Altruistische Bestrafung (Fehr/Gächter)
Altruistische Bestrafung heißt bei Ernst Fehr und Simon Gächter, dass Menschen andere, die sich vor einem gemeinsamen Beitrag drücken, auf eigene Kosten bestrafen – obwohl sie selbst nichts davon haben. Den Nutzen tragen andere: Wer bestraft wurde, beteiligt sich danach mehr. Im Experiment war Zorn der Antrieb, und ohne Strafmöglichkeit brach die Zusammenarbeit ein.
Dieser Eintrag behandelt diesen einen Befund und was er über Strafe und Kooperation sagt, nicht das Gesamtwerk der beiden. Zum Begriff selbst siehe Altruismus, zur Gegenseitigkeit Reziprozität.
Zu den Personen. Ernst Fehr (geb. 1956) ist österreichischer Ökonom an der Universität Zürich und einer der bekanntesten Vertreter der experimentellen Verhaltensökonomie. Simon Gächter (geb. 1965), ebenfalls Österreicher, forscht an der University of Nottingham. Ihr gemeinsamer Aufsatz Altruistic punishment in humans erschien 2002 in Nature.
Was haben Fehr und Gächter untersucht?
240 Studierende in Zürich spielten am Bildschirm ein Spiel um ein Gemeinschaftsgut. In Vierergruppen bekam jede Person Geldeinheiten und konnte sie behalten oder in ein gemeinsames Projekt stecken. Jede eingezahlte Einheit brachte jedem Gruppenmitglied 0,4 Einheiten zurück. Für die Gruppe lohnte es sich also, wenn alle alles einzahlten – für den Einzelnen aber, selbst nichts zu geben und von den anderen zu profitieren. Wer das tut, heißt in der Ökonomie Trittbrettfahrer.
Entscheidend war der Aufbau: Die Gruppen wurden nach jeder Runde neu gemischt, niemand traf denselben Menschen zweimal, alles blieb anonym. Wer bestrafte, konnte also keinen späteren Vorteil davon haben. In einer Bedingung konnten die Teilnehmenden nach jeder Runde andere bestrafen: Ein Strafpunkt kostete den Strafenden eine Einheit und den Bestraften drei.
Was kam heraus?
Ohne Strafmöglichkeit brach die Zusammenarbeit ein: In der letzten Runde zahlten 58,9 Prozent nichts mehr ein. Mit Strafmöglichkeit stiegen die Beiträge von Runde zu Runde. 84,3 Prozent der Teilnehmenden straften mindestens einmal, 34,3 Prozent mehr als fünfmal – obwohl jede Strafe sie selbst Geld kostete. Meist straften die, die viel beitrugen, die, die wenig beitrugen, und zwar umso härter, je größer die Abweichung war.
Den Antrieb sehen Fehr und Gächter in negativen Gefühlen. In nachgestellten Fragen gaben die meisten an, sehr verärgert zu sein, wenn ein anderer kaum etwas beiträgt. Altruistisch nennen sie das Strafen deshalb nicht wegen eines edlen Motivs, sondern weil es den Strafenden kostet und anderen nützt. Menschliche Kooperation nennen sie ein evolutionäres Rätsel – ihr Befund zeigt einen Mechanismus, wie sie sich hält, keinen Beweis, woher sie stammt.
Was weiß man seither?
- Strafen verschafft Genugtuung. Wer unfaires Verhalten bestrafen kann, bei dem wird im Gehirn das Belohnungssystem aktiv (de Quervain u. a. 2004).
- Maßvolle Strafe stützt Zusammenarbeit – über viele Experimente hinweg, ebenso wie Belohnung (Balliet, Mulder & Van Lange 2011). Über viele Runden kann Strafe auch der Gemeinschaft insgesamt nützen (Gächter, Renner & Sefton 2008). Besonders gut wirkt sie, wo Menschen einander ohnehin vertrauen (Balliet & Van Lange 2013).
- Belohnung wirkt ebenso. Wo Beiträge belohnt werden können, kooperieren Gruppen ähnlich gut, ohne die Kosten von Strafe (Rand u. a. 2009).
