Gemeinschaft, die uns stärkt
„Gemeinschaft, die uns stärkt” meint ein stabiles soziales Umfeld aus Freundinnen, Freunden und Verwandten. Am Kyborg Institut sind wir überzeugt: Wer sich zugehörig und gut aufgehoben fühlt, fühlt sich oft auch körperlich und seelisch stabiler. Das ist unsere Überzeugung – und sie verbindet sich gut mit Forschungsbefunden. Wie sich dieses Wir mit der Freiheit des Einzelnen verbindet, ohne ihn zu vereinnahmen, behandelt Kollektivismus & Individualismus.
Was die Forschung nahelegt
Soziale Verbundenheit wird in der Wissenschaft mit Wohlbefinden in Verbindung gebracht. Eine vielzitierte Untersuchung kam zu folgendem Befund:
„Jüngst erkrankten bei einem Experiment gesunde Freiwillige, die man Erkältungs- und Grippeviren aussetzte, umso leichter, je weniger Freunde und Verwandte sie um sich herum hatten.” (nach Cohen et al. 1997; zitiert in de Waal 2008: 23)
Solche Befunde deuten darauf hin, dass ein tragfähiges Umfeld dem Menschen guttut. Das ist eine allgemeine Beobachtung zum Wohlbefinden.
Halten Menschen auf dem Land mehr zusammen?
Kurz gesagt: Nicht der Ort entscheidet, sondern die Lebensbedingungen und die Menschen, die eine Gemeinschaft bilden. Stadt und Land unterscheiden sich weniger darin, wie viel Gemeinschaft es gibt, als darin, welche Form sie annimmt.
Tobias O. R. Alke hat in seiner Arbeit über den Altruismus (2017) die Vermutung geäußert, Menschen in ländlichen Regionen verhielten sich prosozialer – mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, es seien „nur wenige Ergebnisse in diesem Bereich“ zu finden. Als mögliche Ursachen nannte er keine Eigenschaften der Bewohner, sondern Bedingungen: knappen Wohnraum, hohe Lebenshaltungskosten, mehr Konkurrenz. Die Nachprüfung zeigt: Von den Studien, auf die er sich stützte, vergleicht nur eine Stadt und Land direkt – und sie fand Vereinsmitgliedschaft und Vertrauen in Dänemark gleich hoch, nur die ehrenamtliche Arbeit in Vereinen auf dem Land höher (Sørensen 2012). Die Neuausgabe der Arbeit vermerkt das.
Was die Forschung seither zeigt:
- Wohlstand statt Urbanität. In einem Feldexperiment in 37 britischen Wohnvierteln sagte nicht die Größe oder Dichte des Ortes voraus, ob Fremden geholfen wurde, sondern der Wohlstand des Viertels (Zwirner & Raihani 2020).
- Andere Form, nicht mehr. Auf dem Land überwiegt bindende Gemeinschaft (enge, vertraute Gruppen), in der Stadt etwas mehr brückenbildende über Gruppengrenzen hinweg – beides hat seinen Wert, und beides lässt sich nicht zugleich maximieren (Sørensen 2016).
- Bleiben stärkt. Wer lange am selben Ort wohnt, engagiert sich eher für sein Umfeld (Oishi et al. 2007) – in der Stadt wie auf dem Dorf.
Die europäischen Zahlen bestätigen das Bild ausgeglichener Unterschiede (Eurostat, EU-SILC 2015, Anteil der Erwachsenen):
| Städte | Kleinstädte und Vororte | ländliche Gebiete | |
|---|---|---|---|
| Ehrenamt in Organisationen | 17,0 % | 20,0 % | 20,0 % |
| informelle Hilfe für andere | 22,3 % | 21,6 % | 23,8 % |
| Bürgerengagement | 14,2 % | 10,9 % | 10,7 % |
Beim Vertrauen in andere Menschen liegen die drei Gruppen praktisch gleichauf (2018: 6,0 / 5,9 / 5,9 auf einer Skala von 0 bis 10). Es sind Rohwerte – ländliche Gebiete sind im Mittel älter, Städte haben mehr Einpersonenhaushalte und mehr Zuzug und Wegzug. Ein Mittelwert sagt dabei nichts über einen einzelnen Menschen – weder Stadt- noch Landbewohner helfen „besser“.
