Empathie

Empathie heißt schlicht: sich in andere einfühlen können – spüren, wie es einem Gegenüber geht, und seine Lage nachvollziehen. Am Kyborg Institut verstehen wir Empathie als einen der wichtigsten Antriebe für hilfsbereites Handeln.

Was ist Empathie?

Empathie ist mehr als Wissen über andere – sie ist ein Mitfühlen. Im Fachbuch über Nächstenliebe und Altruismus ordnet Tobias Alke Empathie und Emotionen als zentrale Größen ein: Schon Denker der Aufklärung sahen in Empathie und Sympathie eine Grundlage dafür, Handlungen überhaupt sinnvoll bewerten zu können.

Mitfühlen, nicht Mitleid

Empathie ist nicht dasselbe wie Mitleid. Mitleid blickt leicht von oben herab; Empathie begegnet dem anderen auf Augenhöhe – sie versteht, was er erlebt, ohne ihn zu bemitleiden oder klein zu machen. Genau das macht sie zu einer verbindenden, stärkenden Kraft.

Ähnlich unterscheidet schon Friedrich Nietzsche: Er kritisierte das Mitleiden als höchste Tugend, nicht das Helfen – vom Mitleiden eines starken Menschen sagt er sogar: „dies Mitleiden hat Werth!“ (siehe Sklavenmoral (Nietzsche)).

Warum trägt Mitgefühl – und Mitleiden nicht?

Unter „Empathie“ werden heute drei verschiedene Dinge unterschieden: verstehen, was der andere denkt (Perspektivenübernahme), mitfühlen, was er fühlt – im Übermaß ein Mitleiden am fremden Leid –, und Anteilnahme: Wärme und Sorge um sein Wohl. Hilfe trägt vor allem die Anteilnahme.

D. Harald Alke hat diese Unterscheidung lange vor der Forschung als Regel formuliert: „Achtung: Nicht mitleiden, nur mitfühlen!“ Dazu gehört „sachliche Distanz zu schlechten Ereignissen, sich nicht hineinziehen lassen in schlechte Stimmungen bei anderen Leuten“. Tobias O. R. Alke beschreibt dasselbe für die Beratung im Unternehmen: „Er muss eine distanzierte Nähe zu den Mitarbeitern sowie den Führungskräften des Unternehmens einnehmen.“ Nähe ohne Abstand erschöpft, Abstand ohne Nähe erkaltet – Mitgefühl verbindet beides.

Ist Empathie immer gut?

Nein – sie ist kraftvoll, aber parteiisch. Empathie wirkt wie ein Scheinwerfer: Sie richtet sich auf Einzelne, auf Nahestehende, auf die eigene Gruppe.

Am Kyborg Institut ziehen wir daraus zwei Linien. Verständnis ist nicht Billigung: „wir haben für alles Verständnis. Das heißt jedoch nicht, daß wir alles gut heißen.“ (D. Harald Alke). Und Mitgefühl soll stärken, nicht lenken: „Manchmal versuchen wir aus unseren Gefühlen heraus das Leben Anderer zu leiten. Wo auch immer Liebe oder Hingabe an jemanden existiert, solltest Du diesen Menschen stärken, so daß er sein Leben selbst führen kann.“ (Yogi Bhajan, zitiert von D. Harald Alke).

Eine dritte Linie ist eine bewusste Zuspitzung über die eigene Kultur: Tobias O. R. Alke beobachtet, dass die westliche Kultur beim Tod einer Person, die am anderen Ende der Erde lebt und die niemand kannte, „schon fast in Selbstmitleid verfällt“. Wir sehen darin eher eine Übermoralisierung als gelebtes Mitgefühl – Anteilnahme zeigt sich vor allem dort, wo man einem Menschen tatsächlich begegnet und helfen kann.

Empathie als Kompass

Frans de Waal nennt Gefühle einen Kompass für das Zusammenleben: Wer mitfühlt, handelt eher hilfsbereit – oft schnell und ohne langes Abwägen; die Begründung folgt meist erst danach (siehe Fassadentheorie). So ist Empathie eine wichtige Brücke von der inneren Regung zur tatsächlichen Nächstenliebe und zu einer tragenden Gemeinschaft.

Was heißt das praktisch?

Dass Mitgefühl zur Anlage des Menschen gehört, vertieft der Eintrag Die prosoziale Natur des Menschen.

Häufige Fragen

Was ist Empathie – einfach erklärt?

Empathie ist das Einfühlungsvermögen: die Fähigkeit, zu spüren, wie es einem anderen geht, und seine Lage nachzuvollziehen. Sie ist ein wichtiger Antrieb dafür, anderen zu helfen.

Ist Empathie dasselbe wie Mitleid?

Nicht ganz. Mitleid blickt eher von oben herab. Empathie heißt mitfühlen auf Augenhöhe – verstehen, was der andere erlebt, ohne ihn klein zu machen.

Welche Rolle spielt Empathie für Hilfsbereitschaft?

Eine große. Der Primatenforscher Frans de Waal nennt Gefühle unseren „Kompass“ im Zusammenleben. Wer mitfühlt, handelt eher hilfsbereit – oft schnell und ohne langes Nachdenken.