- Ein Übermaß kippt. Sanktionen, die als eigennützig oder feindselig erlebt werden, untergraben die Hilfsbereitschaft (Fehr & Rockenbach 2003). Wird zurückgestraft, entstehen Fehden, und die Zusammenarbeit sinkt (Nikiforakis 2008). In manchen Gruppen trifft Strafe sogar gerade die Kooperativen (Herrmann, Thöni & Gächter 2008). Und wer am meisten straft, steht am Ende nicht besser da: „Winners don’t punish“ (Dreber u. a. 2008).
- Eine Strafe kann zum Preis werden. Als Kindergärten eine Gebühr für verspätetes Abholen einführten, kamen mehr Eltern zu spät – die Strafe hatte die Pflicht in eine bezahlbare Leistung verwandelt (Gneezy & Rustichini 2000).
- Wer straft, gilt oft als vertrauenswürdig. Menschen, die Unrecht auf eigene Kosten ahnden, wird im Experiment eher vertraut (Jordan u. a. 2016).
- In der Erziehung überwiegen die Nachteile körperlicher Strafe. Schläge gehen mit mehr Verhaltensproblemen von Kindern einher, nicht mit weniger (Gershoff & Grogan-Kaylor 2016). In der Rechtspflege schreckt die Gewissheit einer Strafe stärker ab als ihre Härte (Nagin 2013).
Was zeigen Experimente in anderen Kulturen?
Dass Menschen Regelverstöße auf eigene Kosten bestrafen, findet sich in vielen Gesellschaften – wie stark und gegen wen, unterscheidet sich jedoch deutlich (Henrich u. a. 2006). Eine Zürcher Studie in Papua-Neuguinea zeigte, dass Unbeteiligte einen Regelverstoß härter ahnden, wenn das Opfer zur eigenen Gruppe gehört, und milder, wenn der Täter dazugehört (Bernhard, Fischbacher & Fehr 2006). Solche Unterschiede stehen nebeneinander, nicht übereinander.
Eine Grenze gilt für alle diese Studien. Der Ethnologe Bronisław Malinowski hat gefordert, eine Gemeinschaft über lange Zeit teilnehmend zu beobachten, um ihre Regeln aus ihr selbst heraus zu verstehen. Ein Spiel mit Geldeinsätzen und Regeln von außen bringt dagegen selbst fremde Normen mit. Es zeigt, wie Menschen in dieser Spielsituation handeln – nicht, wie sie ohne sie lebten, und erst recht keinen Urzustand der Menschheit.
Ist altruistische Bestrafung Altruismus?
Hier setzt unsere Kritik an. Wer aus Zorn straft, folgt einem Rachewunsch, auch wenn andere davon profitieren. In einem Porträt Fehrs heißt es, auch Rache sei „ein solches uneigennütziges Verhalten“; Fehr selbst nennt sie „häufig nichts anderes als die dunkle Seite des Gerechtigkeitssinns“. Wenn Rache zur Tugend erklärt wird, weil sie der Ordnung dient, wird Zwang zur Wohltat – ein Gedanke, den wir bis zu Auguste Comte zurückverfolgen: Er wollte den Einzelnen einer von oben geführten Ordnung einfügen und sah gegen Abweichler am Ende auch Gewalt vor (siehe Altruismus bei Comte).
D. Harald Alke sagt es aus der Erfahrung kürzer: „Doch Rache zahlt sich nicht aus.“ (Energie für Millionen, 1993).
Unsere Lesart: Ein Zuviel an Strafe zerstört jede Kooperation
Strafe kann Zusammenarbeit stützen – als letztes Mittel, maßvoll und als fair erlebt. Wo sie aus Zorn kommt, zu hart ausfällt, Unbeteiligte trifft oder zum Prinzip wird, zerstört sie, was sie schützen soll. Die Frage ist deshalb nicht „Strafe ja oder nein?“, sondern wie viel, wann und von wem. Die Reihenfolge ist für uns klar: erst erklären, anerkennen und belohnen, wiedergutmachen lassen, Nachsicht üben – und erst dann, maßvoll, sanktionieren.