Eine gelebte Erfahrung
D. Harald Alke hat beides gelebt: erst Hamburg, dann ab 1977 den Aufbau eines Selbstversorgerhofs in den Pyrenäen, auf dem die Familie bis 1986 lebte, dann zurück nach Deutschland. Hilfe erlebte er an beiden Orten. Auf dem Hof mit dem Nachbarn: „Wir brachten gemeinsam die Ernten ein, man sah sich, half sich.“ Und in Hamburg, vor dem Aufbruch, brachte ihm eine Nachbarin ungefragt eine Starthilfe: „Ich will, daß sie das schaffen!“ (Mahatma)
Zugleich zog er eine nüchterne Bilanz. Über die vielen, die in der Region einen Neuanfang auf dem Land suchten: „Die meisten der Aussteiger werfen innerhalb weniger Jahre das Handtuch und gehen zurück in die Städte.“ Der Versuch, in kleinen Gemeinschaften zu leben, scheitere „meistens an den schlechten Angewohnheiten mancher Teilnehmer“ (Mahatma). Über seinen offenen Hof schrieb er 1985: „Ganz offensichtlich ist es nicht möglich, auf diese sanfte Tour Menschen zu einem gemeinschaftlichen positiven Verhalten zu erziehen.“ (Energytraining, Band 1)
Unsere Lesart: Das Land macht Menschen nicht solidarischer – es zeigt, ob sie es sind. Gemeinschaft hängt an den Menschen, nicht am Ort. Warum der Mensch überhaupt zur Hilfe angelegt ist, behandelt Die prosoziale Natur des Menschen.
Braucht Zusammenhalt einen Gegner?
Nein. Gemeinschaft stärkt die Hilfe durch Zugehörigkeit, nicht durch Abgrenzung – und es kommt darauf an, wie weit diese Zugehörigkeit reicht.
Dass Menschen ihrer eigenen Gruppe etwas eher helfen, ist gut belegt. Entscheidend ist, warum:
- Begünstigung statt Abwertung. Über viele Studien hinweg kooperieren Menschen mit Mitgliedern der eigenen Gruppe etwas mehr (Balliet, Wu & De Dreu 2014). Das beruht darauf, die eigenen Leute zu bevorzugen – nicht darauf, andere schlechter zu behandeln.
- Überall ähnlich. In einer Studie mit 42 Ländern zeigte sich diese Bevorzugung fast überall in ähnlichem Maß, unabhängig davon, wie fremd sich die Kulturen waren (Romano u. a. 2021). Sie ist eine allgemein menschliche Neigung, kein Merkmal bestimmter Völker.
- Grenzen sind beweglich. Wo der eigene Ruf auf dem Spiel steht, kooperieren Menschen auch mit Fremden mehr (Romano u. a. 2017). Und wer sich einer weiter gefassten Gemeinschaft zugehörig fühlt, hilft auch dem früheren Rivalen: In einem Experiment halfen Fußballfans einem verletzten Fan des gegnerischen Vereins eher, wenn sie zuvor an ihre gemeinsame Fanliebe erinnert worden waren (Levine u. a. 2005).
Tobias O. R. Alke hat 2017 von einer Leidenschaft zur Gruppe gesprochen, zu der auch die Verteidigung geteilter Werte gehöre, und darin eine starke Form der Solidarität gesehen. Die Nachprüfung zeigt: Die Formulierung ist seine eigene, und von Verteidigung ist in den angeführten Studien nicht die Rede – das vermerkt die Neuausgabe. Ein Jahr zuvor hatte er selbst die Gegenseite beschrieben: Wer Regelverletzer aus verinnerlichten Normen heraus bestraft, handle nicht mehr selbstlos, sondern betreibe eine „egoistische Verteidigung des eigenen Wertesystems“.
D. Harald Alke sieht in der Moral zuerst eine Übereinkunft: „Moral ist eine kulturelle Absprache über bestimmte Regeln“. Sie gibt einer Gruppe Halt – aber sie ist nicht dasselbe wie Mitgefühl. Wo Abgrenzung nötig ist, soll sie für etwas stehen, nicht gegen jemanden: „nicht Kampf gegen jemand, sondern für die richtige Sache“. Und über die Herkunft lebendiger Kultur: „Aus der Vielfalt erwächst Kultur, nicht aus der Doktrin einer Kirche, einer Partei oder einer Gesellschaftsordnung.“
Unsere Lesart: Zugehörigkeit ist ein Geschenk, kein Bollwerk. Je weiter wir den Kreis ziehen, dem wir uns zugehörig fühlen, desto weiter reicht auch die Hilfe. Fremde Traditionen stehen dabei für uns nebeneinander, nicht übereinander (siehe Kollektivismus und Individualismus und Die prosoziale Natur des Menschen).
