Reziprozität
Reziprozität heißt schlicht: Geben und Nehmen – gegenseitige Zuwendung. Am Kyborg Institut verstehen wir sie als das Wechselspiel, das aus einzelnen guten Taten ein tragendes Miteinander macht.
Was ist Reziprozität?
Wer etwas gibt, löst eine Verpflichtung aus: Der andere gibt zurück – nicht unbedingt sofort und nicht unbedingt dasselbe, aber im Lauf der Zeit. So entsteht ein Kreislauf aus Vertrauen und Hilfe. Im Fachbuch über Nächstenliebe und Altruismus hebt Tobias Alke diesen Gedanken hervor – besonders im Anschluss an den Soziologen und Ethnologen Marcel Mauss, der zeigte, dass die Gabe zugleich frei und verpflichtend ist – und gerade dadurch den sozialen Zusammenhalt stiftet.
Kein kühles Tauschgeschäft
Reziprozität ist nicht das genaue Aufrechnen von Leistung und Gegenleistung. Wer nur gibt, um exakt dasselbe zurückzubekommen, betreibt ein Geschäft – keine Zuwendung. Gemeint ist ein Fluss aus Großzügigkeit und Vertrauen, der nicht mit spitzem Bleistift gerechnet wird.
Reziprozität stärkt Gemeinschaft
In der Gemeinschaft, die uns stärkt wird dieser Kreislauf konkret: Wer gibt, stärkt das Umfeld, von dem er selbst getragen wird. So ist Nächstenliebe keine Einbahnstraße, sondern ein Geben und Nehmen, in dem alle Beteiligten stabiler werden.
Muss jede Gabe erwidert werden?
Nicht sofort und nicht gleichwertig. Eine Gabe knüpft eine Verbindung – erwidert wird oft später, anders oder an jemand anderen.
- Die Gabe verpflichtet. Der Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss beschrieb das Geben als dreifache Pflicht: geben, annehmen, erwidern. Eine Gabe ist deshalb kein Kauf, aber auch nicht folgenlos. Der Soziologe Alvin Gouldner nannte die Gegenseitigkeit eine Norm, die sich in nahezu allen Moralvorstellungen findet (Gouldner 1960).
- Was nicht verrechnet wird, verbindet am stärksten. In Experimenten stiftete ein Geben im Kreis – A gibt B, B gibt C, C gibt A – mehr Zusammenhalt als ein ausgehandelter Tausch (Molm, Collett & Schaefer 2007).
- Nahe Beziehungen folgen dem Bedarf. In Familie, Freundschaft und Partnerschaft wird gegeben, weil der andere etwas braucht, nicht um eine Rechnung auszugleichen (Clark & Mills 1993).
- In Familien fließt es meist abwärts. In Europa geben ältere Menschen ihren Kindern und Enkeln im Saldo mehr Geld und Unterstützung, als sie zurückbekommen – auch noch jenseits der 70 (Albertini, Kohli & Vogel 2007). Zurückgegeben wird hier oft, indem man an die nächste Generation weitergibt.
- Manchmal ist der Tausch nur ein Vorwand. Menschen gaben in Feldstudien mehr für einen guten Zweck, wenn sie dafür eine kleine Gegenleistung erhielten – nicht weil sie die Ware wollten: Der Tausch gab ihrem Mitgefühl einen Deckmantel. Offenbar zeigen Menschen ungern ganz offen, wie hilfsbereit sie sind (Holmes, Miller & Lerner 2002).
- Große Gemeinschaften brauchen mehr als Gegenseitigkeit. Wo viele Fremde zusammenleben, tragen gemeinsame Regeln und Einrichtungen die Kooperation mit; Verwandtschaft und Gegenseitigkeit unter zwei Menschen allein reichen dafür nicht (Henrich u. a. 2010).
Tobias O. R. Alke hat 2017 geschrieben, Austausch sei der Kitt der Gesellschaft – wie könne man da Einseitigkeit fordern? Die Nachprüfung zeigt: Der Kern trägt, zwei damals angeführte Studien belegen aber anderes als angenommen; eine von ihnen zeigt gerade, dass der Tausch oft nur die Form ist, in der Menschen ihr Mitgefühl ausdrücken. Abzulehnen ist die geforderte Einseitigkeit – nicht das frei gewählte Geben ohne Gegenrechnung. Das vermerkt die Neuausgabe.
