Sklavenmoral (Nietzsche)
Sklavenmoral nennt Friedrich Nietzsche eine Art zu werten, die aus dem Groll der Ohnmächtigen entsteht: Sie erklärt das Starke zum Bösen und erhebt Mitleiden, Demut und Nützlichkeit zum Guten. Mit Altruismus ist sie bei Nietzsche nicht gleichzusetzen – auch der vornehme Mensch hilft, aber aus Überfluss, nicht aus Pflicht oder Mitleid. Herren- und Sklavenmoral sind für ihn Typen der Wertung, keine Schichten: Sie können im selben Menschen nebeneinander bestehen.
Dieser Eintrag erklärt Nietzsches Begriffe so, wie er sie verwendet, mit seinem Wortlaut und der Fundstelle. Wie wir sie auf heutige Ordnungen übertragen, steht im Standpunkt Das Gute im Menschen bei Friedrich Nietzsche. Zum Begriff selbst siehe Altruismus.
Zur Person. Friedrich Nietzsche (1844–1900) war deutscher Philosoph und klassischer Philologe. Die Begriffe dieses Eintrags stammen vor allem aus Jenseits von Gut und Böse (1886) und Zur Genealogie der Moral (1887). Zitiert wird nach der Kritischen Studienausgabe bzw. der Digitalen Kritischen Gesamtausgabe, in deren Rechtschreibung („Werth“, „Thätigkeit“).
Was meint Nietzsche mit Sklavenmoral und Herrenmoral?
Nietzsche unterscheidet zwei Arten zu werten: „Es giebt Herren-Moral und Sklaven-Moral“ (JGB § 260). In höheren Kulturen kämen beide vermischt vor, „sogar im selben Menschen, innerhalb Einer Seele“ (ebd.). Es sind also Typen, keine Klassen.
Die Herrenmoral wertet aus dem Gefühl der eigenen Fülle; ihr Gegensatz ist gut – schlecht. Die Sklavenmoral wertet aus der Lage der Bedrückten; ihr Gegensatz ist gut – böse: „Während alle vornehme Moral aus einem triumphirenden Ja-sagen zu sich selber herauswächst, sagt die Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem „Ausserhalb“, zu einem „Anders“, zu einem „Nicht-selbst““ (GM I § 10).
Was die Sklavenmoral hochhält, beschreibt Nietzsche so:
„hier kommt das Mitleiden, die gefällige hülfbereite Hand, das warme Herz, die Geduld, der Fleiss, die Demuth, die Freundlichkeit zu Ehren —, denn das sind hier die nützlichsten Eigenschaften und beinahe die einzigen Mittel, den Druck des Daseins auszuhalten. Die Sklaven-Moral ist wesentlich Nützlichkeits-Moral.“ (JGB § 260)
Der „Gute“ dieser Moral sei „gutmüthig, leicht zu betrügen, ein bischen dumm vielleicht“ (ebd.). Das ist Nietzsches zugespitzte Typologie, kein Urteil über Menschen, die so handeln.
Was ist Ressentiment?
Ressentiment ist für Nietzsche der Groll derer, die sich nicht wehren können, und die Quelle der Sklavenmoral:
„Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit, dass das Ressentiment selbst schöpferisch wird und Werthe gebiert“ (GM I § 10).
Das Entscheidende ist die Blickrichtung: „Diese Umkehrung des werthesetzenden Blicks – diese nothwendige Richtung nach Aussen statt zurück auf sich selber – gehört eben zum Ressentiment“ (ebd.). Wer so wertet, bestimmt das Gute erst über das, was er ablehnt. Die heutige Forschung liest das Ressentiment als psychologischen Mechanismus, nicht als Eigenschaft einer Gruppe (Leiter 2019; Reginster 2021).
Wer ist der asketische Priester?
Im dritten Teil der Genealogie der Moral tritt der asketische Priester auf: Hirt und Arzt der Leidenden. „Er vertheidigt in der That gut genug seine kranke Heerde, dieser seltsame Hirt“ (GM III § 15). Er gibt dem Leiden einen Sinn, indem er den Leidenden lehrt, die Schuld bei sich selbst zu suchen: „der Priester ist der Richtungs-Veränderer des Ressentiment“ (ebd.).