Was stärkt oder schwächt die Hilfsbereitschaft?
Weniger der Geldbeutel als Vertrauen und Begegnung. Und wo Macht ohne Kontrolle das Vertrauen untergräbt, leidet auch die Bereitschaft zu helfen.
- Vertrauen öffnet die Hand. Über viele Studien hinweg geben Menschen eher, wenn sie vertrauen – am stärksten, wenn sie der Organisation vertrauen, die das Geld verwendet (Chapman, Hornsey & Gillespie 2021).
- Nicht das Einkommen entscheidet. Zwischen sozialer Schicht und Hilfsbereitschaft besteht nur ein sehr kleiner Zusammenhang (Wu u. a. 2025). Die Hilfe unter Nachbarn und Freunden hängt kaum vom Einkommen ab.
- Die häufigste Hilfe ist die unsichtbarste. Informelles Helfen – die Nachbarin, der man die Einkäufe trägt, der Freund, der beim Umzug anpackt – ist die verbreitetste Form des Engagements und zugleich die am wenigsten erforschte (Einolf u. a. 2016). Ganz besonders gilt das für pflegende Angehörige: In Deutschland wurden Ende 2023 rund 4,9 Millionen pflegebedürftige Menschen zu Hause versorgt, 3,1 Millionen davon überwiegend von Angehörigen (Statistisches Bundesamt). Diese Hilfe trägt einen großen Teil der Pflege – und taucht in den Statistiken über Ehrenamt meist gar nicht auf.
- Not, die man sieht, bewegt. Nach Naturkatastrophen wird im Mittel mehr gespendet als nach Unglücken, die Menschen verursacht haben (Zagefka u. a. 2011). Das zeigte auch die Flut 2021 an Ahr und Erft: Privatleute und Unternehmen spendeten über 650 Millionen Euro, und diese Hilfe kam schnell an. Vom staatlichen Aufbaufonds mit bis zu 30 Milliarden Euro waren dagegen fünf Jahre später in Nordrhein-Westfalen rund 4,7 und in Rheinland-Pfalz gut 3,7 Milliarden Euro bewilligt – aufwändige Anträge, fehlendes Personal und zu viele Zuständigkeiten bremsten die Hilfe (Bundeszentrale für politische Bildung; epd).
- Macht ohne Kontrolle kostet Vertrauen. Wo Amtsträger viel Macht, viel Ermessen und wenig Rechenschaftspflicht haben, gedeiht Korruption – so fasst es der Korruptionsforscher Robert Klitgaard zusammen. Und wo Menschen Korruption erleben, sinkt ihr Vertrauen in andere ganz allgemein (Rothstein & Uslaner 2005). Das gilt für jedes politische System. Es ist der Grund, warum Transparenz und Rechenschaft nicht nur Verwaltungsfragen sind, sondern auch die Hilfsbereitschaft einer Gesellschaft schützen.
Tobias O. R. Alke hat 2017 eine Reihe solcher Einflussgrößen zusammengetragen. Die Nachprüfung zeigt: Manche Befunde las die Arbeit zu weit – etwa beim sozialen Status, den sie als Kennzeichen der Hilfsbereitschaft verstand. Das vermerkt die Neuausgabe. Die Richtung, dass Vertrauen und Begegnung zählen, hält.
D. Harald Alke hat das am eigenen Hof erlebt. Als er um kleine Spenden für den Unterhalt bat, kam wenig – aber: „Die armen Tramper gaben uns etwas von ihren paar Pfennigen“. Eine Einzelerfahrung, kein Gesetz; aber sie passt zum Befund, dass Großzügigkeit nicht am Vermögen hängt. Und eine Begegnung, die er nicht vergaß: Nach einem Seminar „lief plötzlich eine zart gebaute alte Lady in einem rosa Kostüm auf mich zu und drückte mir 200 DM in die Hand“ – genau das Geld für die Fahrkarte, die er zwei Tage später brauchte.
Wie muss Hilfe organisiert sein, damit sie hilft?
Hilfe braucht Gelegenheiten – und sie wirkt am besten, wenn sie Menschen selbstständig macht, statt sie abhängig zu halten.
