Nächstenliebe & Altruismus

Nächstenliebe heißt schlicht: freiwillig und selbstlos für andere da sein – zuhören, mit anpacken, jemanden nicht allein lassen. Der Fachbegriff dafür ist Altruismus. Am Kyborg Institut verstehen wir das als praktischen, frei gewählten Wert – kein fernes Ideal und ausdrücklich kein Zwang, sondern etwas, das sich im konkreten Miteinander zeigt.

Altruismus – einfach erklärt

„Altruismus” klingt akademisch, meint aber etwas ganz Alltägliches: Selbstlosigkeit. Das Wort ist sogar vergleichsweise jung. Es wurde 1842 von Auguste Comte, einem der Begründer der Soziologie, geprägt – als Gegenbegriff zum Egoismus, dem reinen Eigennutz. Die Sache selbst ist uralt: In der Alltagssprache nennen wir sie Nächstenliebe.

Gemeint ist nicht der seltene, heldenhafte Ausnahmefall, sondern die ganz normale Bereitschaft, im Alltag auch das Wohl anderer mitzudenken. Nächstenliebe braucht kein großes Programm – sie beginnt im Nahbereich, bei den Menschen, mit denen man tatsächlich zu tun hat.

Freiwillig – nicht erzwungen

So nützlich der Begriff ist: Comtes ursprüngliches Modell halten wir für den falschen Weg. Comte verstand Altruismus als die Unterwerfung des Einzelnen unter den Willen der Masse – zur Sicherung der Ordnung, notfalls mit Gewalt. In seiner Stufenlehre läuft das auf die „Opferung der eigenen Instinkte”, also der eigenen Natur, hinaus. Ein so verstandener Altruismus ist kein Geben aus freien Stücken, sondern ein Ordnungs- und Druckmittel.

Genau hier setzt Friedrich Nietzsche an: Seine Kritik an der „Sklavenmoral” und den „asketischen Priestern” entlarvt eine Selbstlosigkeit, die in Wahrheit Selbstverlust und Unterordnung verlangt. Nietzsche fordert, die kollektivistischen Machtstrukturen dahinter bewusst zu machen – und betont zugleich: Anders als Comte behauptet, ist der Mensch von Grund auf ein prosoziales Wesen. Hilfsbereitschaft muss also nicht erzwungen werden; sie ist bereits da.

Gelebte Ethik statt auferlegter Moral

Dass wahre Selbstlosigkeit von innen kommen muss, ist auch der Kern von D. Harald Alkes Werk „Die Ethik des Neuen Menschen” (1993). Er unterscheidet klar:

Schon Laozi brachte es auf den Punkt: „Je mehr die ethische Ordnung verloren geht, desto mehr Verordnungen und Gesetze sind nötig.” Echte Nächstenliebe lässt sich also nicht verordnen – sie wächst aus einer inneren Haltung. Das ist die Brücke zwischen der akademischen Altruismus-Forschung (die statt einer auferlegten Moral eine gelebte Ethik des Altruismus fordert) und der spirituellen Tradition des Kyborg Instituts.

Dem Menschen liegt das Helfen im Wesen

Hilfsbereitschaft ist nichts Aufgesetztes. Forschungen aus mehreren Fächern – von der Verhaltensbiologie bis zur Entwicklungspsychologie – zeigen prosoziales, also hilfsbereites Verhalten schon bei kleinen Kindern und bei nahen Verwandten im Tierreich.

Diese Sicht hat das Kyborg Institut wissenschaftlich vertieft: In seinem Fachbuch „Ausgewählte Perspektiven des Altruismus” (2017) hat Tobias Alke über 650 Arbeiten aus Soziologie, Philosophie, Anthropologie, Psychologie und Ökonomie ausgewertet. Sein Fazit weist weg vom kollektiven Zwang Comtes – hin zu einem individuellen, freiwilligen Altruismus, getragen von Weitsicht und davon, dass uns die Gefühle ein Kompass für den Gemeinschaftssinn sind (siehe Empathie).

Selbstfürsorge gehört dazu

Nächstenliebe wird manchmal als reine Selbstaufopferung missverstanden. Das ist sie nicht. Am Kyborg Institut gilt eine einfache Kurzformel:

„Tue Gutes, verletze niemand – auch nicht dich selbst.” — D. Harald Alke, Die Ethik des Neuen Menschen

Wer dauerhaft für andere da sein will, muss auch für sich selbst sorgen – sonst läuft die eigene Kraft leer. Selbstfürsorge ist daher kein Widerspruch zur Nächstenliebe, sondern ihre Voraussetzung. Auch in der Fachdiskussion gilt: Selbstlosigkeit braucht Grenzen, sonst kippt sie in Selbstverlust. Und echte Zuwendung entsteht freiwillig – nie über Druck, Schuld oder Angst.

