Solidarität durch Arbeitsteilung (Durkheim)
Solidarität entsteht nach Émile Durkheim aus der Arbeitsteilung. Weil Menschen Verschiedenes können, sind sie aufeinander angewiesen – und aus dieser Ergänzung wächst Zusammenhalt. Seine Grundlage ist für Durkheim der Altruismus.
Dieser Eintrag behandelt Durkheims Gedanken der Solidarität durch Arbeitsteilung und was er für den Altruismus bedeutet, nicht sein Gesamtwerk.
Zur Person. Émile Durkheim (1858–1917), französischer Soziologe, einer der Begründer der Soziologie als Wissenschaft. Sein erstes großes Werk, De la division du travail social („Über soziale Arbeitsteilung“), erschien 1893. Sein Neffe und Schüler war Marcel Mauss.
Was meint Durkheim mit Solidarität durch Arbeitsteilung?
Durkheim fragt, was eine Gesellschaft zusammenhält. Er unterscheidet zwei Formen, die er nebeneinander stellt:
- Mechanische Solidarität verbindet Menschen, weil sie einander ähnlich sind: dieselbe Lebensweise, dieselben Überzeugungen, ein gemeinsames Bewusstsein. Durkheim spricht von segmentären Gesellschaften, die aus gleichartigen Teilen bestehen.
- Organische Solidarität verbindet Menschen, weil sie verschieden sind. Jeder hat einen eigenen Wirkungskreis, jeder trägt etwas bei, das die anderen nicht beitragen – wie die Organe eines Körpers.
Die zweite Form wächst, wo Gesellschaften größer und dichter werden. Für Durkheim ist die Arbeitsteilung deshalb vor allem eine moralische Erscheinung, keine bloß wirtschaftliche: Ihr wichtigster Ertrag ist nicht mehr Wohlstand, sondern das Gefühl, zueinander zu gehören.
Warum ist der Altruismus die Grundlage?
Durkheim sagt es selbst, in einem der deutlichsten Sätze seines Buches: Der Altruismus sei nicht dazu bestimmt, ein angenehmer Schmuck unseres sozialen Lebens zu werden, sondern er werde immer seine grundlegende Basis sein. Denn Menschen können nicht zusammenleben, ohne einander zu verstehen und folglich ohne sich gegenseitig Opfer zu bringen und sich stark und dauerhaft aneinander zu binden. Jede Gesellschaft, so Durkheim, ist eine moralische Gesellschaft.
Damit steht Durkheim gegen das Bild des Menschen als bloßen Nutzenrechner: Zusammenhalt entsteht nicht aus Berechnung, sondern aus Bindung.
Macht Angewiesenheit unfrei?
Nein – das ist einer der wichtigsten Punkte bei Durkheim. Wer etwas Eigenes beiträgt, ist auf die anderen angewiesen, weil er nicht alles selbst kann. Die Abhängigkeit ist der Ausdruck der Ergänzung, nicht ihr Gegenteil. Und sie macht nicht kleiner: Der Einzelne wird nach Durkheim zugleich „persönlicher und solidarischer“.
Unsere Lesart: Angewiesenheit ist kein Kollektivismus. Sie ist die Form, in der Verschiedene zur Gemeinschaft werden. Kollektivismus beginnt erst dort, wo Ergänzung erzwungen oder Verschiedenheit eingeebnet wird – wo der Einzelne nicht mehr für das geschätzt wird, worin er sich von den anderen unterscheidet (siehe Kollektivismus und Individualismus).
Reicht ein Vertrag?
Nein. Durkheim zeigt, dass jeder Vertrag auf etwas ruht, das nicht im Vertrag steht: auf Vertrauen, Gewohnheiten, gewachsenen Regeln, dem gegebenen Wort. Wären wir nur durch das gebunden, was wir ausdrücklich ausgehandelt haben, ergäbe sich eine höchst gebrechliche Solidarität.