- Gute Organisation erzeugt Hilfsbereitschaft. Wie viele Menschen Blut spenden, hängt stark davon ab, wie die Blutsammlung organisiert ist – ob Staat, Rotes Kreuz oder Blutbank sie trägt, wie leicht der Zugang ist. Sammelsysteme „betten Altruismus ein“, indem sie Gelegenheiten zum Geben schaffen (Healy 2000).
- Geben aus Fürsorge – und mit Freude. Blutspender nennen als häufigsten Grund, anderen helfen zu wollen. Viele erleben das Spenden zugleich als persönlich bereichernd (Bednall & Bove 2011; Ferguson u. a. 2012). Das ist kein Eigennutz, sondern das gute Gefühl, das zum Geben gehört.
- Hilfe zur Selbsthilfe wirkt. Ein Programm, das sehr armen Haushalten in sechs Ländern ein produktives Startkapital gab – etwa Nutztiere –, dazu Schulung, eine Zeit lang Unterstützung und Begleitung, verbesserte ihre Lage noch Jahre später (Banerjee u. a. 2015).
- Wo Verfahren bremsen, bleibt Hilfe liegen. Das zeigte die Flut 2021 (siehe oben): Die private Hilfe kam schnell an, die staatlichen Mittel blieben in Anträgen und Zuständigkeiten stecken.
Tobias O. R. Alke hat 2017 gefordert, Wohltätigkeit, Ehrenamt und Spenden gründlicher zu erforschen, und angenommen, Blutspenden seien meist eigennützig und die Soziologie habe das Interesse am Thema verloren. Die Nachprüfung zeigt: Die Forschung gibt es – in der Soziologie wie in der Psychologie, oft unter Namen wie Ehrenamt, Solidarität oder Kooperation –, und Blutspender handeln überwiegend aus Fürsorge. Das vermerkt die Neuausgabe. Die Forderung selbst bleibt richtig: Wie Hilfe organisiert ist, wird noch zu selten untersucht.
D. Harald Alke hat dazu eine klare Regel: „Hilfe sollte stets eine Anleitung zur Selbsthilfe sein.“ Und er nennt ihre Bedingung: „Wenn sich jemand helfen läßt und etwas daraus lernt, bin ich für ihn da.“ Er hat auch erlebt, dass Selbsthilfe nicht allen gefällt. Über eine Emmaus-Gemeinschaft, in der sich Menschen am Rand der Gesellschaft mit Hilfe eines Paters selbst aus der Armut arbeiteten, schreibt er: „Es war keineswegs allen recht, daß sich die Verachteten mit Hilfe eines Paters selbst sanierten.“
Woran erkennt man eine Organisation, der man helfen kann?
An Offenheit, Rechenschaft und Freiraum. Menschen geben dort, wo sie vertrauen – und Vertrauen entsteht, wenn eine Organisation zeigt, was sie mit dem Geld macht, und sich prüfen lässt. Das gilt für Vereine, Hilfswerke, Kirchen, Unternehmen und den Staat gleichermaßen.
- Die konkrete Bitte wirkt. Wer konkret um Hilfe bittet, bekommt mehr, als wer nur auf Not hinweist. Das gehört zu den am besten belegten Befunden der Spendenforschung (Bekkers & Wiepking 2011). Ein Teil davon ist allerdings sozialer Druck – manche Menschen gehen der Bitte lieber aus dem Weg (DellaVigna, List & Malmendier 2012).
- Vertrauen zählt mehr als Zahlen. Menschen halten sich für wirkungsorientiert. Bloße Informationen über die Wirksamkeit einer Hilfe verändern ihr Geben im Feldversuch aber kaum (Karlan & Wood 2017). Entscheidend ist, ob man der Organisation vertraut (siehe oben).
- Glaube und Bürgersinn gehören zusammen. Wer religiös eingebunden ist, engagiert sich häufiger – auch in Organisationen ohne religiösen Bezug (Ruiter & De Graaf 2006). Kirchliches und bürgerschaftliches Engagement sind keine Gegensätze.
