Was die Soziologie vom Altruismus lernen kann

Autor: Tobias O. R. Alke · mit Claude (Anthropic)

Standpunkt statt Lexikon. Dieser Beitrag ist eine ausdrücklich subjektive Stellungnahme, datiert auf 2026. Das neutrale Hintergrundwissen steht im Lexikon-Eintrag Die prosoziale Natur des Menschen.

Das Wort Altruismus hat ein Soziologe geprägt – Auguste Comte, um 1851 –, und Émile Durkheim nannte den Altruismus eine Grundlage jeder Gesellschaft. Die Soziologie kann das Thema zurückgewinnen, wenn sie den Einzelnen als Quelle von Entwicklung ernst nimmt, freie von erzwungener Gegenseitigkeit unterscheidet und ihre Klassiker mit Psychologie, Biologie und Ökonomie zusammenliest. Wir verstehen das als Einladung – auch an die eigene Arbeit.

Warum gehört der Altruismus zur Soziologie?

Comte prägte das Wort in seinem Système de politique positive (siehe Altruismus bei Comte). Durkheim nannte den Altruismus die „base fondamentale“, die tragende Grundlage des gesellschaftlichen Lebens (1893: 249; siehe Solidarität durch Arbeitsteilung).

Heute veröffentlicht die Soziologie unter dem Stichwort Altruismus vergleichsweise wenig. Eine eigene Hochrechnung aus einer Katalogstichprobe kommt auf rund 1,7 Prozent der Titel – unter den dort genannten Bedingungen, die Herleitung steht im Standpunkt Die Entwicklung des Diskurses. Viele soziologische Arbeiten laufen unter anderen Namen: Ehrenamt, Solidarität, Kooperation. Und seit Mitte der 2000er Jahre öffnet sich das Fach biologischen Fragen wieder.

Welche Rolle spielt der Einzelne für die Gemeinschaft?

Erste Anregung: den Einzelnen als Quelle von Entwicklung sehen. Wer vom Gewohnten abweicht, eröffnet neue Möglichkeiten des Handelns und Denkens. Steffen Sigmund zeigt das am Stifter: Stiften verbindet „Bewahren und Gründen, Institution und Innovation“ (2008: 94). Der Stifter ist bei ihm ein Grenzgänger, der zwischen gesellschaftlichen Bereichen vermittelt (2001: 215) – mehr dazu im Standpunkt Reich sterben – eine Schande?.

Auch Marcel Mauss dachte Einzelnen und Gemeinschaft zusammen: Der Mensch soll seine Interessen „personnellement et en groupe“ verteidigen, persönlich und in der Gruppe (1925: 166). Das eine trägt das andere. Mehr dazu im Standpunkt Die Bedeutung des Einzelnen.

Wann verbindet Gegenseitigkeit – und wann erzwingt sie?

Zweite Anregung: freie von erzwungener Gegenseitigkeit unterscheiden. Gegenseitigkeit, die auf frei übernommenen Werten beruht, verbindet. Gegenseitigkeit, die nur durch Zwang erhalten wird, kann den Zusammenhalt aushöhlen, den sie sichern soll.

Die französische Gabensoziologie nach Mauss beschreibt die Gabe als desinteressiert, „nicht weil es keine Gegengabe gibt, sondern weil diese nicht kalkulierbar ist“ (Sigmund 2010: 137). Und wer gibt, muss erwidert werden können: Mauss nannte den Autor und Erfinder „ce bienfaiteur humain“, einen Wohltäter der Menschheit, und begrüßte das französische Folgerecht der Künstler; zugleich räumte er ein, dass Werke ebenso Erzeugnis des kollektiven wie des individuellen Geistes sind (1925: 162 f.). Für uns folgt daraus: Der Schutz geistigen Eigentums ist keine Kommerzialisierung des Geistes, sondern die Erwiderung, die das Geben am Leben hält (siehe Die Gabe (Mauss)).

Braucht Zusammenarbeit Strafe?

Dritte Anregung: Maß statt Prinzip. Im bekannten Experiment von Ernst Fehr und Simon Gächter strafen 84,3 Prozent der Teilnehmenden mindestens einmal, 15,7 Prozent nie und 9,3 Prozent mehr als zehnmal; die Strafe stützt dort die Zusammenarbeit (2002: 137; siehe Altruistische Bestrafung).

Unsere Linie: Strafe als letztes Mittel und im rechten Maß. Erklären, Vorleben und Einsicht wecken tragen weiter. Strafe, die als eigennützig erlebt wird, kann altruistisches Verhalten sogar mindern (Fehr & Rockenbach 2003). Wo Strafe zum Ordnungsprinzip wird, zerstört sie, was sie schützen soll.

Warum lohnt der Blick über die Fachgrenzen?

Vierte Anregung: die Klassiker mit den Nachbarfächern zusammenlesen. Jane Allyn Piliavin, selbst Soziologin, lud 2008 in ihrer Cooley-Mead-Vorlesung die Forschung zu sozialen Bewegungen und zum Helfen zur Zusammenarbeit ein (Piliavin 2009: 209). Stephen Turner beschreibt, wie die Diskussion in der amerikanischen Soziologie „constrained both by ‘professional’ expectations and political taboos“ wurde – begrenzt durch Erwartungen des Berufsstands und politische Tabus (2012: 346). Grenzen des Sagbaren kosten jedes Fach sein Publikum.

