Fassadentheorie (de Waal)
Die Fassadentheorie sieht Moral als dünne Schicht über einer egoistischen Natur. Der Primatenforscher Frans de Waal hat ihr diesen Namen gegeben – im Englischen Veneer Theory, die Furnier- oder Fassadentheorie – und ihr widersprochen: Moral ist kein Firnis, sondern wächst aus natürlichen Anlagen, vor allem aus Empathie und Gegenseitigkeit.
Dieser Eintrag behandelt de Waals Kritik an der Fassadentheorie und was sie für den Altruismus bedeutet, nicht sein Gesamtwerk.
Zur Person. Frans de Waal (1948–2024), niederländisch-amerikanischer Primatenforscher und Verhaltensbiologe. Seine Tanner Lectures in Princeton 2003 erschienen 2006 als Primates and Philosophers („Primaten und Philosophen“), zusammen mit Antworten von vier Philosophen und Wissenschaftsautoren.
Was ist die Fassadentheorie?
Die Fassadentheorie geht von einem harten Kern aus: Der Mensch sei von Natur aus selbstsüchtig, und Moral sei eine kulturelle Schicht, die diesen Kern mühsam überdeckt. Ihre bekannteste Formel ist das alte Wort Homo homini lupus, „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, das Thomas Hobbes berühmt gemacht hat.
De Waal führt diese Sicht vor allem auf den Biologen Thomas Henry Huxley zurück, einen Zeitgenossen Darwins, der 1893 in seinem Vortrag Evolution and Ethics die Moral als Kampf gegen den kosmischen Prozess der Natur beschrieb. Der Name „Fassadentheorie“ stammt von de Waal, nicht von Huxley. Und Huxley selbst hielt es durchaus für wahrscheinlich, dass die moralischen Gefühle sich in der Evolution entwickelt haben – ihm ging es um die Frage, wie sich Moral begründen lässt.
Was setzt de Waal ihr entgegen?
De Waals Gegenthese: Menschliche Moral steht in Kontinuität zu den sozialen Anlagen anderer Tiere. Zwei Fähigkeiten nennt er die wichtigsten Bausteine:
- Empathie – vom einfachen Mitempfinden, der Gefühlsansteckung, bis zur gezielten Hilfe für einen anderen.
- Gegenseitigkeit – das Erwidern von Hilfe und Gefälligkeiten über die Zeit (Reziprozität).
Bei Schimpansen und Bonobos beobachtete er, wie sie einander trösten, teilen und sich nach Konflikten versöhnen. Die Fassadentheorie, so de Waal, müsste erklären, woher eine Moral kommen soll, die ganz gegen die eigene Natur arbeitet – und dafür fehlt ihr jeder Beleg.
Ist der Mensch von Natur aus gut?
Das behauptet de Waal nicht. Er lässt ausdrücklich offen, ob der Mensch im Kern gut oder böse ist; die Evolution hat Geselliges und Ungeselliges hervorgebracht.
Unsere Lesart: Der Mensch ist von Natur aus zur Moral befähigt – nicht von Natur aus gut. Die Bausteine sind da, ihr Gebrauch ist nicht garantiert. Darum ist die Annahme des Guten im anderen eine Haltung, keine Tatsachenbehauptung. Und genau hier liegt der Unterschied zu Hobbes: Wer vom Wolf ausgeht, baut Zäune; wer von der Befähigung ausgeht, schafft Raum zur Entfaltung. Harald Alke hat es knapp gesagt: „Man muß nicht den anderen ein Wolf sein.“
Ist Hilfe nicht doch eigennützig?
Das ist der stärkste Einwand gegen die prosoziale Natur des Menschen – und de Waal entkräftet ihn. Dass Helfen sich in der Evolution ausgezahlt hat, macht den Helfenden nicht berechnend. Der helfende Impuls hat sich von den Gründen seiner Entstehung gelöst: Wer einem Weinenden beisteht, rechnet nicht mit einem Vorteil für seine Gene. Die Philosophin Mary Midgley, auf die de Waal sich stützt, unterschied deshalb eigennützig im Sinne der Folgen von egoistisch im Sinne der Absicht.
Eigennutz ist nicht Egoismus. Das „egoistische Gen“ ist ein Bild für die Auslese, keine Aussage über menschliche Motive (siehe Egoismus).
Wie entsteht Mitgefühl?
De Waal beschreibt Empathie als Spektrum, oft als russische Puppe mit mehreren Schichten: innen die einfache Gefühlsansteckung, die viele Tiere teilen; darum herum die besorgte Anteilnahme; außen die Fähigkeit, die Lage des anderen von der eigenen zu unterscheiden und gezielt das zu tun, was ihm hilft.
Mitgefühl beginnt deshalb einfach und früh – schon einjährige Kinder trösten andere. Was mit der Entwicklung wächst, ist die Fähigkeit, gezielt zu helfen, weil man Eigenes und Fremdes unterscheiden lernt. Daraus folgt keine Rangordnung zwischen Menschen: Mitgefühl ist keine Frage von Intelligenz oder Bildung.