Seine Mittel gegen das Leiden zählt Nietzsche auf: „die machinale Thätigkeit“, dazu „die Freude des Freude-Machens (als Wohlthun, Beschenken, Erleichtern, Helfen, Zureden, Trösten, Loben, Auszeichnen)“ und einen Willen zur Gemeinschaft, die Gemeindebildung (GM III § 18).
In die Nähe des asketischen Ideals stellt Nietzsche auch Philosophen, Gelehrte und Künstler: Die Wissenschaft sei „die beste Bundesgenossin des asketischen Ideals“ (GM III § 25), Künstler seien „Kammerdiener einer Moral oder Philosophie oder Religion“ (GM III § 5). Unsere Übertragung dieser Gestalt auf Religion, Ökonomie, Politik, Wissenschaften und Kultur von heute steht im Nietzsche-Standpunkt; sie ist ausdrücklich unsere.
Ist Mitleid bei Nietzsche schlecht?
Nietzsches Kritik gilt dem Wert des „Unegoistischen“, „der Mitleids-, Selbstverleugnungs-, Selbstopferungs-Instinkte“, die Schopenhauer „vergoldet, vergöttlicht und verjenseitigt“ habe (GM Vorrede § 5). Die moderne Moral nennt er eine „Religion des Mitleidens“ (JGB § 202).
Doch er unterscheidet, wer Mitleid hat:
„wenn ein solcher Mann Mitleiden hat, nun! dies Mitleiden hat Werth! Aber was liegt am Mitleiden Derer, welche leiden!“ (JGB § 293)
Gemeint ist ein Mann, der nach Nietzsche „von Natur Herr ist“. Nietzsche verwirft also nicht das Helfen, sondern das Mitleiden als Programm der Leidenden. Davon zu unterscheiden ist das Mitgefühl, das nicht mitleidet, sondern versteht – mehr dazu unter Empathie.
Kennt Nietzsche Altruismus? Die schenkende Tugend
Ja – aber er nennt ihn anders. Der vornehme Mensch hilft dem Unglücklichen, „aber nicht oder fast nicht aus Mitleid, sondern mehr aus einem Drang, den der Überfluss von Macht erzeugt“ (JGB § 260). Im Zarathustra wird daraus die schenkende Tugend:
„eine schenkende Tugend ist die höchste Tugend. […] heil und heilig heisse ich diese Selbstsucht“ (Za I, Von der schenkenden Tugend 1).
Diese gesunde Selbstsucht stellt Nietzsche gegen „die kranke Selbstsucht“, die „immer stehlen will“ (ebd.). Zugleich gilt bei ihm: „der Egoismus gehört zum Wesen der vornehmen Seele“ (JGB § 265), und die Nächstenliebe sei „eure schlechte Liebe zu euch selber“ (Za I, Von der Nächstenliebe). Das Soziologie-Lexikon fasst Nietzsches Sicht so zusammen: Er „fasste den A. als eine verdeckte, nivellierend wirkende Form des Egoismus schwacher Menschen auf (-> Sklavenmoral)“ (Hillmann 2007: 23).
Unsere Lesart: Nietzsches Wort ist Selbstsucht. Wir lesen dieses Geben aus Fülle als wirklichen Altruismus. Er wächst aus dem starken, freien Einzelnen, nicht aus Pflicht und nicht aus Mitleiden. Darin trifft sich Nietzsche mit unserer Überzeugung, dass Altruismus dort am stärksten ist, wo Menschen frei und aus eigener Kraft geben.
Wer ist der starke, der vornehme Mensch?
„Es ist die Sache der Wenigsten, unabhängig zu sein: – es ist ein Vorrecht der Starken“ (JGB § 29). Der vornehme Mensch ist „genöthigt zu einer eigenen Gesetzgebung“ (JGB § 262); zu den Zeichen der Vornehmheit zählt Nietzsche, „die eigne Verantwortlichkeit nicht abgeben wollen, nicht theilen wollen“ (JGB § 272). In der Genealogie heißt er „das souveraine Individuum“, mit „Macht über sich und das Geschick“ (GM II § 2).
Ehrlich gehört dazu: Nietzsches Starker ist nicht gewaltlos. Er kann „einen Verwegenen strafen und niederwerfen“; er ist „ein Mann, der seinen Zorn und sein Schwert hat“ (JGB § 293).
Was sagt Nietzsche über Strafe und Gnade?
