Geteilte Intentionalität (Tomasello)
Geteilte Intentionalität ist nach Michael Tomasello die Fähigkeit, mit anderen gemeinsame Ziele und Absichten zu teilen. Zwei Menschen tragen gemeinsam einen Tisch und wissen beide, dass sie ihn gemeinsam tragen – aus diesem „Wir“ entstehen nach Tomasello Zusammenarbeit, Sprache, Normen und Kultur.
Dieser Eintrag behandelt Tomasellos Gedanken der geteilten Intentionalität und was er für den Altruismus bedeutet, nicht sein Gesamtwerk.
Zur Person. Michael Tomasello (geb. 1950), US-amerikanischer Entwicklungspsychologe und Primatenforscher, lange Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Seine Tanner Lectures in Stanford erschienen 2009 als Why We Cooperate („Warum wir kooperieren“).
Was ist geteilte Intentionalität?
Menschenaffen verfolgen Ziele, verstehen auch, was andere sehen und wollen, und arbeiten gelegentlich zusammen. Was ihnen nach Tomasello fehlt, ist das gemeinsame Ziel: ein Plan, den beide kennen und in dem jeder seine Rolle hat. Kinder können das ab etwa anderthalb Jahren. Sie zeigen auf Dinge, um etwas mitzuteilen, tauschen Rollen in Spielen und erwarten, dass der andere sein Teil beiträgt.
Tomasello nennt diese Fähigkeit geteilte Intentionalität oder Wir-Intentionalität. Davon zu unterscheiden ist das, was er Mindreading nennt – das Verstehen dessen, was ein anderer weiß und will. Das ist nicht dasselbe wie Mitgefühl: Auch Affen beherrschen es, im Wettbewerb um Futter sogar gut.
Helfen Kinder von selbst?
Ja – und das ist einer der bekanntesten Befunde aus Tomasellos Arbeitsgruppe. Etwa ab dem ersten Geburtstag helfen Kinder Erwachsenen spontan: Sie heben herunter gefallene Dinge auf, öffnen eine Tür für jemanden mit vollen Händen, zeigen auf etwas Gesuchtes (Warneken & Tomasello 2006). Ermutigung durch die Eltern ändert daran wenig – und Belohnung schwächt das Helfen danach sogar (Warneken & Tomasello 2008).
Erst später lernen Kinder, wem sie helfen: dem, der selbst hilft, eher als dem, der sie ausnutzt. Hier setzt die Sozialisation ein, und Tomasello hat ihr in seinen späteren Büchern mehr Gewicht gegeben. Die neuere Forschung betont das ebenfalls: Schon früh prägen Eltern und Umgebung, wie Kinder helfen (Dahl & Brownell 2019), und mit dem Alter richten Kinder ihr Teilen immer stärker nach den Normen ihrer Gesellschaft aus (House u. a. 2013).
Unsere Lesart: Die Bereitschaft zu helfen ist angelegt, die Richtung wird sozialisiert. Erziehung muss das Helfen nicht erst herstellen – sie kann es aber verschütten. Das ist die prosoziale Natur des Menschen in einer Form, die der Forschung standhält.
Wie wird aus Zusammenarbeit Altruismus?
Tomasello sagt ausdrücklich, er halte den Altruismus nicht für die Grundlage menschlichen Zusammenlebens. Am Anfang steht bei ihm die Zusammenarbeit zum gemeinsamen Nutzen – die Jagd im Team, die gemeinsame Nahrungssuche. Wer dabei auf andere angewiesen ist, hat Grund, für sie zu sorgen und selbst ein guter Partner zu sein, sonst wählt ihn niemand. Aus diesem Lebensstil sei, so Tomasello im Gespräch mit der FAZ, „genuiner Altruismus“ hervorgegangen.
Das passt zu unserer Sicht der Reziprozität: Hilfe auf Augenhöhe beginnt dort, wo beide etwas beitragen. Und es erklärt eine schöne Beobachtung Tomasellos: Lügen funktionieren überhaupt nur, weil Menschen grundsätzlich davon ausgehen, dass andere ihnen helfen. Vertrauen ist der Boden, auf dem auch sein Missbrauch erst möglich wird.
Wie lernen Kinder Normen?
Durch Nachahmung, Teilhabe und Erklärung. Kinder übernehmen nicht nur, was andere tun, sondern auch, wie man es „richtig“ tut – und schon Dreijährige weisen andere zurecht, die eine Spielregel verletzen (Schmidt & Tomasello 2012). Scham und Schuld halten diese Normen innerlich wach.
Was die Erziehung angeht, stützt Tomasello sich auf den Psychologen Martin Hoffman: Kinder, denen Eltern die Folgen ihres Verhaltens für andere erklären, verinnerlichen Normen besser als Kinder, die vor allem gemaßregelt und bestraft werden (Hoffman 1975). Unsere Lesart: Verstehen trägt weiter als Vorschreiben. Was eingesehen ist, hält; was nur befohlen ist, bleibt brüchig. Harald Alke beschreibt das Gegenbild als „Erziehungsbefehle“, von denen man sich als Erwachsener bewusst lösen müsse.