Altruistisch ist für uns nicht die Rache, sondern eine Ordnung, die sie möglichst selten braucht.
Was wir 2017 anders gelesen haben
In Ausgewählte Perspektiven des Altruismus (2017) haben wir das Experiment an einigen Stellen ungenau wiedergegeben: Es war keine Computersimulation, sondern echte Entscheidungen am Bildschirm; ohne Strafe sank die Zusammenarbeit nicht leicht, sondern brach ein; und die Studie in Papua-Neuguinea war kein Kontrollexperiment zu Fehr und Gächter, sondern eine eigene, spätere Untersuchung. Unsere Kritik am Gedanken, Rache als Altruismus zu deuten, bleibt – sie steht jetzt auf dem richtigen Befund.
Verwandte Begriffe
- Altruismus – der Begriff, seine Herkunft bei Comte und seine Deutungen
- Altruismus bei Comte – was Comte mit dem Wort meinte und wo wir widersprechen
- Reziprozität – Gegenseitigkeit und Nowaks fünf Regeln der Kooperation
- Kollektivismus und Individualismus – wann Gruppendruck kippt
- Geteilte Intentionalität (Tomasello) – Normen, Strafe durch Dritte und Kooperation
- Fairnesserwartung (Schmidt/Sommerville) – Fairness schon bei Kleinkindern
- Hilfreiches Verhalten (Bierhoff) – wann Menschen helfen
Häufige Fragen
Was ist altruistische Bestrafung?
Ernst Fehr und Simon Gächter (2002) nennen es altruistische Bestrafung, wenn Menschen jemanden bestrafen, der sich nicht an einem gemeinsamen Vorhaben beteiligt – obwohl die Strafe sie selbst etwas kostet und ihnen keinen eigenen Vorteil bringt. Den Nutzen haben andere: die künftigen Partner des Bestraften, die mit mehr Beteiligung rechnen können.
Was haben Fehr und Gächter herausgefunden?
In einem Spiel um ein Gemeinschaftsgut, gespielt am Bildschirm mit echten Geldeinsätzen und immer neuen, anonymen Partnern, brach die Zusammenarbeit ohne Strafmöglichkeit ein: In der letzten Runde zahlten 58,9 Prozent nichts mehr ein. Sobald bestraft werden konnte, stiegen die Beiträge. 84,3 Prozent der Teilnehmenden straften mindestens einmal, obwohl jede Strafe sie selbst Geld kostete.
Warum strafen Menschen auf eigene Kosten?
Nach Fehr und Gächter vor allem aus Ärger: Wer sieht, dass ein anderer sich drückt, wird zornig, und je größer die Abweichung, desto stärker der Zorn und desto härter die Strafe. Hirnstudien zeigen zudem, dass das Bestrafen von Unfairness das Belohnungssystem aktiviert – Strafen verschafft Genugtuung.
Hilft Strafe, damit Menschen zusammenarbeiten?
In Maßen ja. Wenn Trittbrettfahren bestraft werden kann, kooperieren Gruppen mehr, und über viele Runden kann das auch der Gemeinschaft insgesamt nützen. Belohnung wirkt ähnlich. Ein Übermaß kippt jedoch: Als feindselig erlebte Strafen, Gegenstrafen und Fehden zerstören die Zusammenarbeit, und wer am meisten straft, steht am Ende nicht besser da.
Ist Rache dasselbe wie altruistische Bestrafung?
Nicht nach Fehr und Gächter: Altruistisch heißt die Strafe bei ihnen nur, weil sie den Strafenden etwas kostet und anderen nützt – über das Motiv sagen sie damit nichts Gutes. Ernst Fehr selbst nennt Rache „häufig nichts anderes als die dunkle Seite des Gerechtigkeitssinns“. Wir halten deshalb fest: Altruistisch ist nicht die Rache, sondern eine Ordnung, die sie möglichst selten braucht.
Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
- — Darstellung Comtes am Original geprüft und präzisiert; Verweis auf den neuen Eintrag „Altruismus bei Comte“.