Über die Strafe urteilt Nietzsche nüchtern: „damit zähmt die Strafe den Menschen, aber sie macht ihn nicht „besser““ (GM II § 15). Das Vorrecht des Mächtigsten ist bei ihm nicht die Rache, sondern die Gnade: Sie bleibe „das Vorrecht des Mächtigsten, besser noch, sein Jenseits des Rechts“; eine ihrer selbst sichere Gesellschaft könne sich gönnen, „ihren Schädiger straflos zu lassen“ (GM II § 10).
Zugleich spottet er über eine Moral, die aus Furcht am Ende „selbst für ihren Schädiger, den Verbrecher Partei“ nimmt: „Strafen: das scheint ihr irgendworin unbillig“ (JGB § 201). Nietzsche kritisiert also beides – die Grausamkeit der Strafe und ihre Abschaffung aus Furcht. Zur Forschung über Strafe und Kooperation siehe Altruistische Bestrafung (Fehr/Gächter).
Welche Stellen sind umstritten?
Im ersten Teil der Genealogie der Moral (GM I § 7–8) ordnet Nietzsche den „Sklavenaufstand in der Moral“ religionsgeschichtlich zu und spricht von einer „Politik der Rache“. Das ist seine These, mit seiner Zuordnung zu einem Volk und einer Religion. Wir übernehmen diese Zuordnung nicht; Religionen stehen für uns nebeneinander, nicht übereinander. Die Forschung streitet, ob diese Stellen als Antijudaismus oder als Polemik gegen ein Priestertum zu lesen sind (Holub 2016; Niemeyer 2017); Loeb (2018) sieht den Ursprung in einer Priesterkaste. Wie wir die Stelle einordnen, steht im Nietzsche-Standpunkt.
Ebenso gehört zu Nietzsche, dass er Rangordnung bejaht und Sklaverei „in irgend einem Sinne“ für eine Bedingung höherer Kultur hält (JGB § 257). Das ist seine Position; wer ihn liest, sollte sie kennen.
Sklavenmoral heute: Warum gute Taten manchmal abgewertet werden
Nietzsches Begriff ist für die Gegenwart eine Deutung, kein Befund. Was die Forschung zeigt: Gute Taten werden nicht als solche abgewertet, sondern unter bestimmten Bedingungen.
- Wer Gutes tut und selbst davon profitiert, wird im Einzelurteil oft strenger beurteilt als jemand, der nur an sich denkt (tainted altruism, Newman & Cain 2014; vorab registriert repliziert von Alcala u. a. 2022).
- Menschen, deren gutes Verhalten als stiller Vorwurf empfunden wird, werden abgewertet; unbeteiligte Beobachter schätzen sie dagegen (Monin, Sawyer & Marquez 2008; Minson & Monin 2012).
- Auffällig Selbstlose können sogar aus Gruppen gedrängt werden (Parks & Stone 2010). Großzügigkeit verbessert meist den Ruf, kann unter Bedingungen aber auch kosten (Raihani & Power 2021).
- Umgekehrt gilt Freude am Helfen Beobachtern als Zeichen echter Anteilnahme; abgewertet wird, wer Ansehen sucht oder prahlt (Barasch u. a. 2014).
Die Abwertung guter Taten ist ein allgemein menschlicher Mechanismus, keine Eigenschaft einer Schicht, einer Religion oder einer „Moral“. Ausführlicher dazu der Abschnitt Warum werden gute Taten manchmal abgewertet? im Eintrag Altruismus.
Verwandte Begriffe
Altruismus · Nächstenliebe und Altruismus · Egoismus · Empathie · Kollektivismus und Individualismus · Die Möglichkeit des Altruismus (Nagel) · Religion
→ Mehr zur Lesart: Das Gute im Menschen bei Friedrich Nietzsche – asketische Priester heute und der starke Mensch.
Häufige Fragen
Ist Sklavenmoral dasselbe wie Altruismus?
Nein. Sklavenmoral ist bei Nietzsche eine Art zu werten, die aus dem Groll der Ohnmächtigen entsteht und Mitleiden, Demut und Nützlichkeit zum Guten erklärt. Helfen aus Überfluss kennt Nietzsche ebenfalls: Auch der vornehme Mensch hilft dem Unglücklichen – „aus einem Drang, den der Überfluss von Macht erzeugt“.
Lehnte Nietzsche das Mitleid ab?