Gemeinschaft: Geben als Kreislauf

Nächstenliebe bleibt eine Idee, solange sie keinen Ort hat, an dem sie wirksam wird. Dieser Ort ist die Gemeinschaft, die uns stärkt. In einem stabilen Umfeld aus Freunden und Verwandten wird gegenseitige Fürsorge konkret – und genau dieses Umfeld trägt nachweislich zum Wohlbefinden bei.

Schon der Soziologe Marcel Mauss beschrieb Geben und Nehmen (Reziprozität) als etwas, das den sozialen Zusammenhalt stiftet. Wer gibt, stärkt das Umfeld, von dem er selbst getragen wird – Fürsorge ist keine Einbahnstraße, sondern ein Kreislauf, in dem alle Beteiligten stabiler werden.

Werte statt Glaubenssätze

Nächstenliebe ist ein Begriff mit langer religiöser Geschichte, doch sie ist nicht an eine bestimmte Konfession gebunden – und schon gar nicht an ihre Erzwingung. Als ethische Grundhaltung findet sie sich in vielen Traditionen wieder; verwandte Fragen behandelt der Eintrag Religion.

Dazu gehört der Gedanke der Verantwortung: dass unser Handeln Folgen hat, die auf uns zurückwirken. In der „Ethik des Neuen Menschen” wird das mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung beschrieben – in vielen Kulturen Karma genannt. Wer Gutes gibt, wirkt über den Moment hinaus. Am Kyborg Institut verstehen wir Nächstenliebe und Altruismus deshalb weltanschaulich offen und freiwillig – als geerdete Werte, die man im eigenen Leben prüfen und einüben kann, unabhängig davon, woran man sonst glaubt.

Häufige Fragen

Was heißt Altruismus – einfach erklärt?

Altruismus bedeutet Selbstlosigkeit: anderen freiwillig und uneigennützig helfen, ohne zuerst nach dem eigenen Vorteil zu fragen. Im Alltag nennen wir das Nächstenliebe. „Altruismus” ist also nur das Fachwort dafür.

Bedeutet Altruismus, sich unterzuordnen oder aufzuopfern?

Nein. Genau dieses Missverständnis lehnen wir ab. Der Begriffsschöpfer Auguste Comte verstand Altruismus als Unterwerfung des Einzelnen unter die Masse – notfalls mit Zwang. Aus unserer Sicht ist das der falsche Weg: Echte Nächstenliebe ist freiwillig, nie erzwungen.

Ist Nächstenliebe eine Moralvorschrift?

Wir verstehen sie als gelebte Ethik, nicht als auferlegte Moral. Ethik ist eine innere, frei gewählte Haltung; Moral sind von außen gesetzte Regeln. Selbstlosigkeit, die von innen kommt, trägt – eine, die man verordnet, nicht.

Woher kommt das Wort Altruismus?

Es wurde 1842 von Auguste Comte, einem der Begründer der Soziologie, geprägt – als Gegenstück zum Egoismus. Comte band den Begriff allerdings an ein kollektivistisches Ordnungsmodell, das wir kritisch sehen. Die Sache selbst – Nächstenliebe – ist viel älter.

Ist Selbstlosigkeit dasselbe wie Selbstaufgabe?

Nein. Wer sich völlig aufopfert, brennt aus. „Tue Gutes, verletze niemand – auch nicht dich selbst”, heißt es am Kyborg Institut. Selbstfürsorge und Nächstenliebe gehören zusammen.

Ist der Mensch von Natur aus hilfsbereit?

Vieles spricht dafür. Forschung zeigt hilfsbereites Verhalten schon bei Kleinkindern und bei nahen Verwandten im Tierreich. Anders als Comte meinte, ist der Mensch von Grund auf ein soziales, hilfsbereites Wesen.

Verwandte Standpunkte & Aktuelles

Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
  • — Eintrag überarbeitet und allgemeinverständlich gefasst; kritische Einordnung (Ablehnung von Comtes Zwangsmodell, Nietzsches „Sklavenmoral”-Kritik) sowie das ethische Fundament aus „Die Ethik des Neuen Menschen” (Ethik statt Moral, Verantwortung/Karma) ergänzt; Harald Alke als Mitautor aufgenommen.

Quellen

  • Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Eine interdisziplinäre Anregung der Soziologie und ihr Gewicht im Altruismusdiskurs von 1990 bis 2013 im Überblick. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8.
  • D. Harald Alke: Die Ethik des Neuen Menschen. Ethik, Moral, Glaube und Verantwortung. Kyborg Institut & Verlag, 1993 (4. Auflage 2016).
  • Auguste Comte: Discours sur l'esprit positif (1842) – Erstprägung des Begriffs „altruisme”.
  • Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral (1887) – Kritik an „Sklavenmoral” und den „asketischen Priestern”.

Autoren: Tobias O. R. Alke, D. Harald Alke