Egoismus
Egoismus ist der Eigennutz – die Neigung, den eigenen Vorteil in den Mittelpunkt zu stellen. Er ist das Gegenstück zum Altruismus, der Selbstlosigkeit. Am Kyborg Institut betrachten wir Egoismus nüchtern – und unterscheiden ihn klar von einer gesunden Selbstfürsorge.
Was ist Egoismus?
Der Begriff ist – wie „Altruismus” – vergleichsweise jung: Das Wort „Egoismus” wurde im 18. Jahrhundert geprägt. In der Ideengeschichte gilt Thomas Hobbes vielen als stärkster Vertreter eines egoistischen Menschenbildes: Solange Menschen ohne eine gemeinsame Gewalt leben, die sie alle in Schach hält, treiben Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht sie in einen „Krieg aller gegen alle“ (Leviathan, Kap. 13). Auf diesem Bild baute er die Idee einer künstlichen Ordnung auf, der sich der Einzelne unterwerfen müsse. Die Leidenschaften selbst nennt Hobbes allerdings keine Sünde, und eine Anklage gegen die Natur des Menschen will er darin ausdrücklich nicht sehen („neither of us accuse mans nature in it“). Ob er den Menschen als reinen Egoisten sah, ist in der Forschung umstritten – wirkmächtig wurde vor allem die Annahme, die man mit ihm verbindet.
Ist der Mensch nur ein Egoist?
Diese düstere Sicht ist umstritten. Wie Tobias Alke in seinem Fachbuch über Nächstenliebe und Altruismus zeigt, deutet neuere Forschung in eine andere Richtung: Der Mensch ist von Grund auf auch ein soziales, hilfsbereites Wesen (siehe Empathie). Egoismus und Altruismus sind dabei kein strenges Entweder-oder, sondern bilden ein Kontinuum – die meisten Menschen tragen beides in sich. Wie sich Eigennutz und Gemeinsinn ausbalancieren lassen, ohne dass einer den anderen erdrückt, behandelt der Eintrag Kollektivismus & Individualismus.
Wie deutlich die Gegenbefunde inzwischen sind, zeigt der Eintrag Die prosoziale Natur des Menschen: Rein eigennütziges Verhalten ist im Experiment die Ausnahme.
Egoismus ist nicht Selbstfürsorge
Wichtig ist eine Unterscheidung: Für sich selbst zu sorgen und eigene Interessen zu vertreten ist gesund und legitim – das ist Selbstfürsorge, nicht Egoismus. Problematisch wird Eigennutz erst, wenn er auf Kosten anderer geht. Wer für sich sorgt, um dauerhaft auch für andere da sein zu können, handelt nicht egoistisch, sondern klug.
Ist Eigeninteresse beim Helfen schlecht?
Nein. Wer hilft, hat fast immer mehrere Gründe zugleich – und das schadet der Hilfe nicht. Entscheidend ist die Grenze zwischen Selbstsorge und Selbstsucht.
- Gemischte Motive sind die Regel. Ehrenamtliche helfen aus Überzeugung, um Neues zu lernen, Menschen kennenzulernen oder sich gut zu fühlen. Im Mittel stehen die eigenen Werte an erster Stelle (Clary u. a. 1998; Chacón u. a. 2017). Wer allerdings vor allem aus eigenem Interesse kommt, bleibt seltener dabei (Stukas u. a. 2016).
- Auch die Freude am Geben ist ein Motiv. Menschen geben nicht nur, damit geholfen wird, sondern auch wegen des guten Gefühls, selbst gegeben zu haben – die Forschung nennt das „warm glow“ (Andreoni 1990). Experimente zeigen, dass beides zusammenwirkt (Ottoni-Wilhelm, Vesterlund & Xie 2017). Den Empfangenden kommt die Gabe so oder so zugute.
- Wer fair behandelt wird, bleibt. Ehrenamtliche bleiben vor allem dort, wo die Organisation sie unterstützt und die Beziehung zu den Verantwortlichen stimmt (Forner u. a. 2024).
- Früh geübt, lange getragen. Engagement in der Jugend wirkt nach – besonders, wenn es freiwillig war und darüber gesprochen wurde (van Goethem u. a. 2014).
- Die großen Traditionen gebieten Selbstliebe. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Levitikus 19,18). „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Und wenn ich nur für mich bin, was bin ich?“ (Sprüche der Väter 1,14). Abgelehnt wird die Selbstsucht, nicht die Sorge für sich selbst.
Tobias O. R. Alke hat 2017 geschrieben, Egoismus dürfe nicht pauschal als negativ gelten – ohne ein Mindestmaß davon gebe es weder politische Veränderung noch Familie. Die Nachprüfung zeigt: Gemeint ist das gesunde Eigeninteresse, das die Arbeit an anderer Stelle selbst „gesunden Egoismus“ nennt. Einige Belege trugen weniger, als die Arbeit annahm – etwa ein Laborspiel, das nichts über reiche Spender sagt, und ein Kierkegaard-Zitat, das vom Verlust des eigenen Selbst handelt. Das vermerkt die Neuausgabe.
