Fairnesserwartung (Schmidt/Sommerville)
Fairnesserwartung heißt bei Marco F. H. Schmidt und Jessica A. Sommerville, dass schon 15 Monate alte Kinder erwarten, dass ein Dritter Güter gleich verteilt. Sie sehen eine ungleiche Verteilung länger an – und wer diese Erwartung zeigt, gibt einer Fremden eher sein eigenes Lieblingsspielzeug. Fairness und Teilen hängen von Anfang an zusammen.
Dieser Eintrag behandelt diese eine Studie und was sie für das Bild vom Menschen bedeutet, nicht das Gesamtwerk der beiden. Zum Hintergrund siehe prosoziale Natur des Menschen und Altruismus.
Zu den Personen. Marco F. H. Schmidt und Jessica A. Sommerville sind Entwicklungspsychologen. Zur Zeit der Studie forschte Schmidt am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der Arbeitsstätte Michael Tomasellos, und an der University of Washington in Seattle, wo Sommerville die Studie mit ihm durchführte. Sommerville lehrt heute an der University of Toronto.
Was haben Schmidt und Sommerville untersucht?
47 Kinder im Alter von 15 Monaten sahen kurze Filme: Eine Erwachsene verteilte Kekse oder Milch an zwei andere – einmal gleich, einmal ungleich. Die Kinder sahen das ungleiche Ergebnis deutlich länger an. Nach der Methode des Erwartungsbruchs (violation of expectation) heißt das: Sie hatten eine gleiche Verteilung erwartet und waren überrascht, als sie ausblieb.
Danach folgte eine einfache Teilungsaufgabe. Jedes Kind wählte zwischen zwei Spielzeugen ein Lieblingsstück, und eine fremde Erwachsene bat um eines davon. Etwa ein Drittel gab das eigene Lieblingsspielzeug, gut ein Drittel das andere, ein Drittel gab gar nichts. Viele aus der letzten Gruppe zeigten Zeichen von Scheu gegenüber der Fremden – das in diesem Alter typische Fremdeln.
Was ist der eigentliche Befund?
Der Zusammenhang zwischen beidem. Von den Kindern, die ihr Lieblingsspielzeug hergaben, hatten 92 Prozent zuvor die faire Verteilung erwartet. Bei den Kindern, die nur das weniger geliebte Spielzeug gaben, war es umgekehrt: 86 Prozent von ihnen sahen länger auf die faire Verteilung. Die Autoren schließen, dass Kinder mit 15 Monaten die Anfänge eines Sinns für Fairness besitzen („the rudiments of a sense of fairness“) und dass dieser Sinn schon in diesem Alter mit großzügigem Teilen zusammengeht.
Wer seine eigene Fairness am Spielzeug zeigt, achtet also auch bei anderen auf Fairness – Moral beginnt nicht als Regel von außen, sondern als Erwartung, die das Kind selbst mitbringt.
Wie gut ist das bestätigt?
In der Richtung gut. Andere Labore fanden frühe Fairnesserwartungen bei 12 bis 21 Monate alten Kindern (Geraci & Surian 2011; Sloane, Baillargeon & Premack 2012). Dieselbe Arbeitsgruppe hat den Zusammenhang mit dem Teilen des Lieblingsspielzeugs 2013 wiederholt (Sommerville u. a. 2013) und an 150 Kindern gezeigt, dass sich die Erwartung zwischen dem sechsten und fünfzehnten Monat ausbildet – geprägt durch eigene Erfahrung, etwa mit Geschwistern und mit dem eigenen Teilen (Ziv & Sommerville 2017).
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Eine Metaanalyse über die frühe Bewertung hilfsbereiter und hinderlicher Figuren findet zwar einen Effekt, hält die veröffentlichten Werte aber für wohl überschätzt (Margoni & Surian 2018). Und eine große Wiederholung des Fairness-Versuchs in vielen Laboren zugleich gibt es bisher nicht. Die Studie von 2011 ist ein starker Hinweis, kein abgeschlossener Beweis.
Was hat das mit Nowaks fünf Regeln zu tun?
Schmidt und Sommerville ordnen ihren Befund in die Erklärungen ein, mit denen die Evolutionstheorie Kooperation erklärt. Diese Erklärungen hat Martin Nowak 2006 als fünf Regeln zusammengefasst: Verwandtenselektion, direkte, indirekte und Netzwerk-Reziprozität sowie Gruppenselektion. Die beiden Autoren verweisen besonders auf die indirekte Reziprozität – die Gegenseitigkeit über den guten Ruf –, weil sie eng mit Moral und sozialen Normen verbunden ist. Die fünf Regeln selbst sind Nowaks, nicht ihre; mehr dazu unter Reziprozität.
Ist Moral nur eine dünne Schicht?