D. Harald Alke sieht die bindende Kraft der Gabe kritischer: „Hütet Euch vor Geschenken! Ihr bezahlt sie mit Eurer Freiheit.“ Den offenen Tausch hält er für die ehrlichere Form: „Jeder Verkauf ist ein gegenseitiger Vertrag. Beide Parteien überlegen dabei, ob sie die Transaktion wollen.“ Und für die Hilfe gilt bei ihm: „Es darf nicht einseitig werden. Hilfe braucht eine positive Resonanz.“
Warum gute Hilfe auch ein eigenes Selbst braucht, behandelt der Eintrag Selbstfürsorge.
Fünf Regeln der Kooperation (Nowak)
Warum helfen Lebewesen einander, obwohl Hilfe etwas kostet? Der Mathematiker und Biologe Martin Nowak hat 2006 fünf Wege zusammengefasst, auf denen sich Kooperation in der Evolution durchsetzen kann. Jeder Weg hat eine einfache Regel: Kooperation trägt, wenn der Nutzen für den anderen im Verhältnis zu den eigenen Kosten groß genug ist – und was „groß genug“ heißt, hängt vom Weg ab (Nowak 2006).
- Verwandtschaft. Wer Verwandten hilft, fördert Erbanlagen, die er mit ihnen teilt. Je enger die Verwandtschaft, desto eher lohnt die Hilfe (nach William D. Hamilton).
- Direkte Gegenseitigkeit – „Ich helfe dir, du hilfst mir.“ Sie trägt, wenn dieselben Menschen sich wahrscheinlich wieder begegnen.
- Gegenseitigkeit über den Ruf (indirekte Reziprozität) – „Ich helfe dir, und jemand anderes hilft mir.“ Wer hilft, gewinnt Ansehen, und wer Ansehen hat, bekommt eher Hilfe, auch von Dritten. Sie trägt, wenn genug Menschen wissen, wie sich jemand verhalten hat. Dieser Weg verlangt, sich Personen und ihr Verhalten zu merken und darüber zu sprechen; Nowak sieht in ihm eine Wurzel von Sprache, Moral und sozialen Normen.
- Gegenseitigkeit im Netzwerk. Wer kooperiert, findet sich mit anderen Kooperierenden zusammen; in solchen Gruppen von Nachbarn behauptet sich Hilfe, auch wenn sie anderswo ausgenutzt würde.
- Auslese zwischen Gruppen. Gruppen, in denen kooperiert wird, wachsen und teilen sich schneller als Gruppen, in denen jeder nur für sich sorgt.
Drei der fünf Wege sind Formen der Gegenseitigkeit. Der dritte schließt an das an, was Mauss und Gouldner beschreiben: Eine Gabe wird oft nicht vom Empfänger erwidert, sondern über den guten Namen des Gebenden – an anderer Stelle, von anderen Menschen. Ob auch Strafe für unkooperatives Verhalten ein eigener Weg ist, lässt Nowak ausdrücklich offen.
Dass schon kleine Kinder Fairness erwarten und dann selbst großzügiger teilen, zeigt die Studie von Schmidt und Sommerville – sie ordnen ihren Befund gerade dieser Gegenseitigkeit über den Ruf zu: Fairnesserwartung (Schmidt/Sommerville).
Unsere Lesart: Gegenseitigkeit ist kein Gegensatz zur Hilfsbereitschaft, sondern einer der Wege, auf denen sie sich in Gemeinschaften hält.
Was heißt das praktisch?
- Geben, ohne aufzurechnen – im Vertrauen auf den größeren Kreislauf.
- Auch annehmen können: Nehmen gehört genauso dazu wie Geben.
- Beziehungen als gegenseitiges Tragen verstehen, nicht als Tausch.
Warum Menschen überhaupt zu Geben und Kooperation bereit sind, behandelt der Eintrag Die prosoziale Natur des Menschen.