Rächen sich auch Tiere?
Ja. Schimpansen vergelten, wenn ihnen Futter weggenommen wird (Jensen, Call & Tomasello 2007), und sie meiden Partner, die sich als schlechte Mitarbeiter erwiesen haben (Melis, Hare & Tomasello 2006). Was sie nicht tun: als Unbeteiligte einen Regelbruch bestrafen, der sie selbst nicht betrifft.
Diese Durchsetzung von Normen durch Dritte ist nach Tomasello typisch menschlich, und wo sie dem Strafenden Kosten auferlegt, nennt er sie „(altruistisch)“. Strafe stabilisiert bei ihm die Zusammenarbeit, erklärt aber nicht ihren Ursprung.
Wie viel Strafe braucht eine Gemeinschaft?
Hier stehen Tomasello und wir nebeneinander.
- Tomasello: Ohne die Bereitschaft, Normen durchzusetzen, ließe sich eine Gruppe und ihr „Wir“ kaum erhalten.
- Unsere Lesart: Strafe als Tugend zu feiern, ist Zwang als Wohltat. Maßvolle, verlässliche und als fair erlebte Strafe kann Kooperation stabilisieren; ein Übermaß zerstört sie.
- Wo wir uns treffen: im Maß und in der Rolle. Tomasellos unbeteiligter Dritter ist gerade nicht der Gekränkte, der sich rächt. Die Frage lautet dann nicht mehr „Strafe ja oder nein?“, sondern: Wer straft, wie viel – und werden die Gründe vermittelt?
Eine Ordnung, die ihre Gründe vermittelt, braucht weniger Zwang. Harald Alke hat das als Maxime gefasst: Die Gesetze sollten dem Menschen dienen und nicht der Mensch den Gesetzgebern.
Was sagt die Forschung heute?
- Frühes Helfen ist gut belegt – in Laboren und in verschiedenen Kulturen, auch wenn Ausmaß und Form sich unterscheiden.
- Die Rolle der Sozialisation wird heute stärker gewichtet als in Tomasellos frühen Arbeiten (Dahl & Brownell 2019). Er selbst hat seine Theorie später um eine Naturgeschichte der Moral erweitert, in der Verpflichtung und Fairness aus der Zusammenarbeit hervorgehen (Tomasello 2016).
- Verstehen und Helfen hängen zusammen – schwach, aber stabil: Kinder, die besser verstehen, was andere denken, helfen etwas häufiger (Imuta u. a. 2016). Verstehen dient freilich auch dem Täuschen.
- Kritik: Die Primatologin Joan Silk hielt im selben Buch dagegen, dass Menschenaffen sich um das Wohl anderer weit weniger kümmern, als manche Deutung nahelegt – ein Hinweis, die Unterschiede zwischen Mensch und Affe nicht zu überspielen.
Was hat Tobias O. R. Alke 2017 dazu geschrieben?
In Ausgewählte Perspektiven des Altruismus (2017) ist Tomasello die zweite Perspektive der Anthropologie. Tobias O. R. Alke las ihn als Beleg für die prosoziale Natur des Menschen und für eine Solidarität, die aus Zusammenarbeit wächst statt aus Zwang.
Die Nachprüfung am Original zeigt: Der Kern trägt. Einige Zuschreibungen halten nicht: Die Hilfsbereitschaft kleiner Kinder ist bei Tomasello gerade nicht anerzogen; Schimpansen vergelten durchaus; Mindreading ist nicht Empathie; und Strafe hält Tomasello für einen Teil menschlicher Zusammenarbeit. Wo die Arbeit von 2017 vom „Differenzierungsvermögen“ spricht, meint sie die Fähigkeit, Zusammenhänge ganzheitlich zu sehen – nicht Intelligenz oder Bildung; sie kann, so der Verfasser, gerade bei Gebildeten durch Spezialisierung und Lehrmeinung verloren gehen. Das vermerkt die Neuausgabe.
Was heißt das praktisch?
- Hilfsbereitschaft nicht belohnen müssen. Kinder helfen von selbst – Anerkennung genügt, Belohnung kann schaden.
- Erklären statt befehlen. Wer die Folgen für andere versteht, verinnerlicht die Regel.
- Zusammenarbeit ermöglichen. Gemeinsame Aufgaben, bei denen jeder etwas beiträgt, sind der Ort, an dem Rücksicht wächst.
- Vertrauen schützen. Es ist die Grundlage, auf der Gemeinschaft steht – und die jeder Missbrauch beschädigt.
- Bei Strafe aufs Maß achten. Fair, verlässlich, begründet – nie aus Rache.