Die Psychologie unterscheidet dabei die Anteilnahme, die sich dem anderen zuwendet, von der eigenen Belastung, die vor dem fremden Schmerz flieht (Batson 1990). Im Lexikon von Harald Alke steht dieselbe Richtung als praktischer Rat: „Nicht mitleiden, nur mitfühlen!“ (siehe Empathie).
Kommt das Gefühl vor dem Verstand?
Nach de Waal meist ja: Menschliches Verhalten folgt zuerst schnellen gefühlsmäßigen Bewertungen, die Begründung kommt oft danach. Gefühle sind für ihn ein Kompass im Zusammenleben. Die Forschung bestätigt den Vorrang der Intuition im moralischen Urteil (Haidt 2001) – nicht aber, dass der Verstand nichts zu sagen hätte: Nachdenken kann ein Urteil ändern.
Unsere Lesart: Das Gefühl gibt den ersten Impuls, die Vernunft prüft und erweitert ihn. Wer nur fühlt, bleibt im nahen Kreis; wer nur rechnet, verliert den Anlass.
Wurzelt Moral im Krieg?
De Waal schreibt es selbst und nennt es eine „böse Ironie“: Moral gilt zuerst der eigenen Gruppe, und ihre Ursprünge liegen auch im Zusammenhalt gegen andere. Für Außenstehende gelten moralische Regeln oft kaum.
Das ist eine Beschreibung der Herkunft, kein Lob des Krieges. Unsere Lesart: Der Kreis der Rücksicht lässt sich erweitern – das ist die eigentliche Aufgabe der Ethik. Gesellschaften haben den Geltungsbereich der Moral immer wieder ausgeweitet, und Mitgefühl reicht manchmal sogar über die Front hinweg.
Reichen die Bausteine für Moral?
Hier stehen de Waal und seine Kritiker nebeneinander.
- Christine Korsgaard, Philip Kitcher und Peter Singer antworteten in Primates and Philosophers: Moral beginne erst mit normativer Selbstbestimmung und Unparteilichkeit; Empathie allein bleibe parteiisch (Korsgaard 2006; Kitcher 2006).
- De Waal nahm das auf: Im „Turm der Moral“ teilen Tiere die unteren Stockwerke; die oberste Ebene – Urteil und Überlegung – ist menschlich.
- Unsere Lesart: Die Bausteine sind natürlich, die bewusste Ethik ist Aufgabe des Einzelnen. Das passt zu unserer Unterscheidung von gelebter Ethik und auferlegter Moral (siehe Nächstenliebe und Altruismus). Harald Alke beschreibt Ethik als „auch den Tieren zu eigen“ und Moral als Versuch, Abweichungen davon durch soziale Regeln zu korrigieren: Eine Moral, die die Natur bekämpft, braucht Aufseher – eine Ethik, die auf ihr aufbaut, braucht Einsicht.
Was sagt die Forschung heute?
- Trösten ist verbreiteter als gedacht. Nicht nur Menschenaffen trösten: Asiatische Elefanten beruhigen gestresste Artgenossen (Plotnik & de Waal 2014), und sogar Präriewühlmäuse zeigen Trostverhalten (Burkett u. a. 2016).
- Empathie hat bei Säugetieren gemeinsame Grundlagen – im Verhalten und im Gehirn (de Waal & Preston 2017). Einzelne Tierversuche zur Empathie sind methodisch umstritten; das Gesamtbild hat sich aber gefestigt.
- Selbstwahrnehmung ist kein einfacher Maßstab. Den Spiegeltest, den de Waal mit gezielter Hilfe verband, hat inzwischen sogar ein Fisch bestanden (Kohda u. a. 2019) – der Zusammenhang zwischen Spiegeltest und Empathie ist schwächer, als man annahm.
Was hat Tobias O. R. Alke 2017 dazu geschrieben?
In Ausgewählte Perspektiven des Altruismus (2017) eröffnet de Waal die Perspektiven der Anthropologie. Tobias O. R. Alke las ihn als Kronzeugen gegen das Bild vom Menschen als Wolf: Moral ist ein Produkt der Evolution, Emotionen tragen sie, und Empathie ist die Grundlage des Zusammenlebens.
Die Nachprüfung am englischen Original und an der deutschen Ausgabe zeigt: Der Kern trägt, und manches stärker als 2017 – vor allem die Trennung von evolutionärem Eigennutz und Motiv. Einiges sagt de Waal aber nicht: dass der Mensch von Natur aus gut sei; dass sich der Altruist durch Selbstsicherheit und kognitive Leistungsfähigkeit auszeichne; und die biografische Erklärung von Huxleys Haltung referiert er nur nach dessen Biografen. Das vermerkt die Neuausgabe.
Was heißt das praktisch?
- Vom Gegenüber das Beste annehmen. Nicht als Naivität, sondern als Haltung: Die Anlagen zum Guten sind da.
- Mitfühlen statt mitleiden. Anteilnahme, die beim anderen bleibt, hilft mehr als eigene Belastung.
- Dem ersten Impuls Raum geben – und ihn prüfen. Gefühl und Verstand ergänzen sich.
