Die Möglichkeit des Altruismus (Nagel)
Für Thomas Nagel ist Altruismus eine Forderung der Vernunft, kein Gefühl. Wer sich selbst als einen Menschen unter vielen begreift, kann die Gründe anderer nicht für weniger gültig halten als die eigenen – daraus folgt die Bereitschaft, auf ihre Interessen Rücksicht zu nehmen.
Dieser Eintrag behandelt diese eine These aus Nagels Buch Die Möglichkeit des Altruismus (1970), nicht sein Gesamtwerk. Zum Begriff selbst siehe Altruismus, zum Gegenbegriff Egoismus.
Zur Person. Thomas Nagel (geb. 1937) ist US-amerikanischer Philosoph und lehrte lange an der New York University. Bekannt wurde er auch mit dem Aufsatz „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ und dem Buch Der Blick von nirgendwo.
Ist Altruismus ein Gefühl?
Nein – das ist Nagels Ausgangspunkt. Sein Buch beginnt mit dem Satz: „Nicht weniger als unser Denken unterliegt unser Handeln gewissen Anforderungen der Rationalität, und eine davon ist der Altruismus.“ Und gleich darauf: „Er ist alles andere als ein Gefühl.“
Nagel prüft die naheliegende Erklärung, wir hälfen aus Mitleid, und verwirft sie. Wer nur aus Mitleid hilft, könnte sein Mitleid ebenso gut betäuben, statt zu helfen. Es gehe „nicht um Mitleid, sondern schlicht um Konsequenz“. Gefühle können Altruismus begleiten und verstärken – tragen müssen ihn Gründe.
Altruismus heißt bei Nagel auch nicht Selbstaufopferung, sondern „nichts weiter als die Bereitschaft, ohne jede Nebenabsicht auf die Interessen anderer Rücksicht zu nehmen“.
Was hat Klugheit mit Altruismus zu tun?
Nagel baut sein Argument in zwei Schritten. Der erste betrifft die Klugheit: Wer klug handelt, nimmt seine Zukunft so ernst wie die Gegenwart. „Die Gegenwart ist nichts anderes als bloß eine Zeit unter anderen“, schreibt Nagel – sie hat keinen Sonderstatus. Unklug ist, wer künftige Folgen übersieht oder für einen Vorteil im Augenblick opfert.
Der zweite Schritt überträgt dieselbe Haltung von der Zeit auf die Menschen: So wie mein künftiges Ich nicht weniger zählt als das heutige, zählen auch die anderen nicht weniger als ich. Nagel fasst beides in einem Satz: Ethik sei „geradezu der Kampf gegen eine bestimmte Form der sogenannten ›egozentrischen Verlegenheit‹ – ganz so, wie Klugheitsüberlegungen der Aufstand gegen die Tyrannei der Gegenwart sind“.
Klugheit ist bei Nagel also eine Haltung zur Zeit – Weitsicht –, keine Intelligenz.
Was heißt Objektivität bei Nagel?
Objektiv heißt bei Nagel, sich selbst und die eigenen Gründe von einem unpersönlichen Standpunkt aus zu sehen – so, wie man jeden anderen Menschen sähe. Aus diesem Blick wird erkennbar, dass mein Schmerz kein besserer Grund zum Handeln ist als der Schmerz eines anderen. Die meisten von uns, räumt Nagel ein, sind dafür im Alltag „mehr oder weniger blind“ – er schließt sich ausdrücklich ein.
In seinem späteren Buch Der Blick von nirgendwo nennt Nagel die beiden Arten von Gründen mit Derek Parfit relativ (auf die handelnde Person bezogen) und neutral (für jeden gültig).
Ist Egoismus nach Nagel unmöglich?
Nicht unmöglich, aber teuer. Ein konsequenter Egoist müsste nach Nagel jede direkte Sorge um andere aufgeben – und könnte nicht einmal Empörung empfinden, wenn ihm selbst Unrecht geschieht. Denn wer sich empört, setzt voraus, dass auch andere Gründe haben, ihn zu achten. Wer das anerkennt, hat den reinen Egoismus schon verlassen. Nagel verschweigt dabei nicht, dass wir unserem natürlichen Egoismus im Alltag Tribut zollen.
