdrücklich für irreführend, die eine Gruppe „unfairer“ zu nennen. Es gelten verschiedene Normen – und an diesen gemessen handelt jede Gruppe fair. Woher die Unterschiede kommen, lassen sie offen; sie nennen als Vermutungen die Erfahrung der Planwirtschaft und die Vorstellung, eigennütziges Verhalten könne nach der Vereinigung als „typical“, also üblich, in einer marktwirtschaftlichen Ordnung gelten (Ockenfels & Weimann 1999: 285).

Für uns ist das die wichtigste Lehre dieses Befunds: Fairness ist nicht überall dasselbe Maß. Unterschiede zwischen Gruppen stehen nebeneinander, nicht übereinander. Eine politische Ordnung, die das Leben der Einzelnen bis ins Private überwacht und Konformität erzwingt, hinterlässt Spuren im Vertrauen – das ist eine Kritik am System, nicht an den Menschen, die darin lebten.

Hilft Reden beim Kooperieren?

Deutlich. Wer vor einer Entscheidung miteinander sprechen kann, kooperiert in sozialen Dilemmata im Mittel viel häufiger (Sally 1995). Neben den Worten wirken Stimme, Tonfall und Gesichtsausdruck. Gefühle im Gesicht lassen sich innerhalb der eigenen Kultur etwas leichter lesen als über Kulturgrenzen hinweg – und das gilt in beide Richtungen (Elfenbein & Ambady 2002).

Wir halten deshalb fest: Selbst in „anonymen“ Situationen nehmen Menschen mehr voneinander wahr, als ein Spielaufbau annimmt – Ausdruck, Sprache, Auftreten. Ein Laborexperiment zeigt Verhalten unter seinen Bedingungen; im Leben kommen immer Erfahrung und Eindruck hinzu.

Verdrängt Geld die eigene Motivation?

Unter Umständen. Wer etwas aus eigenem Antrieb tut, kann diesen Antrieb verlieren, wenn er dafür bezahlt oder kontrolliert wird – besonders dann, wenn die Bezahlung als Misstrauen oder Steuerung erlebt wird (Frey & Jegen 2001). Das gilt nicht immer und nicht vollständig; anerkennende Belohnung kann Motivation auch stärken.

Unsere Lesart: Markt braucht Fairness – und Freiheit

Menschen entscheiden auch im Markt nicht nur nach dem eigenen Gewinn, sondern nach ihrer Stellung zu anderen. Fairness und Gegenseitigkeit sind keine Störgrößen, sondern Teil der Präferenz – Ockenfels hat der Ökonomie damit einen Weg geöffnet, das Soziale ernst zu nehmen.

Daraus folgt für uns eine Unterscheidung. Der freie Tausch vieler Einzelner bringt Preise hervor, in denen verstreutes Wissen steckt – Friedrich August von Hayek hat das beschrieben. Wer dagegen alle Lebensbereiche in einer einzigen Größe messen und von oben steuern will, beansprucht ein Wissen, das niemand hat. Nicht der Markt drängt Fairness zurück, sondern eine Ordnung, die den Tausch durch Lenkung ersetzt.

Und noch etwas gehört dazu: Wer im Studium vor allem das Modell des eigennützigen Menschen lernt, verhält sich in Spielversuchen eher danach (Frank, Gilovich & Regan 1993) – wie viel davon Lernen und wie viel Selbstauswahl ist, ist umstritten. Ein Menschenbild bleibt nicht folgenlos, wenn man es lehrt.

Was wir 2017 anders gelesen haben

In Ausgewählte Perspektiven des Altruismus (2017) haben wir den Ost-West-Befund mit einer Abneigung gegen den Westen erklärt – das steht so nicht bei Ockenfels und Weimann, die die Ursache offenlassen. Auch haben wir Ockenfels zugeschrieben, stark eigennützige Menschen gebe es fast nur unter Ökonomen; tatsächlich fanden sich Menschen, die nichts gaben, in allen Fächern, und ein Unterschied nach dem Studienfach zeigte sich nur bei Männern. Unsere Kritik an einem Menschenbild, das nur den Eigennutz kennt, bleibt – sie steht jetzt auf dem genaueren Befund.

Verwandte Begriffe

Häufige Fragen

Was versteht Axel Ockenfels unter Fairness?

Für Ockenfels ist Fairness kein Störfaktor, sondern Teil dessen, was Menschen wollen. Eigennützig nennt er nur ein Verhalten, das allein vom eigenen materiellen Gewinn getrieben ist. Altruismus versteht er weit: als Abhängigkeit der eigenen Ziele vom Wohl anderer – Fairness und Gegenseitigkeit eingeschlossen.

Was ist das ERC-Modell?