Das ist die Frage hinter dem Befund. Lange galt in Teilen der Wissenschaft die Annahme, der Mensch sei im Kern eigennützig und Moral nur eine Fassade, die Erziehung und Gesellschaft darüberlegen. Frans de Waal hat dafür den Namen Fassadentheorie geprägt und sie als Irrtum kritisiert (Fassadentheorie (de Waal)).
Berufen hat sich diese Annahme gern auf zwei Namen. Thomas Hobbes beschreibt im Leviathan (1651) den „Krieg aller gegen alle“ – als Zustand ohne gemeinsame Ordnung, nicht als Urteil über die Natur des Menschen: Damit, schreibt er, klage er die Natur des Menschen nicht an. Thomas Henry Huxley nennt die Natur 1888 weder moralisch noch unmoralisch, sondern „non-moral“; die Tierwelt gleiche aus der Sicht des Moralisten einem Gladiatorenkampf, und erst die Gesellschaft verfolge ein moralisches Ziel. Bei Huxley steht die Moral also gegen die Natur. Genau diesen Gedanken widerlegen die Befunde an Kleinkindern: Fairness und Hilfsbereitschaft zeigen sich, bevor Erziehung sie lehren könnte (vgl. Warneken & Tomasello 2006; geteilte Intentionalität).
Unsere Lesart: Der Mensch kommt prosozial angelegt zur Welt
Wir sehen uns mit de Waal auf der Seite der Befunde: Moral ist keine Fassade über einer eigennützigen Natur, sondern wächst aus ihr. D. Harald Alke hat das in Mental Basics (1991) als Lebensregel gefasst: „Gehen Sie von der Annahme aus, daß der Mensch von Natur aus gut ist.“
Daraus folgt eine Kritik an der Lehre. Wo Bildung den Menschen als von Natur aus eigennützig voraussetzt, verfehlt sie die Befundlage – und bringt womöglich hervor, was sie zu beschreiben glaubt. Ein bekannter Befund deutet in diese Richtung: Studierende der Volkswirtschaft, die das Modell des eigennützigen Menschen lernen, kooperieren in Spielversuchen weniger als andere (Frank, Gilovich & Regan 1993); wie viel davon Lernen und wie viel Selbstauswahl ist, ist umstritten. Das Bild des Eigennutz-Menschen gehört für uns zu einer Ordnung, die das verstreute Wissen der Vielen durch Planung ersetzen will – das Wissensproblem, das Friedrich August von Hayek beschrieben hat. Wird die natürliche Ordnung respektiert und bleibt die Macht der Wenigen auf das Notwendige begrenzt, braucht es dieses Menschenbild nicht.
Beginnt Lernen schon vor der Geburt?
Ein Teil davon, ja. Neugeborene erkennen eine Geschichte wieder, die ihnen vor der Geburt vorgelesen wurde (DeCasper & Spence 1986), und Geschmäcker aus der Schwangerschaft prägen spätere Vorlieben (Mennella, Jagnow & Beauchamp 2001). Lernen beginnt also nicht erst mit der Geburt. Ob ein Kind schon vor der Geburt auch soziale Unterschiede wahrnimmt, ist dagegen offen; wir halten es für möglich, aber nicht für belegt.
Was wir 2017 anders gelesen haben
In Ausgewählte Perspektiven des Altruismus (2017) haben wir Schmidt und Sommerville die fünf Mechanismen der Kooperation zugeschrieben – sie stammen von Nowak. Wir haben außerdem gelesen, das Verhalten der Kinder hänge nicht von ihrer Aufmerksamkeit ab, und die „physischen“ Aspekte, auf die die weniger großzügigen Kinder achteten, als materielle Güter verstanden. Am Original ist es anders: Die Blickzeit ist das Maß der Aufmerksamkeit, und mit „physisch“ meinen die Autoren die Bewegungen in der Filmszene. Unser Schluss bleibt, aber er steht jetzt auf dem richtigen Befund.
Verwandte Begriffe
- Prosoziale Natur des Menschen – warum Menschen von Grund auf zum Helfen angelegt sind
- Fassadentheorie (de Waal) – ob Moral nur ein dünner Firnis ist
- Geteilte Intentionalität (Tomasello) – wie Kinder von selbst helfen
- Reziprozität – Gegenseitigkeit und Nowaks fünf Regeln
- Hilfreiches Verhalten (Bierhoff) – wann Menschen helfen und was sie hemmt
- Altruismus – der Begriff und seine Deutungen
Häufige Fragen
Ab wann erwarten Kinder Fairness?
Nach Schmidt und Sommerville (2011) erwarten Kinder mit 15 Monaten, dass ein Erwachsener Kekse oder Milch gleich an zwei Personen verteilt. Folgestudien zeigen, dass sich diese Erwartung zwischen dem sechsten und fünfzehnten Lebensmonat entwickelt; bei sehr einfachen Szenen finden manche Labore sie noch früher.
Wie misst man, was Babys erwarten?