- — Neuer Eintrag „Altruistische Bestrafung (Fehr/Gächter)“: das Experiment am Original geprüft, Forschungsstand zu Maß und Übermaß von Strafe (aus dem Eintrag „Altruismus“ hierher übernommen), Grenzen von Experimenten in fremden Kulturen, unsere Lesart.
Quellen
- Ernst Fehr & Simon Gächter: Altruistic punishment in humans. In: Nature 415 (2002), 137–140. doi.org/10.1038/415137a
- Ernst Fehr & Urs Fischbacher: The nature of human altruism. In: Nature 425 (2003), 785–791. doi.org/10.1038/nature02043
- Dominique J.-F. de Quervain, Urs Fischbacher, Valerie Treyer, Melanie Schellhammer, Ulrich Schnyder, Alfred Buck & Ernst Fehr: The neural basis of altruistic punishment. In: Science 305 (2004), 1254–1258. doi.org/10.1126/science.1100735
- Helen Bernhard, Urs Fischbacher & Ernst Fehr: Parochial altruism in humans. In: Nature 442 (2006), 912–915. doi.org/10.1038/nature04981
- Joseph Henrich u. a.: Costly punishment across human societies. In: Science 312 (2006), 1767–1770. doi.org/10.1126/science.1127333
- Simon Gächter, Elke Renner & Martin Sefton: The long-run benefits of punishment. In: Science 322 (2008), 1510. doi.org/10.1126/science.1164744
- David G. Rand, Anna Dreber, Tore Ellingsen, Drew Fudenberg & Martin A. Nowak: Positive interactions promote public cooperation. In: Science 325 (2009), 1272–1275. doi.org/10.1126/science.1177418
- Daniel Balliet, Laetitia B. Mulder & Paul A. M. Van Lange: Reward, punishment, and cooperation: A meta-analysis. In: Psychological Bulletin 137 (2011), 594–615. doi.org/10.1037/a0023489
- Daniel Balliet & Paul A. M. Van Lange: Trust, punishment, and cooperation across 18 societies: A meta-analysis. In: Perspectives on Psychological Science 8 (2013), 363–379. doi.org/10.1177/1745691613488533
- Ernst Fehr & Bettina Rockenbach: Detrimental effects of sanctions on human altruism. In: Nature 422 (2003), 137–140. doi.org/10.1038/nature01474
- Nikos Nikiforakis: Punishment and counter-punishment in public good games: Can we really govern ourselves? In: Journal of Public Economics 92 (2008), 91–112. doi.org/10.1016/j.jpubeco.2007.04.008
- Benedikt Herrmann, Christian Thöni & Simon Gächter: Antisocial punishment across societies. In: Science 319 (2008), 1362–1367. doi.org/10.1126/science.1153808
- Anna Dreber, David G. Rand, Drew Fudenberg & Martin A. Nowak: Winners don’t punish. In: Nature 452 (2008), 348–351. doi.org/10.1038/nature06723
- Uri Gneezy & Aldo Rustichini: A fine is a price. In: The Journal of Legal Studies 29 (2000), 1–17. doi.org/10.1086/468061
- Jillian J. Jordan, Moshe Hoffman, Paul Bloom & David G. Rand: Third-party punishment as a costly signal of trustworthiness. In: Nature 530 (2016), 473–476. doi.org/10.1038/nature16981
- Elizabeth T. Gershoff & Andrew Grogan-Kaylor: Spanking and child outcomes: Old controversies and new meta-analyses. In: Journal of Family Psychology 30 (2016), 453–469. doi.org/10.1037/fam0000191
- Daniel S. Nagin: Deterrence in the twenty-first century. In: Crime and Justice 42 (2013), 199–263. doi.org/10.1086/670398
- Bronisław Malinowski: Argonauts of the Western Pacific. Routledge, London 1922 (Einleitung zur teilnehmenden Beobachtung).
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8 – Kap. „Altruismusperspektiven der Ökonomie“, „Ernst Fehr & Simon Gächter“ und „Reflexion …“.
- Tobias O. R. Alke: Bestrafung und Altruismus? Kyborg Institut & Verlag, 2016.
- D. Harald Alke: Energie für Millionen. Kyborg Institut & Verlag, 1993.
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