Das gilt auch für uns. Jede Disziplin, auch unsere eigene Arbeit, neigt zur Überspezialisierung. Mauss empfahl, das Zerlegte wieder zum Ganzen zusammenzusetzen (1925: 182). Psychologie, Biologie, Ökonomie und Soziologie beschreiben denselben Menschen.

Was heißt das für Ehrenamt und Zivilgesellschaft?

Fünfte Anregung: allen Ordnungen denselben Maßstab anlegen. Wo Zwang die Selbsthilfe verdrängt, wächst der Bedarf an Ausgleich; wo Freiheit besteht, wachsen Vereinigungen aus eigenem Antrieb. Das ist unsere Gegenüberstellung zweier Ordnungsbilder, kein Messbefund. Markt, Staat und Zivilgesellschaft sind alle unvollkommen; Fernando Leal spricht auch vom Versagen der organisierten Bürgerschaft (2006: 569).

Ehrenamt geschieht überwiegend außerhalb kirchlicher Strukturen: In einer finnischen Erhebung engagierten sich 7,1 Prozent ganz oder teilweise in kirchlichen, 30,8 Prozent ausschließlich in anderen Einrichtungen (Yeung 2004: 409). Die Zahl sagt nichts über den Wert des einen oder anderen Engagements; beides steht nebeneinander.

Mehr zum Hintergrund: Die prosoziale Natur des Menschen · Kollektivismus und Individualismus · Altruismus

Häufige Fragen

Wer hat das Wort „Altruismus“ geprägt?

Der französische Soziologe Auguste Comte, um 1851. Altruismus ist also ursprünglich ein soziologischer Begriff.

Beschäftigt sich die Soziologie heute nicht mehr mit Altruismus?

Doch, aber oft unter anderen Namen: Ehrenamt, Solidarität, Kooperation, Zivilgesellschaft. Unter dem Stichwort selbst ist sie im Vergleich zur Psychologie wenig sichtbar; seit Mitte der 2000er Jahre öffnet sie sich dem Thema wieder.

Was ist der Unterschied zwischen freier und erzwungener Gegenseitigkeit?

Freie Gegenseitigkeit beruht auf Werten, die man aus eigenem Willen übernimmt; erzwungene wird durch Strafe und Druck erhalten. Die erste verbindet Menschen, die zweite kann den Zusammenhalt aushöhlen.

Braucht eine Gemeinschaft Strafe?

Im Experiment stützt Strafe die Zusammenarbeit. Unsere Sicht: als letztes Mittel und im rechten Maß. Wo sie zum Prinzip wird, zerstört sie, was sie schützen soll.

Was ist ein „Grenzgänger“?

Ein Begriff von Steffen Sigmund für den Stifter, der zwischen Bereichen der Gesellschaft vermittelt und zwischen Hilfsabsicht und Anerkennung steht – kein Außenseiter, sondern ein Mittler.

Quellen

  • Émile Durkheim: De la division du travail social. Paris: Alcan 1893, S. 249 – Altruismus als „base fondamentale“ der Gesellschaft.
  • Marcel Mauss: Essai sur le don. Forme et raison de l’échange dans les sociétés archaïques. In: L’Année sociologique, n. s., 1 (1923–1924, ersch. 1925), 30–186.
  • Steffen Sigmund: Zwischen Altruismus und symbolischer Anerkennung. Überlegungen zum stifterischen Handeln in modernen Gesellschaften. In: R. Becker u. a. (Hg.): Eigeninteresse und Gemeinwohlbindung. Konstanz: UVK 2001, 213–232.
  • Steffen Sigmund: Ist Gemeinwohl institutionalisierbar? Prolegomena zu einer Soziologie des Stiftungswesens. In: S. Sigmund u. a. (Hg.): Soziale Konstellation und historische Perspektive. Wiesbaden: VS 2008, 81–103.
  • Steffen Sigmund: Fair und rational? Handeln in institutionellen Konstellationen. In: G. Albert, S. Sigmund (Hg.): Soziologische Theorie kontrovers (KZfSS-Sonderheft 50). Wiesbaden: VS 2010, 137–146.
  • Ernst Fehr, Simon Gächter: Altruistic punishment in humans. In: Nature 415 (2002), 137–140. DOI 10.1038/415137a
  • Ernst Fehr, Bettina Rockenbach: Detrimental effects of sanctions on human altruism. In: Nature 422 (2003), 137–140. DOI 10.1038/nature01474
  • Jane Allyn Piliavin: Altruism and Helping. The Evolution of a Field. The 2008 Cooley-Mead Presentation. In: Social Psychology Quarterly 72 (2009), 209–225. DOI 10.1177/019027250907200305
  • Stephen P. Turner: De-intellectualizing American sociology. A history, of sorts. In: Journal of Sociology 48 (2012), 346–363. DOI 10.1177/1440783312458226
  • Fernando Leal: On the ethics and economics of organized citizenship. In: Organization 13 (2006), 569–587. DOI 10.1177/1350508406065106
  • Anne Birgitta Yeung: An intricate triangle. Religiosity, volunteering, and social capital: The European perspective, the case of Finland. In: Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly 33 (2004), 401–422. DOI 10.1177/0899764004265426
  • Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut und Verlag, 2017, Kap. 80 und 84 (Thesen 20–27). ISBN 978-3-96104-027-8 – eigene Vorarbeit, hier mit den Berichtigungen der Neuausgabe. Eintrag Deutsche Nationalbibliothek
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