Seine eigene These hat er später abgeschwächt. Nach einer Kritik von Nicholas Sturgeon (1974) schrieb er 1978 in einem Nachwort: Sein Argument zeige nicht, dass nur unpersönliche Gründe gelten, sondern dass jedem persönlichen Grund ein unpersönlicher entspricht. Auch das ist für uns ein Zeichen wissenschaftlicher Redlichkeit.
Was sagt Nagel über Wettbewerb und Ordnung?
Nagel hält Wettbewerb für vernünftig begründbar – im Sport, vor Gericht, in der Wirtschaft –, solange er nach Regeln abläuft, die alle anerkennen können. Aus seinem Ansatz folgt zugleich, dass man sich der Einmischung in die Ziele anderer so weit wie möglich enthalten und eine Ordnung schaffen soll, in der Menschen ihre Ziele verfolgen können. „Zwischen Staaten“, fügt er hinzu, „ist purer Egoismus keinen Deut annehmbarer als zwischen Individuen.“
Unsere Lesart: Weitsicht, Freiheit und freier Tausch
Wir lesen Nagel so: Weitsicht und Rücksicht sind eins. Wer über den Augenblick hinausdenkt, sieht auch über sich selbst hinaus. Das deckt sich mit einer Beobachtung D. Harald Alkes in Mahatma: Fehler entstehen oft aus einem „Mangel an Weitsicht“ und daraus, sich nicht auf die richtigen Dinge zu konzentrieren. Was wir in unseren Arbeiten „Differenzierungsvermögen“ nennen, meint genau diese Weitsicht – das Vermögen, Zusammenhänge über Zeit und Personen hinweg zu sehen –, nicht Intelligenz. Wo Erziehung und Ordnung den Menschen bloß anpassen, schwächen sie dieses Vermögen.
Für den Altruismus heißt das: Er wächst dort, wo Menschen frei urteilen dürfen. Der freie Tausch ist individualistisch – und für uns Grundlage des Altruismus. Was ihn verzerrt, ist nicht der Markt selbst, sondern eine Ordnung, die Märkte reguliert und von oben lenkt und dabei das verstreute Wissen der Vielen durch eine einzige Planung ersetzt – das Wissensproblem, das Friedrich August von Hayek beschrieben hat.
Hayek selbst sah das Verhältnis von Markt und Altruismus anders: Die große Ordnung der Gesellschaft beruht bei ihm auf erlernten Regeln wie Eigentum, Vertrag und Ehrlichkeit, während altruistische Gefühle in die kleine Gruppe gehören (The Fatal Conceit, 1988). Bei der Kritik an Lenkung sind wir uns mit ihm einig, bei der Rolle des Altruismus nicht.
Und noch eine Unterscheidung ist unsere, nicht Nagels: Wir trennen Ethik – Grundsätze, die über der Zeit stehen – von Moral als dem, was gerade gilt. „Unsere Ethik steht über der gerade gültigen Moral“, heißt es bei D. Harald Alke (Die Ethik des Neuen Menschen). Nagel verwendet beide Wörter gleichbedeutend; der Gedanke, dass Altruismus auf Gründen und nicht auf wechselnden Gefühlen beruht, verbindet uns trotzdem.
Was wir 2017 anders gelesen haben
In Ausgewählte Perspektiven des Altruismus (2017) haben wir Nagel an einigen Stellen mehr zugeschrieben, als er sagt: dass mangelnde Empathie den Altruismus mindere (Nagel sagt das Gegenteil), dass Objektivität etwas Persönliches sei (bei ihm ist sie der unpersönliche Standpunkt) und dass er den Markt als Ursache des Egoismus sehe (er rechtfertigt Wettbewerb). An einer Stelle stand „Gründe“, wo Nagel „Gefühle“ schreibt – das ist in der Neuausgabe berichtigt. Unsere Hochschätzung seines Ansatzes bleibt; sie steht jetzt auf dem genaueren Text.