- Geld, Zugang und Rechenschaft. Die Regel, die für Amtsmacht gilt (siehe oben), gilt für jede organisierte Interessengruppe – für Hilfsorganisationen und NGOs ebenso wie für Wirtschaftsverbände. Wer stark von Gebern oder vom Staat abhängt, verliert leicht die Verwurzelung bei den Menschen, für die er eintritt (Banks, Hulme & Edwards 2015). Der Europäische Rechnungshof stellte 2025 fest, dass über 12.000 Nichtregierungsorganisationen in drei Jahren 7,4 Milliarden Euro aus EU-Programmen erhielten, ohne dass ein verlässlicher Überblick möglich war. Auch ihre Interessenvertretung war nicht klar offengelegt; unzulässig war sie damit nicht (Sonderbericht 11/2025). Und wie teuer fehlende Kontrolle wird, zeigte der Fall Oxfam: Die britische Aufsicht bemängelte 2019 unzureichend behandeltes Fehlverhalten und Schutzstrukturen, die mit dem Wachstum nicht Schritt hielten (Charity Commission 2019).
- Die andere Seite. Der Vorwurf, Zivilgesellschaft betreibe Politik im fremden Auftrag, wird seinerseits als Mittel eingesetzt: In vielen Ländern beschränken Gesetze die Arbeit und Finanzierung zivilgesellschaftlicher Organisationen (Buyse 2018). Transparenz ist deshalb die bessere Antwort als Misstrauen – sie schützt die gute Arbeit vor dem Generalverdacht.
Tobias O. R. Alke hat 2017 die Zivilgesellschaft als Kraft gegen Armut beschrieben und angemerkt, dass gemeinnützige Organisationen ihren eigenen Ansprüchen nicht immer gerecht werden. Die Nachprüfung zeigt: Einige der damals angeführten Studien tragen weniger, als die Arbeit annahm. So betraf ein Befund über das Kooperationsklima Studierende im Laborversuch, nicht Angestellte, und die Zahlen zum kirchlichen Ehrenamt stammten aus Finnland. Das vermerkt die Neuausgabe. Die Richtung hält: Organisationen fördern Hilfe, solange sie offen, überprüfbar und bei ihrem Zweck bleiben.
D. Harald Alke beschreibt, wie das kippen kann. Über eine geistige Bewegung, die zur Institution wurde, schreibt er: „Aus dem neuen spirituellen Ansatz wurde ein neuer Verein, eine Sekte, eine Religion, ein Geschäft.“ Und weiter: „Je größer ein Verein wird, desto mehr Vertreter werden auf Erden gebraucht. Die werden nicht alle automatisch spirituell sein.“ Er urteilt darüber ohne Groll: „Vielleicht ist das ganz normal, einfach nur menschlich.“ Dass ein Ort dennoch offen bleiben kann, erlebte er in Hamburg: In der Christuskirche lud ein Plakat zur Zen-Meditation mit einem japanischen Meister ein, „Eintritt frei“ – es kamen rund 500 Menschen. Im Lexikon zitiert er Hermann Hesse mit einem Satz, der die Gefahr jedes Amtes beschreibt: „In allen Ämtern sitzen dann Leute, die nur regieren wollten, ohne dienen zu können.“
Welche Einwände gegen NGOs sind berechtigt?
Drei Einwände halten wir für berechtigt. Wir haben sie an Urteilen, Drucksachen und Prüfberichten nachgeprüft. Alle drei beschreiben einen Mechanismus, der für jeden gilt, der öffentliches Geld erhält: Hilfsorganisationen, Verbände, Unternehmen und Abgeordnetenbüros. Eine Eigenschaft „der NGOs“ ist das nicht.
1. Was der Staat nicht darf, darf er auch nicht über Dritte tun. Staatliche Stellen müssen im politischen Wettbewerb neutral bleiben, auch außerhalb von Wahlkämpfen (Bundesverfassungsgericht, 2 BvE 1/16 vom 27.02.2018; 2 BvE 1/19 vom 09.06.2020; 2 BvE 4/20 vom 15.06.2022). Wer Fördergeld bekommt, ist an diese Neutralität nicht gebunden. Der Staat als Geldgeber darf seine Förderung aber nicht darauf richten, „das Gebot parteipolitischer Neutralität durch eine Förderung parteipolitisch in ihrem Sinne agierender Dritter auszuhebeln“ (Wissenschaftliche Dienste des Bundestags, WD 3 - 3000 - 117/18). Dieselbe Regel kennt das amerikanische Recht: Geld allein macht einen privaten Träger nicht zum Staat (Supreme Court, Rendell-Baker v. Kohn, 457 U.S. 830, 1982). Der Staat darf Private aber nicht zwingen, Meinungen für ihn zu unterdrücken (NRA v. Vullo, 602 U.S. 175, 2024, einstimmig). Ein deutsches Gericht oder eine Behörde hat bisher nicht festgestellt, dass ein gefördertes Projekt getan hat, was dem Staat verboten ist. Gerade deshalb muss der Geldgeber gebunden sein: an einen klaren Zweck, an ein Gesetz und an Offenlegung.