Mit der Blickzeit. Babys sehen länger hin, wenn etwas geschieht, das sie nicht erwartet haben – die Forschung nennt das Erwartungsbruch (violation of expectation). Schauen sie bei einer ungleichen Verteilung länger hin als bei einer gleichen, hatten sie die gleiche erwartet.
Teilen Kinder, die Fairness erwarten, auch selbst eher?
Ja, das ist der Kern der Studie. Ein Drittel der Kinder gab einer fremden Erwachsenen sein Lieblingsspielzeug. Von diesen Kindern hatten fast alle zuvor die faire Verteilung erwartet. Fairness und Teilen hängen also schon mit 15 Monaten zusammen.
Wie gut ist der Befund bestätigt?
In der Richtung gut: Mehrere Labore fanden frühe Fairnesserwartungen, und dieselbe Arbeitsgruppe hat den Zusammenhang mit dem Teilen 2013 wiederholt. Einschränkungen: Eine Metaanalyse zur frühen Bewertung von Helfern und Hinderern weist auf überschätzte Effekte hin, und eine große Wiederholung in vielen Laboren gibt es für diesen Versuch bisher nicht.
Haben Hobbes und Huxley den Menschen für böse gehalten?
Nicht im Wortlaut. Hobbes beschreibt den Krieg aller gegen alle als Zustand ohne gemeinsame Ordnung und betont, er klage damit die Natur des Menschen nicht an. Huxley nennt die Natur nicht unmoralisch, sondern ohne Moral, und setzt die Moral der Gesellschaft gegen sie. Aus beiden wurde die verbreitete Annahme, Moral sei nur eine dünne Schicht über einer eigennützigen Natur – und genau diese Annahme widerlegen die Befunde an Kleinkindern.
Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
- — Neuer Eintrag „Fairnesserwartung (Schmidt/Sommerville)“: die Studie an 15 Monate alten Kindern am Original geprüft, Forschungsstand, Hobbes und Huxley im Wortlaut, unsere Lesart.
Quellen
- Marco F. H. Schmidt & Jessica A. Sommerville: Fairness Expectations and Altruistic Sharing in 15-Month-Old Human Infants. In: PLoS ONE 6 (2011), e23223. doi.org/10.1371/journal.pone.0023223
- Jessica A. Sommerville, Marco F. H. Schmidt, Jung-eun Yun & Monica Burns: The development of fairness expectations and prosocial behavior in the second year of life. In: Infancy 18 (2013), 40–66. doi.org/10.1111/j.1532-7078.2012.00129.x
- Talee Ziv & Jessica A. Sommerville: Developmental differences in infants’ fairness expectations from 6 to 15 months of age. In: Child Development 88 (2017), 1930–1951. doi.org/10.1111/cdev.12674
- Alessandra Geraci & Luca Surian: The developmental roots of fairness: Infants’ reactions to equal and unequal distributions of resources. In: Developmental Science 14 (2011), 1012–1020. doi.org/10.1111/j.1467-7687.2011.01048.x
- Stephanie Sloane, Renée Baillargeon & David Premack: Do infants have a sense of fairness? In: Psychological Science 23 (2012), 196–204. doi.org/10.1177/0956797611422072
- Francesco Margoni & Luca Surian: Infants’ evaluation of prosocial and antisocial agents: A meta-analysis. In: Developmental Psychology 54 (2018), 1445–1455. doi.org/10.1037/dev0000538
- Martin A. Nowak: Five rules for the evolution of cooperation. In: Science 314 (2006), 1560–1563. doi.org/10.1126/science.1133755
- Felix Warneken & Michael Tomasello: Altruistic Helping in Human Infants and Young Chimpanzees. In: Science 311 (2006), 1301–1303. doi.org/10.1126/science.1121448
- Robert H. Frank, Thomas Gilovich & Dennis T. Regan: Does studying economics inhibit cooperation? In: Journal of Economic Perspectives 7 (1993), 159–171. doi.org/10.1257/jep.7.2.159
- Anthony J. DeCasper & Melanie J. Spence: Prenatal maternal speech influences newborns’ perception of speech sounds. In: Infant Behavior and Development 9 (1986), 133–150. doi.org/10.1016/0163-6383(86)90025-1
- Julie A. Mennella, Coren P. Jagnow & Gary K. Beauchamp: Prenatal and postnatal flavor learning by human infants. In: Pediatrics 107 (2001), e88. doi.org/10.1542/peds.107.6.e88
- Thomas Hobbes: Leviathan (1651), Kap. 13.
- Thomas Henry Huxley: The Struggle for Existence in Human Society (1888). In: Collected Essays IX, Macmillan, London 1894, S. 195–236.
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8 – Kap. „Marco F. Schmidt und Jessica A. Sommerville“, „Reflexion …“ und „Beiträge der Sozialpsychologie zur Anregung der Soziologie“.
- Tobias O. R. Alke: Der emotionale Grundstein des Kindes. Kyborg Institut & Verlag, 2016.
- D. Harald Alke: Mental Basics. Kyborg Institut & Verlag, 1991.
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