D. Harald Alke fasst die Bedingung jeder Hilfe kurz: „Ein kranker Helfer braucht ja selbst Hilfe. Also müssen wir bei uns anfangen.“ Und er knüpft die Nächstenliebe an die Selbstliebe: „Schau die Menschen an, wie sie miteinander umgehen, und Du weißt wie sehr sie sich selbst lieben.“
Wie Vereine, Initiativen und NGOs mit Geld und Einfluss umgehen, behandelt der Eintrag NGOs und Interessenvertretung.
Sind Altruismus und Egoismus Gegensätze?
Eher die beiden Enden eines Kontinuums – die meisten Handlungen liegen irgendwo dazwischen.
- Gemischte Motive sind der Normalfall. Schon in der soziologischen Altruismusforschung heißt es, die Trennung von Altruismus und Egoismus sei eine falsche Zweiteilung: Das meiste Verhalten ist gemischt (Simmons 1991). Experimente bestätigen das: Mitgefühl fügt den eigenen Interessen ein Motiv hinzu, es ersetzt sie nicht (Van Lange 2008).
- Ein gutes Gefühl macht Hilfe nicht egoistisch. Entscheidend ist, ob das gute Gefühl das Ziel ist oder eine Folge. Wer hilft, weil ihm der andere am Herzen liegt, und sich danach gut fühlt, handelt nicht aus Eigennutz (Batson & Shaw 1991).
- Mitfreude gilt besonders den Nahen. Ob wir uns über das Glück eines anderen mitfreuen, hängt stärker als das Mitleid davon ab, wie nahe uns dieser Mensch steht (Royzman & Rozin 2006). Eltern, die sich freuen, wenn es ihren Kindern besser geht als ihnen selbst, sind der typische Fall.
- Gemischte Begründungen können schaden – bei der Bitte. Spendenaufrufe, die zugleich an das eigene gute Gefühl und an das Wohl anderer appellieren, brachten weniger ein als Aufrufe mit nur einem Grund (Feiler, Tost & Grant 2012). Das betrifft die Begründung im Aufruf, nicht die Motive der Gebenden.
Auch Friedrich Nietzsche lässt die Pole ineinanderfallen: Das Schenken aus eigener Fülle, die „schenkende Tugend“, nennt er ausdrücklich Selbstsucht – eine „heil und heilig“ genannte, im Gegensatz zur „kranken Selbstsucht“, die nur nehmen will (siehe Sklavenmoral (Nietzsche)).
Tobias O. R. Alke hat 2017 geschrieben, die strikte Trennung von Altruismus und Egoismus sei abzulehnen. Die Nachprüfung zeigt: Der Kern trägt. Eine damals angeführte Studie handelte aber von Spendenaufrufen statt von Spendenden, und eine andere Stelle war ein Vorbehalt der Autoren, kein Befund. Das vermerkt die Neuausgabe.
D. Harald Alke fasst das Kontinuum in einen Satz: „Ich kann teilen und dabei gewinnen!“ Für die Freude an den eigenen Kindern schreibt er: „Stolz und Freude sind legitime Reaktionen.“ Und in seiner Ethik fallen beide Pole zusammen: „die Liebe die ich meinem Nächsten gebe, gebe ich mir selbst“.
Was heißt das praktisch?
- Eigennutz und Selbstfürsorge auseinanderhalten.
- Eigene Interessen vertreten – ohne andere zu übervorteilen.
- Den Menschen nicht auf den Egoisten reduzieren: Hilfsbereitschaft ist genauso angelegt.
Häufige Fragen
Sind Altruismus und Egoismus Gegensätze?
Eher Pole eines Kontinuums. Die meisten Handlungen haben gemischte Motive, und Mitgefühl verdrängt das Eigeninteresse nicht, sondern tritt hinzu. Dass sich Helfen gut anfühlt, macht es nicht egoistisch – entscheidend ist, ob das gute Gefühl das Ziel ist oder eine Folge.
Ist es schlecht, wenn man beim Helfen auch an sich denkt?
Nein. Fast alle Helfenden haben mehrere Gründe zugleich – Überzeugung, Freude am Geben, Kontakte, Lernen. Das schadet der Hilfe nicht, die Gabe kommt den Empfangenden so oder so zugute. Die Grenze liegt bei der Selbstsucht: wenn der eigene Vorteil auf Kosten anderer geht.
Was ist Egoismus – einfach erklärt?
Egoismus ist der Eigennutz: das eigene Vorteil-Denken in den Mittelpunkt zu stellen. Er ist das Gegenstück zum Altruismus, der Selbstlosigkeit.
Ist der Mensch von Natur aus egoistisch?
Das ist umstritten. Denker wie Thomas Hobbes gingen davon aus, dass Menschen ohne starke gemeinsame Ordnung vor allem auf ihren eigenen Vorteil und ihre Sicherheit bedacht sind. Neuere Forschung deutet aber darauf hin, dass der Mensch von Grund auf auch ein soziales, hilfsbereites Wesen ist.