Verwandte Begriffe
Prosoziale Natur des Menschen · Fassadentheorie (de Waal) · Reziprozität · Altruismus · Empathie · Solidarität durch Arbeitsteilung (Durkheim) · Gemeinschaft, die uns stärkt
Häufige Fragen
Was ist geteilte Intentionalität – einfach erklärt?
Geteilte Intentionalität ist die Fähigkeit, mit anderen ein gemeinsames Ziel zu verfolgen und zu wissen, dass der andere es ebenfalls verfolgt – ein „Wir“. Michael Tomasello sieht darin die Wurzel menschlicher Zusammenarbeit, Sprache und Kultur.
Helfen kleine Kinder von selbst?
Ja. Etwa ab dem ersten Geburtstag helfen Kinder Erwachsenen spontan, ohne Aufforderung und ohne Belohnung. Belohnungen können das Helfen danach sogar schwächen. Was Erziehung und Umgebung bestimmen, ist vor allem, wem und wie Kinder später helfen.
Wie entsteht nach Tomasello Altruismus?
Aus der Zusammenarbeit. Wer bei gemeinsamer Arbeit auf andere angewiesen ist, hat Grund, für sie zu sorgen und ein guter Partner zu sein. Aus diesem kooperativen Lebensstil ist nach Tomasello echter Altruismus hervorgegangen.
Rächen sich auch Tiere?
Ja. Schimpansen vergelten, wenn ihnen etwas weggenommen wird. Was sie nicht tun, ist, als Unbeteiligte Regelverstöße anderer zu bestrafen. Diese Durchsetzung von Normen durch Dritte ist nach Tomasello typisch menschlich.
Wirkt Erklären besser als Befehlen?
Nach dem Stand der Forschung ja: Kinder, denen Eltern die Folgen ihres Verhaltens für andere erklären, verinnerlichen Normen besser und verhalten sich eher prosozial als Kinder, die vor allem gemaßregelt werden. Der Zusammenhang ist gut belegt, wenn auch korrelativ.
Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
- — Neuer Eintrag „Geteilte Intentionalität (Tomasello)“: Tomasellos Befunde am Original geprüft, Forschungsstand, unsere Lesart und die offene Frage zur Strafe.
Quellen
- Michael Tomasello: Why We Cooperate. MIT Press 2009 (Tanner Lectures, Stanford 2008). doi.org/10.7551/mitpress/8470.001.0001 – deutsch: Warum wir kooperieren. Suhrkamp, Berlin 2010.
- Helmut Mayer: Michael Tomasello im Gespräch: „Im tiefsten Sinne sind wir soziale Wesen“. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton, 2011.
- Michael Tomasello, Malinda Carpenter, Josep Call, Tanya Behne & Henrike Moll: Understanding and sharing intentions: The origins of cultural cognition. In: Behavioral and Brain Sciences 28 (2005), 675–691. doi.org/10.1017/S0140525X05000129
- Felix Warneken & Michael Tomasello: Altruistic Helping in Human Infants and Young Chimpanzees. In: Science 311 (2006), 1301–1303. doi.org/10.1126/science.1121448
- Felix Warneken & Michael Tomasello: Extrinsic rewards undermine altruistic tendencies in 20-month-olds. In: Developmental Psychology 44 (2008), 1785–1788. doi.org/10.1037/a0013860
- Keith Jensen, Josep Call & Michael Tomasello: Chimpanzees are vengeful but not spiteful. In: PNAS 104 (2007), 13046–13050. doi.org/10.1073/pnas.0705555104
- Alicia P. Melis, Brian Hare & Michael Tomasello: Chimpanzees recruit the best collaborators. In: Science 311 (2006), 1297–1300. doi.org/10.1126/science.1123007
- Marco F. H. Schmidt & Michael Tomasello: Young children enforce social norms. In: Current Directions in Psychological Science 21 (2012), 232–236. doi.org/10.1177/0963721412448659
- Michael Tomasello: A Natural History of Human Morality. Harvard University Press 2016. doi.org/10.4159/9780674915855
- Audun Dahl & Celia A. Brownell: The social origins of human prosociality. In: Current Directions in Psychological Science 28 (2019), 274–279. doi.org/10.1177/0963721419830386
- Bailey R. House u. a.: Ontogeny of prosocial behavior across diverse societies. In: PNAS 110 (2013), 14586–14591. doi.org/10.1073/pnas.1221217110
- Kana Imuta u. a.: Theory of mind and prosocial behavior in childhood: A meta-analytic review. In: Developmental Psychology 52 (2016), 1192–1205. doi.org/10.1037/dev0000140
- Martin L. Hoffman: Altruistic behavior and the parent-child relationship. In: Journal of Personality and Social Psychology 31 (1975), 937–943. doi.org/10.1037/h0076825
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8 – Kap. „Michael Tomasello“, „Reflexion …“ und „Beiträge der Anthropologie zur Anregung der Soziologie“.
- D. Harald Alke: Energie für Millionen; Mental Basics. Kyborg Institut & Verlag.
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