ERC steht für Equity, Reciprocity and Competition – Gerechtigkeit, Gegenseitigkeit, Wettbewerb. Das Modell von Gary Bolton und Axel Ockenfels (2000) nimmt an, dass Menschen neben dem eigenen Gewinn auch auf ihren Anteil am Gesamten achten: Sie möchten nicht deutlich weniger, aber oft auch nicht deutlich mehr bekommen als der Durchschnitt. Damit lässt sich erklären, warum sie in manchen Spielen fair teilen und in Märkten trotzdem hart konkurrieren.

Warum lehnen Menschen unfaire Angebote ab, obwohl sie dabei verlieren?

Im Ultimatumspiel bekommt, wer ein Angebot ablehnt, gar nichts – und trotzdem werden sehr niedrige Angebote oft abgelehnt. Nach Ockenfels’ Sicht zählt für viele die relative Position mehr als ein kleiner Gewinn. Die Anbietenden wissen das und bieten mehr, weil sie eine Ablehnung fürchten.

Sind Menschen im Osten Deutschlands weniger fair?

Nein, so lässt sich der Befund nicht lesen. Ockenfels und Weimann (1999) fanden, dass Studierende in Magdeburg in ihren Spielen weniger in Gemeinschaftsgüter einzahlten und weniger für Solidarität gaben als Studierende in Bonn – aber jede Gruppe erwartete von den anderen genau das, was sie selbst tat. Die Autoren nennen es ausdrücklich irreführend, eine Gruppe deshalb unfairer zu nennen: Es gelten verschiedene Normen.

Hilft Reden beim Kooperieren?

Ja, deutlich. Wer vor einer Entscheidung miteinander sprechen kann, kooperiert in sozialen Dilemmata im Mittel viel häufiger als ohne Gespräch (Sally 1995). Neben Worten tragen Stimme und Gesichtsausdruck dazu bei – wobei sich Gefühle innerhalb der eigenen Kultur etwas leichter lesen lassen als über Kulturgrenzen hinweg, in beide Richtungen.

Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
  • — Die Vermutung der Autoren zu den Ost-West-Unterschieden am Original präzisiert.
  • — Neuer Eintrag „Fairness in ökonomischen Entscheidungen (Ockenfels)“: Altruismusbegriff, ERC-Modell, Ost-West-Vergleich, Kommunikation und Grenzen des Labors, unsere Lesart.

Quellen

  • Axel Ockenfels: Fairneß, Reziprozität und Eigennutz. Ökonomische Theorie und experimentelle Evidenz. Mohr Siebeck, Tübingen 1999.
  • Gary E. Bolton & Axel Ockenfels: ERC: A Theory of Equity, Reciprocity, and Competition. In: American Economic Review 90 (2000), 166–193. doi.org/10.1257/aer.90.1.166
  • Axel Ockenfels & Joachim Weimann: Types and patterns: an experimental East-West-German comparison of cooperation and solidarity. In: Journal of Public Economics 71 (1999), 275–287. doi.org/10.1016/S0047-2727(98)00072-3
  • Reinhard Selten & Axel Ockenfels: An experimental solidarity game. In: Journal of Economic Behavior & Organization 34 (1998), 517–539. doi.org/10.1016/S0167-2681(97)00107-8
  • Axel Ockenfels & Werner Raub: Rational und fair. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 50 (2010).
  • Ernst Fehr & Klaus M. Schmidt: A Theory of Fairness, Competition, and Cooperation. In: Quarterly Journal of Economics 114 (1999), 817–868. doi.org/10.1162/003355399556151
  • Bruno S. Frey & Reto Jegen: Motivation crowding theory. In: Journal of Economic Surveys 15 (2001), 589–611. doi.org/10.1111/1467-6419.00150
  • David Sally: Conversation and Cooperation in Social Dilemmas. In: Rationality and Society 7 (1995), 58–92. doi.org/10.1177/1043463195007001004
  • Hillary Anger Elfenbein & Nalini Ambady: On the universality and cultural specificity of emotion recognition: A meta-analysis. In: Psychological Bulletin 128 (2002), 203–235. doi.org/10.1037/0033-2909.128.2.203
  • Robert H. Frank, Thomas Gilovich & Dennis T. Regan: Does studying economics inhibit cooperation? In: Journal of Economic Perspectives 7 (1993), 159–171. doi.org/10.1257/jep.7.2.159
  • Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8 – Kap. „Axel Ockenfels“, „Reflexion …“ und „Beiträge der Ökonomie zur Anregung der Soziologie“.

Mehr vom Kyborg Institut in der Google-Suche — Als bevorzugte Quelle festlegen

Von Tobias O. R. Alke

Diese Seite weitergeben