2. Wer Mittel vergibt, darf nicht über Empfänger entscheiden, die ihm nahestehen. Im Bundeswirtschaftsministerium zeichnete 2022 ein beamteter Staatssekretär die Auswahl einer Förderung von rund 600.000 Euro für einen Verband ab, in dessen Vorstand eine nahe Angehörige saß. Die interne Prüfung wertete das als Verstoß gegen die Compliance-Regeln, er wurde in den einstweiligen Ruhestand versetzt (Bundestag, Drucksache 20/6919). In Bayern stellte der Oberste Rechnungshof 2013 fest, dass Landtagsabgeordnete Ehepartner und Kinder aus Landesmitteln beschäftigt hatten, obwohl die Regelung dafür seit 2004 nicht mehr hätte angewandt werden dürfen. Der Europäische Gerichtshof stellte eine Amtspflichtverletzung einer früheren EU-Kommissarin fest, die einen persönlichen Bekannten einstellen ließ (C-432/04, 2006). In Großbritannien erklärte der High Court die bevorzugte „VIP-Lane“ für Lieferanten, die von Ministern und Abgeordneten empfohlen worden waren, für rechtswidrig ([2022] EWHC 46 (TCC)). Der Mechanismus wirkt auch in die Gegenrichtung: Unternehmen nutzen gemeinnützige Stiftungen als steuerbegünstigten Weg zu politischem Einfluss (Bertrand u. a. 2020). Eine Studie, die zeigt, wie häufig solche Verflechtungen bei NGOs sind, gibt es bisher nicht.
3. Prüfen kann nur, wer weiß, wohin das Geld fließt. Der Bundesrechnungshof stellte 2022 fest, dass sich die Ziele des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ nicht überprüfen lassen, weil messbare Ziele fehlten. Die Bundesregierung hat das bestätigt (Drucksachen 20/11502 und 21/5895). Eine zentrale Übersicht darüber, wie Fördergeld von einer Organisation an die nächste weitergereicht wird, gibt es nicht (Drucksache 20/10952). Der Europäische Rechnungshof nannte einen verlässlichen Überblick über die EU-Mittel für NGOs „praktisch unmöglich“ (Sonderbericht 11/2025). In Großbritannien stellte das National Audit Office 2015 fest, dass die Hilfsorganisation Kids Company rund 46 Millionen Pfund erhielt, obwohl die Verwaltung wiederholt Bedenken äußerte. Dass eine Prüfung durch einen Rechnungshof gezielt verhindert wurde, ist nicht belegt. Es fehlen die Daten, und ohne Daten gibt es keine Kontrolle.
Für alle drei Einwände gilt: Ein pauschaler Verdacht ersetzt nicht den Nachweis im Einzelfall. Wo ein Fehlverhalten festgestellt ist, gehört es aber benannt, mit Aktenzeichen. Ausführlich, mit beiden Richtungen – auch wie Unternehmen, Stiftungen und Staaten über gemeinnützige Organisationen Politik machen –, behandelt das der Eintrag NGOs und Interessenvertretung.
Wie spricht man miteinander, damit Gemeinschaft hält?
Offen, in der Sache klar – und ohne den anderen persönlich anzugreifen.
- Reden schafft Kooperation. Über viele Studien hinweg kooperieren Menschen deutlich häufiger, wenn sie sich vorher absprechen können – am stärksten im Gespräch von Angesicht zu Angesicht, schwächer über schriftliche Nachrichten (Balliet 2010). Wer etwas mitteilt, denkt dabei eher an Fairness, wer etwas hört, fasst eher Vertrauen (Cohen, Wildschut & Insko 2010).
- Streit in der Sache ist kein Schaden. Meinungsverschiedenheiten über eine Aufgabe schaden einer Gruppe im Mittel nicht und helfen manchmal sogar bei Entscheidungen. Was schadet, ist persönliche Feindseligkeit (de Wit, Greer & Jehn 2012).
- Verlegenheit schafft Vertrauen. Wer sichtbar verlegen wird, gilt anderen als vertrauenswürdiger und hilfsbereiter – und ist es im Experiment auch (Feinberg, Willer & Keltner 2012).