Ist Egoismus dasselbe wie für sich selbst zu sorgen?
Nein. Für sich selbst zu sorgen und eigene Interessen zu vertreten ist gesund und legitim. Egoismus im negativen Sinn meint, das auf Kosten anderer zu tun. Selbstfürsorge ist kein Egoismus.
Verwandte Standpunkte & Aktuelles
Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
- — Verweis auf den Lexikon-Eintrag Altruismus ergänzt.
- — Querverweis auf den neuen Eintrag „Sklavenmoral (Nietzsche)“ ergänzt.
- — Die Darstellung von Thomas Hobbes am Leviathan präzisiert: Er beschreibt einen Zustand ohne gemeinsame Ordnung, nicht einen „geborenen Egoisten“. Quelle ergänzt.
- — Abschnitt ergänzt: Sind Altruismus und Egoismus Gegensätze? – gemischte Motive und Mitfreude, mit Quellen.
- — Abschnitt ergänzt: Ist Eigeninteresse beim Helfen schlecht? – gemischte Motive, Freude am Geben, Selbstliebe in den Traditionen, mit Quellen.
- — Querverweis auf den neuen Eintrag „Die prosoziale Natur des Menschen“ ergänzt.
- — Neuer Begriffseintrag „Egoismus” angelegt, gestützt auf das Altruismus-Fachbuch von Tobias Alke; klar von Selbstfürsorge abgegrenzt.
Quellen
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Eine interdisziplinäre Anregung der Soziologie und ihr Gewicht im Altruismusdiskurs von 1990 bis 2013 im Überblick. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8.
- E. Gil Clary, Mark Snyder, Robert D. Ridge u. a.: Understanding and assessing the motivations of volunteers: A functional approach. In: Journal of Personality and Social Psychology 74 (1998), 1516–1530. doi.org/10.1037/0022-3514.74.6.1516
- Fernando Chacón, Gema Gutiérrez, Verónica Sauto, María Vecina & Alfonso Pérez: Volunteer Functions Inventory: A systematic review. In: Psicothema 29 (2017), 306–316. doi.org/10.7334/psicothema2016.371
- Arthur A. Stukas, Russell Hoye, Matthew Nicholson, Kevin M. Brown & Laura Aisbett: Motivations to volunteer and their associations with volunteers’ well-being. In: Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly 45 (2016), 112–132. doi.org/10.1177/0899764014561122
- James Andreoni: Impure altruism and donations to public goods: A theory of warm-glow giving. In: The Economic Journal 100 (1990), 464–477. doi.org/10.2307/2234133
- Mark Ottoni-Wilhelm, Lise Vesterlund & Huan Xie: Why do people give? Testing pure and impure altruism. In: American Economic Review 107 (2017), 3617–3633. doi.org/10.1257/aer.20141222
- Vivien W. Forner u. a.: Predictors of turnover amongst volunteers: A systematic review and meta-analysis. In: Journal of Organizational Behavior 45 (2024), 434–458. doi.org/10.1002/job.2729
- Anne van Goethem, Anne van Hoof, Bram Orobio de Castro, Marcel Van Aken & Daniel Hart: The role of reflection in the effects of community service on adolescent development: A meta-analysis. In: Child Development 85 (2014), 2114–2130. doi.org/10.1111/cdev.12274
- D. Harald Alke: Das große Handbuch Horus Energiepyramiden (2017). Kyborg Institut & Verlag.
- D. Harald Alke: Die Ethik des Neuen Menschen. Ethik, Moral, Glaube und Verantwortung (1993). Kyborg Institut & Verlag.
- Roberta G. Simmons: Presidential address on altruism and sociology. In: The Sociological Quarterly 32 (1991), 1–22. doi.org/10.1111/j.1533-8525.1991.tb00342.x
- Paul A. M. Van Lange: Does empathy trigger only altruistic motivation? How about selflessness or justice? In: Emotion 8 (2008), 766–774. doi.org/10.1037/a0013967
- C. Daniel Batson & Laura L. Shaw: Evidence for altruism: Toward a pluralism of prosocial motives. In: Psychological Inquiry 2 (1991), 107–122. doi.org/10.1207/s15327965pli0202_1
- Edward B. Royzman & Paul Rozin: Limits of symhedonia: The differential role of prior emotional attachment in sympathy and sympathetic joy. In: Emotion 6 (2006), 82–93. doi.org/10.1037/1528-3542.6.1.82
- Daniel C. Feiler, Leigh P. Tost & Adam M. Grant: Mixed reasons, missed givings: The costs of blending egoistic and altruistic reasons in donation requests. In: Journal of Experimental Social Psychology 48 (2012), 1322–1328. doi.org/10.1016/j.jesp.2012.05.014
- D. Harald Alke: Die Ethik des Neuen Menschen; Mental Basics; Energie für Millionen. Kyborg Institut & Verlag.
- Thomas Hobbes: Leviathan (1651), Kap. 13. Volltext (Project Gutenberg)
Mehr vom Kyborg Institut in der Google-Suche — Als bevorzugte Quelle festlegen