- Den Kreis weiten. Rücksicht gilt nicht nur den eigenen Leuten.
- Ethik leben statt Moral verordnen. Was aus eigener Einsicht kommt, trägt weiter als jede Vorschrift.
Verwandte Begriffe
Empathie · Prosoziale Natur des Menschen · Egoismus · Altruismus · Reziprozität · Die Gabe (Mauss) · Solidarität durch Arbeitsteilung (Durkheim)
Häufige Fragen
Was ist die Fassadentheorie – einfach erklärt?
Die Fassadentheorie geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus egoistisch ist und Moral nur eine dünne Schicht darüber bildet – wie eine Fassade oder ein Furnier. Den Namen hat ihr der Primatenforscher Frans de Waal gegeben, um sie zu widerlegen.
Was setzt de Waal der Fassadentheorie entgegen?
Moral wächst aus Anlagen, die wir mit anderen sozialen Tieren teilen: Empathie und Gegenseitigkeit. Sie sind die Bausteine, auf denen menschliche Moral aufbaut – nicht Triebe, die sie bekämpfen muss. Menschenaffen trösten, teilen und versöhnen sich.
Ist der Mensch nach de Waal von Natur aus gut?
Das sagt de Waal nicht. Er lässt offen, ob der Mensch im Kern gut oder böse ist. Sein Befund ist, dass der Mensch von Natur aus zur Moral befähigt ist: Die Bausteine sind da, ihr Gebrauch ist nicht garantiert.
Ist Hilfe nicht doch eigennützig, weil sie sich evolutionär ausgezahlt hat?
Nein. Dass Helfen sich in der Evolution bewährt hat, sagt nichts über das Motiv des Helfenden. Der helfende Impuls ist frei vom Grund seiner Entstehung. Evolutionärer Eigennutz und psychologischer Egoismus sind zweierlei.
Brauchen Kinder hohe Intelligenz, um mitfühlend zu sein?
Nein. Mitgefühl beginnt einfach und früh – schon einjährige Kinder trösten andere. Was mit der Entwicklung wächst, ist die Fähigkeit, gezielt zu helfen, weil man die Lage des anderen von der eigenen unterscheiden lernt.
Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
- — Neuer Eintrag „Fassadentheorie (de Waal)“: de Waals Kritik am Original geprüft, Forschungsstand, unsere Lesart und die offene Frage, was Moral über die Bausteine hinaus braucht.
Quellen
- Frans B. M. de Waal: Morality and the Social Instincts: Continuity with the Other Primates. The Tanner Lectures on Human Values, Princeton University, 19.–20. November 2003 (Text 2005). tannerlectures.org
- Frans de Waal: Primates and Philosophers. How Morality Evolved. Hg. Stephen Macedo und Josiah Ober, mit Beiträgen von Robert Wright, Christine M. Korsgaard, Philip Kitcher und Peter Singer. Princeton University Press 2006. doi.org/10.1515/9781400830336 – deutsch: Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte. Hanser, München 2008.
- Thomas Henry Huxley: Evolution and Ethics (1893). In: Collected Essays, Bd. IX. Macmillan, London 1894.
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8 – Kap. „Altruismusperspektiven der Anthropologie“, „Frans de Waal“ und „Reflexion von Frans de Waal zum Diskursüberblick“.
- D. Harald Alke: Die Ethik des Neuen Menschen; Energietraining 1; Lexikon der Gesundheit. Kyborg Institut & Verlag.
- Christine M. Korsgaard: Morality and the Distinctiveness of Human Action. In: de Waal 2006, 98–119. doi.org/10.1515/9781400830336-008
- Philip Kitcher: Ethics and Evolution: How to Get Here from There. In: de Waal 2006, 120–139. doi.org/10.1515/9781400830336-009
- C. Daniel Batson: How social an animal? The human capacity for caring. In: American Psychologist 45 (1990), 336–346. doi.org/10.1037/0003-066X.45.3.336
- Jonathan Haidt: The emotional dog and its rational tail: A social intuitionist approach to moral judgment. In: Psychological Review 108 (2001), 814–834. doi.org/10.1037/0033-295X.108.4.814
- Joshua M. Plotnik & Frans B. M. de Waal: Asian elephants (Elephas maximus) reassure others in distress. In: PeerJ 2 (2014), e278. doi.org/10.7717/peerj.278
- James P. Burkett, Elissar Andari, Zachary V. Johnson, Daniel C. Curry, Frans B. M. de Waal & Larry J. Young: Oxytocin-dependent consolation behavior in rodents. In: Science 351 (2016), 375–378. doi.org/10.1126/science.aac4785
- Frans B. M. de Waal & Stephanie D. Preston: Mammalian empathy: behavioural manifestations and neural basis. In: Nature Reviews Neuroscience 18 (2017), 498–509. doi.org/10.1038/nrn.2017.72
- Masanori Kohda u. a.: If a fish can pass the mark test, what are the implications for consciousness and self-awareness testing in animals? In: PLOS Biology 17 (2019), e3000021. doi.org/10.1371/journal.pbio.3000021
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