Die Forschung bestätigt das. Der Rechtssoziologe Stewart Macaulay fand schon 1963, dass Unternehmen ihre Geschäfte weit mehr über Vertrauen und laufende Beziehungen regeln als über Vertragsklauseln (Macaulay 1963). Eine Auswertung vieler Studien zeigt, dass Verträge und Vertrauen einander ergänzen, statt sich zu ersetzen (Cao & Lumineau 2015).
Was geschieht, wenn Ordnung erzwungen wird?
Sie zerfällt. Durkheim nennt die erzwungene Arbeitsteilung eine Fehlform: Würden Verträge nur aus Gewalt oder aus Furcht vor Gewalt eingehalten, so wäre die vertragliche Solidarität „auf einzigartige Weise prekär“ („singulièrement précaire“, 1893: 428). Solidarität, die trägt, entsteht aus freier Ergänzung.
Dazu gehört ein Gedanke, der überrascht: Durkheim lehnte es ab, dass eine Regierung Märkte und Preise im Einzelnen regelt – weil die Bedingungen von tausend besonderen Umständen abhängen, die nur die kennen, die ihnen ganz nah sind. Die Regeln einer Tätigkeit gehören deshalb nach ihm in die Berufsgruppen, nahe an die Arbeit selbst. Das ist derselbe Wissensgrund, mit dem später Friedrich August von Hayek gegen die zentrale Steuerung argumentierte (Hayek 1945).
Kann es zu viel Bindung geben?
Ja. In seiner späteren Studie über den Suizid (Le suicide, 1897) beschreibt Durkheim zu wenig Bindung und zu viel Bindung als zwei Gefährdungen: Der Mensch, der ohne jede Bindung lebt, ist ebenso gefährdet wie der, der ganz in der Gruppe aufgeht. Durkheim verlangt das rechte Verhältnis von Individualismus und Altruismus.
Das ist dieselbe Mitte, die Marcel Mauss beschreibt, wenn er vom Bürger verlangt, weder zu gut noch zu gefühllos zu sein (Die Gabe) – und unser Bild vom Kontinuum zwischen Altruismus und Egoismus: Altruismus ist nicht Selbstaufgabe, und Eigenständigkeit ist nicht Bindungslosigkeit (Selbstfürsorge).
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Hat Durkheim später kollektivistisch gedacht?
Das ist eine verbreitete Lesart, auch der Soziologe Michael Baurmann geht von ihr aus: Er liest den Durkheim der Arbeitsteilung als „versteckten methodologischen Individualisten“ und stellt ihm einen späteren, kollektivistischen Durkheim gegenüber (Baurmann 1999). Am Text lässt sich diese Wende so nicht halten. Methodisch dachte Durkheim schon 1893 vom Ganzen her: Das kollektive Leben, schreibt er, sei nicht aus dem individuellen hervorgegangen. Moralisch ging er dagegen zum Individualismus hin: 1898 verteidigte er die Achtung der Person als die einzige gemeinsame Moral, die eine moderne Gesellschaft noch haben könne (Lukes 1973).
Stadt oder Land?
Durkheim bindet die Solidarität der Ergänzung an Dichte und Größe – also eher an die Stadt als an das Land. In der großen Stadt sieht er den Einzelnen sogar vom Druck der Gemeinschaft befreit.
Unsere Lesart: Was Zusammenhalt zerstört, ist keine Siedlungsform. Es ist die Vermassung – dass Menschen als Exemplare einer Menge behandelt werden statt als Einzelne, die etwas Eigenes beitragen. Das kann in der Stadt geschehen und im Dorf ebenso.
Wer schützt die Freiheit?
Hier stellen wir Durkheim und uns nebeneinander, ohne den Gegensatz zu glätten.
- Durkheim: Freiheit ist für ihn das Ergebnis einer Regelung, die verhindert, dass einer seine Überlegenheit nutzt, um die Freiheit des anderen zu unterwerfen. Recht ist die Bedingung der Freiheit.