- Bitten ist erfolgreicher als gedacht. Wer um Hilfe bittet, unterschätzt deutlich, wie viele zusagen (Flynn & Lake 2008). Und wer geholfen hat, fühlt sich danach meist besser, als der Bittende vermutet (Zhao & Epley 2022).
Tobias O. R. Alke hat 2017 geschrieben, offene Kommunikation und selbst Konflikte stärkten die Gemeinschaft. Die Nachprüfung zeigt: Der Kern trägt, einige Belege aber nicht – eine Studie handelt vom Konflikt mit einer anderen Gruppe, eine andere vom Weitergeben negativer Informationen über Menschen, die andere ausnutzen. Das vermerkt die Neuausgabe.
D. Harald Alke beschreibt, wie ein Konflikt die Beziehung nicht zerstört: „Wir sprechen miteinander, der Kontakt bleibt erhalten, weil der Ärger nicht mehr persönlich aufgefaßt wird.“ Statt eines Vorwurfs empfiehlt er die konkrete Bitte – nicht „Du machst dauernd so einen Lärm!“, sondern: „Könntest Du jetzt mit dem Lärm aufhören. Er stört mich bei der Arbeit.“ Und für den Umgang miteinander gilt bei ihm: „Man muß nicht den anderen ein Wolf sein.“
Was heißt das praktisch?
- Kontakte pflegen: regelmäßige Zeit mit Freunden und Familie.
- Gegenseitig unterstützen: füreinander da sein, ehrlich austauschen.
- Zugehörigkeit schaffen: gemeinsame Aktivitäten und verlässliche Begegnungen.
- Wurzeln und Brücken: die vertraute Runde pflegen – und offen bleiben für Menschen außerhalb von ihr, ob in der Stadt oder auf dem Dorf.
Häufige Fragen
Hilft es, offen miteinander zu reden?
Ja. Wer sich vorher abspricht, kooperiert deutlich häufiger – am stärksten im Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Streit über die Sache schadet einer Gruppe im Mittel nicht, persönliche Feindseligkeit dagegen schon. Und wer um Hilfe bittet, bekommt sie öfter, als er erwartet.
Welche Kritik an NGOs ist berechtigt?
Berechtigt ist Kritik an Mechanismen, die für alle Empfänger öffentlichen Geldes gelten: Der Staat darf seine Neutralitätspflicht nicht über geförderte Dritte umgehen; wer Mittel vergibt, darf nicht über Empfänger entscheiden, die ihm nahestehen; und ohne Daten darüber, wohin das Geld fließt, ist keine Kontrolle möglich. Belegt sind Einzelfälle, etwa Bundestagsdrucksache 20/6919 oder der Prüfbericht des Bundesrechnungshofs 2022 – ein pauschaler Verdacht gegen alle NGOs ist es nicht.
Woran erkenne ich eine vertrauenswürdige Hilfsorganisation?
An Offenheit und Rechenschaft: Sie legt dar, wofür sie das Geld verwendet, und lässt sich von außen prüfen. Menschen spenden vor allem dort, wo sie der konkreten Organisation vertrauen; bloße Zahlen zur Wirksamkeit ändern daran wenig. Dieselbe Regel gilt für jede organisierte Interessengruppe – viel Geld und Einfluss brauchen viel Transparenz.
Spenden Menschen Blut aus Eigennutz?
Überwiegend nicht. Blutspender nennen als häufigsten Grund, anderen helfen zu wollen; viele erleben das Spenden zugleich als persönlich bereichernd. Wie viele Menschen spenden, hängt stark davon ab, wie die Blutsammlung organisiert ist – gute Organisation schafft Gelegenheiten zum Geben.
Hängt Hilfsbereitschaft vom Einkommen ab?
Kaum. Zwischen sozialer Schicht und Hilfsbereitschaft besteht nur ein sehr kleiner Zusammenhang, und die Hilfe unter Nachbarn und Freunden hängt kaum vom Einkommen ab. Wichtiger ist Vertrauen: Menschen geben eher, wenn sie der Organisation vertrauen, die das Geld verwendet. Die größte Hilfe leisten oft pflegende Angehörige – sie taucht in den Statistiken über Ehrenamt meist gar nicht auf.
Braucht Zusammenhalt einen Gegner?
