Rechnet der Mensch nur für sich? Was Experimente über Eigennutz und Fairness zeigen
Autor: Tobias O. R. Alke · mit Claude (Anthropic)
Standpunkt statt Lexikon. Dieser Beitrag ist eine ausdrücklich subjektive Stellungnahme, datiert auf 2026. Das neutrale Hintergrundwissen steht im Lexikon-Eintrag Egoismus.
Nein – im Experiment kooperieren Menschen häufiger, als ihr materieller Eigennutz verlangt, und Mitgefühl verändert ihre Entscheidungen auch dort, wo Eigennutz eindeutig wäre. Gezeigt hat das zu einem großen Teil die Ökonomie selbst: Sie hat das Modell des reinen Eigennutzes erweitert, ohne die Vernunft aufzugeben. Ob Fairness oder Eigennutz den Ausschlag gibt, entscheidet weniger der einzelne Mensch als die Ordnung, die das Zusammenspiel rahmt.
Was meint das Modell des reinen Eigennutzes – und was nicht?
Zwei Annahmen werden oft verwechselt: dass Menschen vernünftig handeln, und dass sie nur an sich denken. Die Forschung hat die zweite in Frage gestellt, nicht die erste. Axel Ockenfels und Werner Raub geben den reinen Eigennutz auf und halten an der Rationalität fest (2010: 124; siehe Fairness in ökonomischen Entscheidungen).
Ernst Fehr und Klaus Schmidt zeigten 1999, dass Fairnesspräferenzen das Verhalten im Wettbewerb wie in der Zusammenarbeit erklären. Ob am Ende die Fairen oder die Eigennützigen das Ergebnis bestimmen, hängt vom wirtschaftlichen Umfeld ab. Schon Marcel Mauss hielt fest, dass der rein rechnende Mensch keine Urgestalt ist: „L’homo œconomicus n’est pas derrière nous, il est devant nous“ – er liegt nicht hinter uns, sondern vor uns (1925: 176).
Was zeigen Experimente über Kooperation und Mitgefühl?
In einem Gefangenendilemma erfuhren die Teilnehmenden, dass ihr Gegenüber nicht kooperiert hatte. Ohne Mitgefühl kooperierten danach 5 Prozent, mit zuvor gewecktem Mitgefühl 45 Prozent (Batson & Ahmad 2001). Das ist ein Laborbefund; wie weit er sich auf den Alltag übertragen lässt, ist offen. Die Richtung ist deutlich: Mitgefühl verändert Entscheidungen, auch gegen den eigenen Vorteil (siehe Empathie).
Im Experiment von Fehr und Gächter bestraften 84,3 Prozent der Teilnehmenden Nichtkooperierende mindestens einmal auf eigene Kosten, 15,7 Prozent nie und 9,3 Prozent mehr als zehnmal (2002: 137). Die Strafe kostet den Strafenden und nützt anderen.
Gemischte Motive werden streng beurteilt: Wer Gutes tut und selbst davon profitiert, schneidet im Einzelurteil schlechter ab als jemand, der nichts Gutes tut. Im direkten Vergleich beider Fälle verschwindet der Effekt (Newman & Cain 2014: 648, 650).
Ist Strafe ein Prinzip des Marktes?
Nein. Die altruistische Bestrafung ist ein Ordnungsgedanke: Zwang im Namen der Gemeinschaft. Unsere Sicht: Im freien Tausch straft niemand den anderen – er tauscht nur nicht mehr mit ihm. Strafbereitschaft zeigt sich in vielen Gesellschaften, in sehr unterschiedlichem Maß (Henrich u. a. 2006); sie ist kein Merkmal eines Berufs oder einer Denkschule.
Und sie braucht Maß: Strafe, die als eigennützig erlebt wird, kann altruistisches Verhalten mindern (Fehr & Rockenbach 2003; siehe Altruistische Bestrafung).
Können Anreize Gemeinsinn verdrängen?
Ein bekanntes Beispiel: Ein Kindergarten führte eine Geldbuße für verspätetes Abholen ein – und die Verspätungen nahmen zu. Die Eltern lasen die Buße als Preis (Gneezy & Rustichini 2000). Anreize können innere Beweggründe verdrängen, aber unter anderen Bedingungen auch stärken. Sie verdrängen, wenn sie als Kontrolle erlebt werden (Frey & Jegen 2001), und wenn sie signalisieren, dass Eigennutz erwartet wird (Bowles 2016).
Macht ein Wirtschaftsstudium eigennützig?
Studierende der Ökonomie kooperieren im Spiel seltener (Frank, Gilovich & Regan 1993). Dass das Studium sie dazu macht, ist nicht nachgewiesen; wahrscheinlicher ist, dass sich Menschen mit dieser Neigung eher für das Fach entscheiden (Girardi u. a. 2024).
Unsere Folgerung: Wer Modelle lehrt, lehrt ein Menschenbild mit. Deshalb gehört neben das Modell des reinen Eigennutzes, was die Forschung über die prosoziale Natur des Menschen weiß. Die Kritik gilt dem gelehrten Menschenbild, nicht den Lehrenden oder Studierenden.
Was heißt das für Markt und Tausch?
Die Befunde gehen in beide Richtungen. In einer Untersuchung über fünfzehn Gesellschaften ging Marktintegration mit mehr Fairness gegenüber Fremden einher, „although not across all measures“ (Henrich u. a. 2010). Andere Experimente zeigen, dass Marktsituationen moralische Hemmungen senken können (Falk & Szech 2013) – und dass soziale Normen diese Erosion begrenzen (Bartling, Weber & Yao 2015; Bartling & Özdemir 2023).