- Unsere Lesart: Gefährlich wird eine Ordnung, wenn sie Wissen beansprucht, das über unzählige Menschen verstreut ist, und den Einzelnen bevormundet, statt ihm die Entfaltung zu lassen (Hayek 1945).
- Wo wir übereinstimmen: keine erzwungene Arbeitsteilung, keine staatliche Preissetzung, und Regeln aus Gruppen, die der Tätigkeit nahe sind. Durkheim dachte die Berufsgruppe als öffentlich anerkannte Einrichtung; wir betonen ihre Freiwilligkeit.
- Wo wir uns trennen: Durkheim sieht im Recht die Bedingung der Freiheit, wir sehen in der staatlich verbandelten Ordnung die größere Gefahr für sie.
Was sagt die Forschung heute?
- Vertrauen trägt den Vertrag. Verträge und gewachsene Beziehungen ergänzen sich (Macaulay 1963; Cao & Lumineau 2015).
- Eigenständigkeit und Gemeinsinn gehen zusammen. In Ländervergleichen geht ein stärkerer Individualismus mit mehr Vertrauen und gesellschaftlichem Zusammenhalt einher (Allik & Realo 2004) – ein Zusammenhang zwischen Durchschnitten, keine Aussage über einzelne Menschen und keine Rangfolge von Ländern.
- Durkheim bleibt ein Klassiker der Integrationsforschung. Seine Unterscheidung von Bindung durch Ähnlichkeit und Bindung durch Verschiedenheit prägt die Soziologie bis heute (Lukes 1973).
Was hat Tobias O. R. Alke 2017 dazu geschrieben?
In Ausgewählte Perspektiven des Altruismus (2017) ist Durkheim eine der beiden soziologischen Perspektiven. Tobias O. R. Alke las ihn dort mit Michael Baurmann als Denker der freiwilligen Solidarität: Solidarität entsteht aus der Ergänzung Verschiedener, ihre Grundlage ist der Altruismus, und sie lässt sich nicht durch Gewalt erzwingen.
Die Nachprüfung am französischen Original zeigt: Der Kern trägt – stärker als 2017, denn der Satz vom Altruismus als Grundlage steht wörtlich bei Durkheim. Drei Lesarten von 2017 halten dagegen nicht: Die „Theoriewende zum Kollektivismus“ ist Baurmanns Lesart, nicht Durkheims Weg; Abhängigkeit ist bei Durkheim der Ausdruck der Ergänzung, nicht ihr kollektivistisches Gegenteil; und die Solidarität der Verschiedenen ordnet Durkheim der Stadt zu, nicht dem Land. Das vermerkt die Neuausgabe.
Was heißt das praktisch?
- Unterschiede wertschätzen. Zusammenhalt entsteht nicht dadurch, dass alle gleich werden, sondern dadurch, dass jeder etwas Eigenes einbringt.
- Angewiesenheit annehmen. Auf andere angewiesen zu sein ist kein Makel, sondern die Form, in der Gemeinschaft entsteht.
- Auf das Nichtvertragliche achten. Vertrauen, Verlässlichkeit und das gegebene Wort tragen weiter als jede Klausel.
- Nicht erzwingen. Was nur aus Furcht zusammengehalten wird, hält nicht lange.
- Die Mitte suchen. Zu wenig Bindung und zu viel Bindung schaden beide – gute Gemeinschaft lässt dem Einzelnen Raum.
Verwandte Begriffe
Die Gabe (Mauss) · Kollektivismus und Individualismus · Altruismus · Egoismus · Gemeinschaft, die uns stärkt · Reziprozität · Selbstfürsorge
Häufige Fragen
Was ist Solidarität durch Arbeitsteilung – einfach erklärt?
Nach Émile Durkheim halten moderne Gesellschaften nicht zusammen, weil alle gleich sind, sondern weil alle verschieden sind: Jeder kann etwas, was die anderen nicht können, und ist darum auf sie angewiesen. Aus dieser Ergänzung wächst Zusammenhalt. Durkheim nennt das organische Solidarität.