Nein. Menschen helfen der eigenen Gruppe zwar etwas eher, doch das beruht auf Bevorzugung der eigenen Leute, nicht auf Abwertung anderer – und zeigt sich in vielen Ländern ähnlich. Die Grenzen sind beweglich: Wer sich einer weiter gefassten Gemeinschaft zugehörig fühlt, hilft auch Fremden und sogar früheren Rivalen.
Tut soziale Verbundenheit der Gesundheit gut?
Vieles spricht dafür. Eine bekannte Studie (Cohen et al. 1997) fand, dass Menschen mit mehr sozialen Kontakten seltener an Erkältungen erkrankten. Verbundenheit unterstützt das Wohlbefinden.
Wie sieht das Kyborg Institut Gemeinschaft?
Wir sehen ein stabiles, liebevolles Umfeld als wichtige Kraftquelle. Wer sich zugehörig fühlt, fühlt sich oft auch innerlich stabiler. Das ist unsere Überzeugung, ergänzt um Forschungsbefunde.
Was stärkt Gemeinschaft im Alltag?
Zeit mit Freunden und Familie, gegenseitige Unterstützung, gemeinsame Aktivitäten und ehrlicher Austausch. Kleine, regelmäßige Begegnungen wirken oft mehr als seltene große.
Halten Menschen auf dem Land mehr zusammen als in der Stadt?
Nicht pauschal. Auf dem Land überwiegen enge, vertraute Bindungen und etwas mehr Vereinsehrenamt, in der Stadt etwas mehr Bürgerengagement; beim Vertrauen gibt es kaum Unterschiede. Entscheidend sind eher Lebensbedingungen wie Wohlstand des Viertels und Wohndauer – und die Menschen selbst. Ein Mittelwert sagt nichts über einen einzelnen Menschen.
Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
- — Hinweise gestrafft, Text klarer gefasst.
- — Verweis auf den Lexikon-Eintrag Altruismus ergänzt.
- — Unsere eigene Sicht klarer formuliert.
- — Abschnitt ergänzt: Wie spricht man miteinander, damit Gemeinschaft hält? – Kommunikation, Streit und die Bitte um Hilfe, mit Quellen.
- — Abschnitt ergänzt: Welche Einwände gegen NGOs sind berechtigt? – drei Einwände mit Urteilen, Drucksachen und Prüfberichten belegt.
- — Abschnitt ergänzt: Woran erkennt man eine Organisation, der man helfen kann? – die konkrete Bitte, Vertrauen, Glaube und Bürgersinn, Geld, Zugang und Rechenschaft, mit Quellen.
- — Abschnitt ergänzt: Wie muss Hilfe organisiert sein, damit sie hilft? – Gelegenheiten zum Geben, Blutspende, Hilfe zur Selbsthilfe, mit Quellen.
- — Abschnitt ergänzt: Was stärkt oder schwächt die Hilfsbereitschaft? – Vertrauen, Begegnung, informelles Helfen und pflegende Angehörige, das Beispiel der Flut 2021, Macht ohne Kontrolle, mit Quellen.
- — Abschnitt ergänzt: Braucht Zusammenhalt einen Gegner? – Zugehörigkeit statt Abgrenzung, bewegliche Gruppengrenzen, mit Quellen.
- — Neuer Abschnitt „Halten Menschen auf dem Land mehr zusammen?“: Forschungsbefunde, europäische Zahlen und die Erfahrungen vom Hof in den Pyrenäen; Quellen ergänzt.
- — Eintrag überarbeitet und verständlicher gefasst.
Quellen
- Cohen S, Doyle WJ, Skoner DP, Rabin BS, Gwaltney JM Jr.: Social ties and susceptibility to the common cold. JAMA. 1997;277(24):1940–1944. PMID: 9200634.
- de Waal, Frans (2008/2006): Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte. Carl Hanser Verlag, München.
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- Zwirner, Elena; Raihani, Nichola (2020): Neighbourhood wealth, not urbanicity, predicts prosociality towards strangers. Proceedings of the Royal Society B 287(1936), 20201359. DOI 10.1098/rspb.2020.1359
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- Eurostat: EU-SILC, Teilhabe nach Verstädterungsgrad 2015 (ilc_scp20) und Vertrauen in andere Menschen 2018 (ilc_pw04). Lizenz CC BY 4.0.
- D. Harald Alke: Mahatma – Die große Seele der Natur (Lebenserinnerungen). Kyborg Institut & Verlag.
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