Was ist der Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleiden?

Mitgefühl ist Wärme und Sorge um das Wohl des anderen; Mitleiden heißt, sein Leid selbst mitzuleiden. Studien zeigen: Mitgefühl stärkt positive Gefühle und Hilfsbereitschaft, Mitleiden belastet eher. Darum unser Grundsatz: mitfühlen, nicht mitleiden.

Ist Empathie immer gut?

Nicht automatisch. Empathie richtet sich bevorzugt auf Nahestehende und die eigene Gruppe und hängt nur schwach mit weniger Aggression zusammen. Eine verinnerlichte Haltung der Fürsorge reicht weiter – auch zu Fremden. Verständnis heißt außerdem nicht, alles gutzuheißen.

Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
  • — Verweis auf den Lexikon-Eintrag Altruismus ergänzt.
  • — Querverweis auf den neuen Eintrag „Sklavenmoral (Nietzsche)“ ergänzt.
  • — Zuordnung eines Zitats berichtigt: Die „distanzierte Nähe“ beschreibt die Beratung im Unternehmen.
  • — Das Bild vom Gefühl als „Kompass“ Frans de Waal zugeordnet und präzisiert.
  • — Zwei Abschnitte ergänzt: Warum Mitgefühl trägt und Mitleiden nicht, und wo die Grenzen der Empathie liegen – mit Forschungsstand und Quellen.
  • — Querverweis auf den neuen Eintrag „Die prosoziale Natur des Menschen“ ergänzt.
  • — Neuer Begriffseintrag „Empathie” angelegt, gestützt auf das Altruismus-Fachbuch von Tobias Alke (u. a. zu Emotionen und Empathie).

Quellen

  • Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Eine interdisziplinäre Anregung der Soziologie und ihr Gewicht im Altruismusdiskurs von 1990 bis 2013 im Überblick. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8.
  • Tobias O. R. Alke: Der emotionale Grundstein des Kindes. Pränatale Sozialisation – Biologische Umwelt – Individuelle Chronik. Flörsheim-Dalsheim: Kyborg Institut & Verlag, 2016.
  • Tobias O. R. Alke: Das Berufsfeld Personalwesen aus Sicht des Managements. Kyborg Institut & Verlag, 2016. ISBN 978-3-924722-71-5.
  • D. Harald Alke: Kyborg-Lexikon. Kyborg Institut.
  • D. Harald Alke: Die Ethik des Neuen Menschen. Kyborg Institut & Verlag.
  • D. Harald Alke: Mahatma – Die große Seele der Natur (Lebenserinnerungen). Kyborg Institut & Verlag.
  • Yueyue Yin & Yingying Wang: Is empathy associated with more prosocial behaviour? A meta-analysis. In: Asian Journal of Social Psychology 26 (2023), 3–22. doi.org/10.1111/ajsp.12537
  • Oriel FeldmanHall, Tim Dalgleish, Davy Evans & Dean Mobbs: Empathic concern drives costly altruism. In: NeuroImage 105 (2015), 347–356. doi.org/10.1016/j.neuroimage.2014.10.043
  • Olga M. Klimecki, Susanne Leiberg, Matthieu Ricard & Tania Singer: Differential pattern of functional brain plasticity after compassion and empathy training. In: Social Cognitive and Affective Neuroscience 9 (2014), 873–879. doi.org/10.1093/scan/nst060
  • Susanne Leiberg, Olga Klimecki & Tania Singer: Short-term compassion training increases prosocial behavior in a newly developed prosocial game. In: PLoS ONE 6 (2011), e17798. doi.org/10.1371/journal.pone.0017798
  • Ezequiel Gleichgerrcht & Jean Decety: Empathy in clinical practice: How individual dispositions, gender, and experience moderate empathic concern, burnout, and emotional distress in physicians. In: PLoS ONE 8 (2013), e61526. doi.org/10.1371/journal.pone.0061526
  • Jon K. Maner & Matthew T. Gailliot: Altruism and egoism: Prosocial motivations for helping depend on relationship context. In: European Journal of Social Psychology 37 (2007), 347–358. doi.org/10.1002/ejsp.364
  • Emile G. Bruneau, Mina Cikara & Rebecca Saxe: Parochial empathy predicts reduced altruism and the endorsement of passive harm. In: Social Psychological and Personality Science 8 (2017), 934–942. doi.org/10.1177/1948550617693064
  • Brian M. Vachon, Donald R. Lynam & Jarrod A. Johnson: The (non)relation between empathy and aggression: Surprising results from a meta-analysis. In: Psychological Bulletin 140 (2014), 751–773. doi.org/10.1037/a0035236
  • Mark Ottoni Wilhelm & René Bekkers: Helping behavior, dispositional empathic concern, and the principle of care. In: Social Psychology Quarterly 73 (2010), 11–32. doi.org/10.1177/0190272510361435
  • René Bekkers & Mark Ottoni-Wilhelm: Principle of care and giving to help people in need. In: European Journal of Personality 30 (2016), 240–257. doi.org/10.1002/per.2057

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Von Tobias O. R. Alke, D. Harald Alke

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