Was ist der Unterschied zwischen mechanischer und organischer Solidarität?
Mechanische Solidarität verbindet Menschen, weil sie einander ähnlich sind – gleiche Lebensweise, gleiche Überzeugungen. Organische Solidarität verbindet Menschen, weil sie verschieden sind und einander ergänzen, wie die Organe eines Körpers. Durkheim stellt beide Formen nebeneinander; die zweite wächst, wo Gesellschaften größer und dichter werden.
Welche Rolle spielt der Altruismus bei Durkheim?
Eine grundlegende. Durkheim schreibt, der Altruismus sei kein angenehmer Schmuck des sozialen Lebens, sondern werde immer seine Grundlage sein: Menschen können nicht zusammenleben, ohne einander zu verstehen und sich gegenseitig Opfer zu bringen.
Macht Arbeitsteilung abhängig und unfrei?
Nach Durkheim nicht. Wer auf andere angewiesen ist, weil er nicht alles selbst kann, wird zugleich eigenständiger und solidarischer. Unfrei wird die Arbeitsteilung erst, wenn sie erzwungen ist – dann nennt Durkheim sie eine Fehlform.
Hat Durkheim später kollektivistisch gedacht?
Das ist eine verbreitete Lesart, die sich am Text so nicht halten lässt. Methodisch dachte Durkheim schon 1893 vom Ganzen her, moralisch ging er eher zum Individualismus: 1898 verteidigte er die Achtung der Person als einzige gemeinsame Moral moderner Gesellschaften.
Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
- — Ein Durkheim-Zitat am französischen Original präzisiert.
- — Neuer Eintrag „Solidarität durch Arbeitsteilung (Durkheim)“: Durkheims Befund am französischen Original geprüft, Forschungsstand, unsere Lesart und wo wir Durkheim widersprechen.
Quellen
- Émile Durkheim: De la division du travail social. Étude sur l’organisation des sociétés supérieures. Félix Alcan, Paris 1893; 2. Aufl. 1902 mit neuem Vorwort über die Berufsgruppen. Deutsch: Über soziale Arbeitsteilung. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1992.
- Émile Durkheim: Le suicide. Étude de sociologie. Félix Alcan, Paris 1897.
- Michael Baurmann: Durkheims individualistische Theorie der sozialen Arbeitsteilung. In: Jürgen Friedrichs & Wolfgang Jagodzinski (Hg.): Soziale Integration. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39 (1999), 85–114. doi.org/10.1007/978-3-322-83345-7_4
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8 – Kap. „Altruismusperspektiven der Soziologie“, „Émile Durkheim“ und „Reflexion von Émile Durkheim zum Diskursüberblick“.
- D. Harald Alke: Energie für Millionen; Numerologie; Die Ethik des Neuen Menschen. Kyborg Institut & Verlag.
- Steven Lukes: Émile Durkheim. His Life and Work. A Historical and Critical Study. Allen Lane, London 1973; Nachdruck Palgrave. doi.org/10.1007/978-1-137-34741-1
- Stewart Macaulay: Non-Contractual Relations in Business: A Preliminary Study. In: American Sociological Review 28 (1963), 55–67. doi.org/10.2307/2090458
- Zhi Cao & Fabrice Lumineau: Revisiting the interplay between contractual and relational governance: A qualitative and meta-analytic investigation. In: Journal of Operations Management 33–34 (2015), 15–42. doi.org/10.1016/j.jom.2014.09.009
- Jüri Allik & Anu Realo: Individualism–Collectivism and Social Capital. In: Journal of Cross-Cultural Psychology 35 (2004), 29–49. doi.org/10.1177/0022022103260381
- Friedrich August von Hayek: The Use of Knowledge in Society. In: American Economic Review 35 (1945), Nr. 4, S. 519–530.
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