Verwandte Begriffe
- Altruismus – der Begriff und seine Deutungen
- Egoismus – der Gegenbegriff
- Empathie – Mitgefühl als Begleiter, nicht Grund des Altruismus
- Kollektivismus und Individualismus – Ordnung von oben und Ordnung aus Freiheit
- Fairness in ökonomischen Entscheidungen (Ockenfels) – Fairness als Teil der Präferenz
Häufige Fragen
Was meint Thomas Nagel mit der „Möglichkeit des Altruismus“?
Nagel will zeigen, dass Altruismus nicht auf Mitgefühl oder Zuneigung angewiesen ist, sondern aus der Vernunft folgt. Wer begreift, dass er ein Mensch unter vielen ist, kann die Gründe anderer nicht für weniger gültig halten als die eigenen. Altruismus ist bei ihm „nichts weiter als die Bereitschaft, ohne jede Nebenabsicht auf die Interessen anderer Rücksicht zu nehmen“ – ausdrücklich keine Selbstaufopferung.
Ist Altruismus für Nagel ein Gefühl?
Nein. Gleich zu Beginn schreibt er über den Altruismus: „Er ist alles andere als ein Gefühl.“ Gefühle wie Mitleid können ihn begleiten, tragen ihn aber nicht. Es gehe „nicht um Mitleid, sondern schlicht um Konsequenz“.
Was hat Klugheit mit Altruismus zu tun?
Für Nagel sind beide verwandt. Klugheit heißt, die eigene Zukunft so ernst zu nehmen wie die Gegenwart – wer nur an den Augenblick denkt, handelt unklug. Altruismus überträgt dieselbe Haltung von der Zeit auf die Menschen: Wie mein künftiges Ich zählt, zählen auch die anderen.
Hält Nagel Egoismus für unmöglich?
Nicht für unmöglich, aber für eine teure Position. Ein konsequenter Egoist könnte nach Nagel nicht einmal Empörung empfinden, wenn ihm Unrecht geschieht – denn Empörung setzt voraus, dass auch andere Gründe haben, ihn zu achten. Nagel räumt zugleich ein, dass wir unserem natürlichen Egoismus im Alltag Tribut zollen.
Hat Nagel seine These später geändert?
Ja, teilweise. Nach einer Kritik von Nicholas Sturgeon (1974) schwächte Nagel 1978 in einem Nachwort ab: Sein Argument zeige nicht, dass nur unpersönliche Gründe gelten, sondern dass jedem persönlichen Grund ein unpersönlicher entspricht. Später nannte er beide Arten „relativ“ und „neutral“.
Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
- — Neuer Eintrag „Die Möglichkeit des Altruismus (Nagel)“: Altruismus aus Vernunft, Klugheit, Objektivität und Egoismus bei Thomas Nagel am deutschen Original geprüft, unsere Lesart.
Quellen
- Thomas Nagel: Die Möglichkeit des Altruismus. Übers. von Michael Gebauer und Hans-Peter Schütt. 2. Aufl. Philo & Philo Fine Arts, Berlin/Wien 2005 (engl.: The Possibility of Altruism, Oxford 1970; mit Postskript zur Ausgabe von 1978).
- Thomas Nagel: Der Blick von nirgendwo. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2012 (engl.: The View from Nowhere, 1986).
- Nicholas L. Sturgeon: Altruism, Solipsism, and the Objectivity of Reasons. In: The Philosophical Review 83 (1974), 374–402. doi.org/10.2307/2183699
- Friedrich August von Hayek: The Fatal Conceit. The Errors of Socialism. Routledge, London 1988.
- Friedrich August von Hayek: Die Anmaßung von Wissen. Nobelpreisvortrag 1974.
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8 – Kap. „Thomas Nagel“, „Reflexion …“ und „Beiträge der Philosophie zur Anregung der Soziologie“.
- D. Harald Alke: Mahatma. Kyborg Institut & Verlag, 1993; Die Ethik des Neuen Menschen. Kyborg Institut & Verlag, 1993.
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