Häufige Fragen
Muss jede Gabe erwidert werden?
Nicht sofort und nicht gleichwertig. Eine Gabe schafft eine Verbindung, und meist wird sie irgendwann erwidert – oft an jemand anderen weitergegeben. In engen Beziehungen gibt man nach Bedarf, ohne zu verrechnen, und in Familien fließt das meiste von den Älteren zu den Jüngeren. Gerade Gaben, die niemand gegenrechnet, halten Gruppen am stärksten zusammen.
Was bedeutet Reziprozität – einfach erklärt?
Reziprozität ist das Wechselspiel von Geben und Nehmen: Ich gebe etwas, du gibst etwas zurück. So entsteht ein Kreislauf gegenseitiger Zuwendung, der Beziehungen und Gemeinschaft stärkt.
Ist Reziprozität ein kühles Tauschgeschäft?
Nein. Gemeint ist nicht das genaue Aufrechnen von Leistung und Gegenleistung, sondern ein Fluss aus Vertrauen und Zuwendung. Marcel Mauss zeigte, dass Geben weder reines Geschäft noch reines Geschenk ist: Es verpflichtet zur Erwiderung und stiftet gerade dadurch Zusammenhalt.
Was hat Reziprozität mit Nächstenliebe zu tun?
Wer gibt, stärkt das Umfeld, von dem er selbst getragen wird. Fürsorge ist keine Einbahnstraße, sondern ein Kreislauf, in dem alle Beteiligten stabiler werden.
Verwandte Standpunkte & Aktuelles
Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
- — Abschnitt ergänzt: Fünf Regeln der Kooperation nach Martin Nowak – darunter die Gegenseitigkeit über den Ruf. Quelle ergänzt.
- — Die Darstellung von Marcel Mauss am französischen Original geschärft: Die Gabe ist zugleich frei und verpflichtend.
- — Abschnitt ergänzt: Muss jede Gabe erwidert werden? – Forschung zu Gabe, Weitergeben und Familie, mit Quellen.
- — Querverweis auf den neuen Eintrag „Die prosoziale Natur des Menschen“ ergänzt.
- — Neuer Begriffseintrag „Reziprozität” angelegt, gestützt auf das Altruismus-Fachbuch von Tobias Alke (u. a. Marcel Mauss).
Quellen
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Eine interdisziplinäre Anregung der Soziologie und ihr Gewicht im Altruismusdiskurs von 1990 bis 2013 im Überblick. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8.
- Marcel Mauss: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften (1990). Frankfurt/M.: Suhrkamp.
- Alvin W. Gouldner: The norm of reciprocity: A preliminary statement. In: American Sociological Review 25 (1960), 161–178. doi.org/10.2307/2092623
- Linda D. Molm, Jessica L. Collett & David R. Schaefer: Building solidarity through generalized exchange: A theory of reciprocity. In: American Journal of Sociology 113 (2007), 205–242. doi.org/10.1086/517900
- Margaret S. Clark & Judson Mills: The difference between communal and exchange relationships: What it is and is not. In: Personality and Social Psychology Bulletin 19 (1993), 684–691. doi.org/10.1177/0146167293196003
- Marco Albertini, Martin Kohli & Claudia Vogel: Intergenerational transfers of time and money in European families: Common patterns – different regimes? In: Journal of European Social Policy 17 (2007), 319–334. doi.org/10.1177/0958928707081068
- John G. Holmes, Dale T. Miller & Melvin J. Lerner: Committing altruism under the cloak of self-interest: The exchange fiction. In: Journal of Experimental Social Psychology 38 (2002), 144–151. doi.org/10.1006/jesp.2001.1494
- Joseph Henrich u. a.: Markets, religion, community size, and the evolution of fairness and punishment. In: Science 327 (2010), 1480–1484. doi.org/10.1126/science.1182238
- Martin A. Nowak: Five rules for the evolution of cooperation. In: Science 314 (2006), 1560–1563. doi.org/10.1126/science.1133755
- D. Harald Alke: Lexikon; Mental Basics. Kyborg Institut & Verlag.
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