Altruismus
Altruismus bezeichnet selbstloses Denken und Handeln zum Wohl anderer – auch dann, wenn es einem selbst etwas kostet. Er ist der klassische Gegenbegriff zum Egoismus und ein Schlüsselthema in Philosophie, Anthropologie, Psychologie, Ökonomie und Soziologie.
Herkunft: Auguste Comte
Der Begriff geht auf den französischen Philosophen Auguste Comte zurück, der um 1851 das Wort „altruisme” (von lateinisch alter, „der andere”) prägte – im Sinne von „vivre pour autrui”, für andere zu leben. Bemerkenswert: Comte ist zugleich der Namensgeber der Soziologie. Begriff und Disziplin entspringen also derselben Quelle und derselben Idee einer auf den Mitmenschen gerichteten Haltung.
Ein interdisziplinäres Feld
Altruismus wird heute in vielen Disziplinen erforscht – am sichtbarsten in Ökonomie und (Sozial-)Psychologie, während die Soziologie, aus der der Begriff stammt, im modernen Diskurs vergleichsweise wenig beiträgt. Zentrale Zugänge sind:
- Reziprozität – Hilfe „auf Gegenseitigkeit”: Geben und Nehmen stützen langfristig Kooperation (vgl. Marcel Mauss, Die Gabe; Axel Ockenfels zu Fairness und Reziprozität).
- Altruistische Bestrafung – Menschen bestrafen Regelverstöße auch zum eigenen Nachteil (Ernst Fehr & Simon Gächter, Nature 2002). Das stabilisiert Kooperation, kann aber in sozialen Druck umschlagen (siehe Kollektivismus und Individualismus).
- Evolution und Entwicklung – Kooperation und Hilfsbereitschaft als Ergebnis von Verwandtschafts- und Gruppendynamik (Frans de Waal; Michael Tomasello, Warum wir kooperieren).
- Philosophie – die Frage nach echtem Altruismus: Ist selbstloses Handeln überhaupt möglich, oder steckt immer ein Eigeninteresse dahinter? (Thomas Nagel, Die Möglichkeit des Altruismus.)
Empirie statt Theorie?
Über die letzten Jahrzehnte hat sich der Diskurs deutlich zur empirischen Forschung verschoben (Experimente, Datenerhebungen), während die theoretische Grundlagenarbeit – besonders in der Soziologie – zurückgegangen ist. Aus unserer Sicht ist das ambivalent: Empirie schärft das Bild, doch ohne theoretische Einordnung droht der Begriff seine Tiefe zu verlieren. Diese Beobachtung steht im Zentrum der hier verlinkten Diskursanalyse.
Vertiefung
Eine detaillierte, quellengestützte Analyse des Altruismus-Diskurses (Disziplinen- und Zeitschriftenauswertung 1990–2013, Methodik) findet sich im Standpunkt Die Entwicklung des Diskurses von Tobias O. R. Alke – ein Auszug aus seiner Arbeit Ausgewählte Perspektiven des Altruismus (2017).
Häufige Fragen
Was ist Altruismus?
Altruismus bezeichnet selbstloses Denken und Handeln zum Wohl anderer – oft auch dann, wenn es einem selbst etwas kostet. Er gilt als Gegenbegriff zum Egoismus.
Woher stammt der Begriff Altruismus?
Der französische Philosoph Auguste Comte prägte um 1851 den Begriff „altruisme“ (von lateinisch alter = der andere) – im Sinne von „vivre pour autrui“, für andere leben. Comte gilt zugleich als Namensgeber der Soziologie.
Was ist altruistische Bestrafung?
Ein Konzept aus der experimentellen Ökonomie (Fehr & Gächter, 2002): Menschen bestrafen Regelverstöße auch dann, wenn ihnen die Bestrafung selbst Nachteile bringt. Das stützt Kooperation in Gruppen – kann aber auch in sozialen Druck und Konformität umschlagen.
Ist Altruismus immer selbstlos?
Das ist umstritten. Evolutions- und Wirtschaftstheorien deuten viele „altruistische“ Handlungen als langfristig vorteilhaft (Reziprozität, Verwandtschaftshilfe), während die Philosophie nach echtem, motivational selbstlosem Altruismus fragt.
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Quellen
- Auguste Comte: Système de politique positive (1851–1854) – Prägung der Begriffe „Altruismus“ (vivre pour autrui) und „Soziologie“.
- Ernst Fehr & Simon Gächter: Altruistic punishment in humans. In: Nature 415 (2002), 137–140. doi.org/10.1038/415137a
- Jane A. Piliavin & Hong-Wen Charng: Altruism: A Review of Recent Theory and Research. In: Annual Review of Sociology 16 (1990), 27–65. doi.org/10.1146/annurev.so.16.080190.000331
- Thomas Nagel: Die Möglichkeit des Altruismus (2. Aufl. 2005). Berlin/Wien: Philo.
- Frans de Waal (Hrsg.): Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte (2008). München: Hanser.
- Michael Tomasello: Warum wir kooperieren (2010). Berlin: Suhrkamp.
- Marcel Mauss: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften (1990). Frankfurt/M.: Suhrkamp.
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut und Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8. Eintrag Deutsche Nationalbibliothek
Autor: Tobias O. R. Alke