Unsere These: Der freie Tausch ist individualistisch, und er ist die Grundlage des Altruismus. Unsere Kritik gilt einer politisch gesetzten Ordnung, die sich als Markt ausgibt, nicht dem Tausch selbst. Ausführlich dazu der Standpunkt Wer beutet wirklich aus – Staat oder Markt?.
Mehr zum Hintergrund: Egoismus · Die Möglichkeit des Altruismus (Nagel) · Was die Soziologie vom Altruismus lernen kann
Häufige Fragen
Ist der Mensch von Natur aus egoistisch?
Die Experimente sprechen dagegen, dass er nur an sich denkt: Menschen kooperieren häufiger, als ihr Eigennutz verlangt, und Mitgefühl verändert ihr Handeln. Eigennutz gibt es, aber er ist nicht das ganze Bild.
Was ist „altruistische Bestrafung“?
Ein Fachbegriff von Fehr und Gächter: Menschen bestrafen Trittbrettfahrer auf eigene Kosten, obwohl sie selbst nichts davon haben. „Altruistisch“ heißt hier: Es kostet den Strafenden und nützt anderen – nicht, dass das Motiv edel wäre.
Lehnt die Ökonomie den Eigennutz heute ab?
Die experimentelle Ökonomie hat das Modell erweitert: Fairness und Gegenseitigkeit gehören zu den Präferenzen. Aufgegeben ist die Annahme des reinen Eigennutzes, nicht die Annahme vernünftigen Handelns.
Können Belohnungen schaden?
Ja, unter Bedingungen: Wenn ein Anreiz als Kontrolle erlebt wird oder signalisiert, dass Eigennutz erwartet wird, kann er Gemeinsinn verdrängen. Als Anerkennung erlebt, kann er ihn stärken.
Macht der Markt Menschen unfair?
Die Befunde gehen in beide Richtungen. Unsere Sicht: Entscheidend ist die Ordnung, die den Tausch rahmt – der freie Tausch ist für uns die Grundlage, auf der Altruismus gedeiht.
Quellen
- Axel Ockenfels, Werner Raub: Rational und fair. In: G. Albert, S. Sigmund (Hg.): Soziologische Theorie kontrovers (KZfSS-Sonderheft 50). Wiesbaden: VS 2010, 119–136.
- Ernst Fehr, Klaus M. Schmidt: A theory of fairness, competition, and cooperation. In: The Quarterly Journal of Economics 114 (1999), 817–868. DOI 10.1162/003355399556151
- C. Daniel Batson, Nadia Ahmad: Empathy-induced altruism in a prisoner’s dilemma II. What if the target of empathy has defected? In: European Journal of Social Psychology 31 (2001), 25–36. DOI 10.1002/ejsp.26
- Ernst Fehr, Simon Gächter: Altruistic punishment in humans. In: Nature 415 (2002), 137–140. DOI 10.1038/415137a
- Ernst Fehr, Bettina Rockenbach: Detrimental effects of sanctions on human altruism. In: Nature 422 (2003), 137–140. DOI 10.1038/nature01474
- Joseph Henrich u. a.: Costly punishment across human societies. In: Science 312 (2006), 1767–1770. DOI 10.1126/science.1127333
- Joseph Henrich u. a.: Markets, religion, community size, and the evolution of fairness and punishment. In: Science 327 (2010), 1480–1484. DOI 10.1126/science.1182238
- George E. Newman, Daylian M. Cain: Tainted Altruism. When Doing Some Good Is Evaluated as Worse Than Doing No Good at All. In: Psychological Science 25 (2014), 648–655. DOI 10.1177/0956797613504785
- Uri Gneezy, Aldo Rustichini: A fine is a price. In: The Journal of Legal Studies 29 (2000), 1–17. DOI 10.1086/468061
- Bruno S. Frey, Reto Jegen: Motivation crowding theory. In: Journal of Economic Surveys 15 (2001), 589–611. DOI 10.1111/1467-6419.00150
- Samuel Bowles: The Moral Economy. Why Good Incentives Are No Substitute for Good Citizens. New Haven: Yale University Press 2016. DOI 10.12987/9780300221084
- Robert H. Frank, Thomas Gilovich, Dennis T. Regan: Does studying economics inhibit cooperation? In: Journal of Economic Perspectives 7 (1993), 159–171. DOI 10.1257/jep.7.2.159
- Daniele Girardi, Sai Madhurika Mamunuru, Simon D. Halliday, Samuel Bowles: Does studying economics make you selfish? In: Southern Economic Journal 90 (2024), 792–814. DOI 10.1002/soej.12672
- Armin Falk, Nora Szech: Morals and markets. In: Science 340 (2013), 707–711. DOI 10.1126/science.1231566
- Björn Bartling, Roberto A. Weber, Lan Yao: Do markets erode social responsibility? In: The Quarterly Journal of Economics 130 (2015), 219–266. DOI 10.1093/qje/qju031
- Björn Bartling, Yagiz Özdemir: The limits to moral erosion in markets. Social norms and the replacement excuse. In: Games and Economic Behavior 138 (2023), 143–160. DOI 10.1016/j.geb.2022.12.001
- Marcel Mauss: Essai sur le don. Forme et raison de l’échange dans les sociétés archaïques. In: L’Année sociologique, n. s., 1 (1923–1924, ersch. 1925), 30–186.
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut und Verlag, 2017, Kap. 82. ISBN 978-3-96104-027-8 – eigene Vorarbeit, hier mit den Berichtigungen der Neuausgabe. Eintrag Deutsche Nationalbibliothek