Er kritisierte den Wert des Mitleidens als höchster Tugend, wie Schopenhauer ihn lehrte, nicht das Helfen. Vom Mitleiden eines starken Menschen sagt er: „dies Mitleiden hat Werth!“ Abgelehnt hat er das Mitleiden als Programm der Leidenden.
Was ist die schenkende Tugend?
In „Also sprach Zarathustra“ nennt Nietzsche das Schenken aus eigener Fülle „die höchste Tugend“. Er nennt sie ausdrücklich Selbstsucht – eine „heil und heilig“ genannte, im Gegensatz zu dem, was er „die kranke Selbstsucht“ nennt, die nur nehmen will. Wir lesen sie als wirklichen Altruismus.
Wer ist bei Nietzsche der asketische Priester?
Eine Gestalt aus der „Genealogie der Moral“: der Hirt und Arzt der Leidenden, der ihrem Leiden einen Sinn gibt, es lindert und sie dabei an sich bindet. Seine Mittel sind unter anderem gleichförmige Arbeit, die verordnete Freude am Wohltun und die Gemeinschaft.
Sind Herren- und Sklavenmoral soziale Schichten?
Nein. Nietzsche beschreibt Typen der Wertung, die sich mischen und „sogar im selben Menschen“ nebeneinander bestehen. Es geht um Arten zu urteilen, nicht um Klassen oder Gruppen.
Verwandte Standpunkte & Aktuelles
Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
- — Neuer Eintrag „Sklavenmoral (Nietzsche)“: Nietzsches Begriffe am Original erklärt, mit der Frage, warum Sklavenmoral kein Altruismus ist.
Quellen
- Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft (1886). In: Kritische Studienausgabe, hg. von G. Colli und M. Montinari, Bd. 5, S. 9–243. München: dtv / Berlin: de Gruyter. Digitale Kritische Gesamtausgabe (eKGWB)
- Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift (1887). In: Kritische Studienausgabe, Bd. 5, S. 245–412. eKGWB
- Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, Erster Theil (1883), Abschnitte „Von der schenkenden Tugend“ und „Von der Nächstenliebe“. In: Kritische Studienausgabe, Bd. 4. eKGWB
- Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie (5. Aufl., begründet von G. Hartfiel), Art. „Altruismus“, S. 23. Stuttgart: Kröner 2007.
- Brian Leiter: Moral Psychology with Nietzsche. Oxford University Press 2019. DOI 10.1093/oso/9780199696505.001.0001
- Bernard Reginster: The Will to Nothingness. An Essay on Nietzsche’s On the Genealogy of Morality. Oxford University Press 2021. DOI 10.1093/oso/9780198868903.001.0001
- Paul S. Loeb: The priestly slave revolt in morality. In: Nietzsche-Studien 47 (2018), 100–139. DOI 10.1515/nietzstu-2018-0005
- Robert C. Holub: Nietzsche’s Jewish Problem. Between Anti-Semitism and Anti-Judaism. Princeton University Press 2016. DOI 10.1515/9781400873906
- Christian Niemeyer: Holubs Nietzsche-Problem [Rezension]. In: Nietzscheforschung 24 (2017), 411–417. DOI 10.1515/nifo-2017-0030
- Michael Ure: The irony of pity. Nietzsche contra Schopenhauer and Rousseau. In: The Journal of Nietzsche Studies 32 (2006), 68–91. DOI 10.2307/20717887
- Emilio Carlo Corriero: ‘The Gift’ in Nietzsche’s Zarathustra. London: Bloomsbury 2021. DOI 10.5040/9781350212695
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- Victoria Alcala u. a.: The tainted altruism effect. A successful pre-registered replication. In: Royal Society Open Science 9 (2022), 211152. DOI 10.1098/rsos.211152
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- Nichola J. Raihani, Eleanor A. Power: No good deed goes unpunished. The social costs of prosocial behaviour. In: Evolutionary Human Sciences 3 (2021), e40. DOI 10.1017/ehs.2021.35
- Alixandra Barasch u. a.: Selfish or selfless? On the signal value of emotion in altruistic behavior. In: Journal of Personality and Social Psychology 107 (2014), 393–413. DOI 10.1037/a0037207
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut und Verlag, 2017, Kap. 43–53. ISBN 978-3-96104-027-8 – eigene Vorarbeit, hier mit den Berichtigungen der Neuausgabe. Eintrag Deutsche Nationalbibliothek
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