Spiritualität

Spiritualität ist die Ausrichtung auf das, was über das eigene Ich hinausgeht – Sinn, Verbundenheit, das Transzendente –, und zwar nicht als Lehrsatz, sondern als gelebte Erfahrung. Tobias O. R. Alke hat es 2009 so gefasst: „Spiritualität ist in meinen Augen das Leben nach eigenen Prinzipien.“

Was ist Spiritualität?

Spiritualität zeigt sich in der Praxis: in Stille und Meditation, im Gebet, im Yoga, in der bewussten Wahrnehmung des Alltags. Sie verlangt Selbstbeobachtung – und sie richtet den Blick über das eigene Ich hinaus, auf andere Menschen und auf das Leben als Ganzes.

Am Kyborg Institut ist Spiritualität kein Sonderbereich neben dem Leben, sondern eine Art, es zu führen. Tobias O. R. Alke schrieb, „dass jeder Weg ein spiritueller sein kann, sofern der Mensch, der ihn beschreitet, sich vollkommen darin erfüllen kann und das macht, wozu er sich berufen fühlt“. Abgegrenzt hat er sie dabei nicht gegen die Religion, sondern gegen eine „Modeerscheinung Esoterik“. Gemeint war damit der populäre Gebrauch des Wortes, nicht die Esoterik selbst – und diese Trennung gehört dazu: Esoterik ist im eigentlichen Sinn die Lehre von den verborgenen Zusammenhängen in der Natur. Der abwertende Alltagsbegriff ist dagegen jung und entstand vor allem als Rubrik des Buchmarkts (mehr unter Esoterik und Warum gilt „esoterisch“ im Alltag als Schimpfwort?). Spiritualität und Esoterik schließen sich also nicht aus; abgegrenzt wird gegen die Mode, nicht gegen die Lehre.

Wie verhalten sich Spiritualität und Religion zueinander?

Sie überschneiden sich – und sie stehen nebeneinander, nicht übereinander.

D. Harald Alke beschreibt den Übergang in beide Richtungen: „Durch die praktische Wirkung der Spiritualität wird der bewußte Mensch gläubig.“ Und an anderer Stelle: „Erleuchtung bedeutet religiöses und spirituelles Wachstum!“ Wie das Kyborg Institut Religion sieht, behandelt der Eintrag Religion.

Eigener Weg oder Lehrer?

Beides – und das ist kein Widerspruch. Ein Leitwort, das D. Harald Alke aus der Bhagavad Gita zitiert, lautet: „Folge Deinem eigenen Gesetz, […] aber folge niemals dem Gesetz eines anderen!“ Zugleich hält er fest, dass sich wirkliche Spiritualität nur entfalten kann, „wenn jemand zeitweilig die Gesellschaft eines Meisters sucht, der diesen Weg bereits gegangen ist“.

Auch im Kundalini Yoga gibt es Lehrer und eine Überlieferung von Lehrer zu Schüler. Der eigene Weg ist das Ziel, in das ein Lehrer entlässt – nicht der Verzicht auf jede Führung. Der eigentliche Unterschied liegt deshalb nicht zwischen „spirituell“ und „religiös“, sondern zwischen verordneter und frei gewählter Führung: Wer einem Lehrer folgt, weil er es so gewählt hat und es jederzeit beenden kann, verliert seinen eigenen Weg nicht.

Macht Spiritualität hilfsbereiter?

Ein wenig – nach heutigem Stand. Die Zusammenhänge sind klein, und ob Spiritualität die Ursache ist, ist nicht belegt.

Führt Spiritualität in den Rückzug?

Sie kann es, muss es aber nicht. Forscher haben genau diese Frage gestellt – führt eine ganzheitliche Praxis von Körper, Seele und Geist in den Rückzug oder ins Engagement? – und bei Praktizierenden vor allem Engagement gefunden: Je spiritueller sie sich beschrieben, desto häufiger halfen sie anderen (Oh & Sarkisian 2012; verglichen wurden die Praktizierenden untereinander).

Ob eine Praxis öffnet, hängt aber vom Rahmen ab. Eine kurze Achtsamkeitsübung machte Menschen mit einem auf Unabhängigkeit gerichteten Selbstbild weniger hilfsbereit, Menschen mit einem auf Verbundenheit gerichteten Selbstbild hilfsbereiter (Poulin u. a. 2021). Und Yoga und Meditation können das Selbstbild auch aufwerten statt das Ich zur Ruhe zu bringen (Gebauer u. a. 2018).

D. Harald Alke hat die Gefahr selbst benannt: „Die intellektuelle Nabelschau ist nicht alles.“ Er warnt vor der Flucht in esoterische Fantasien und hält fest, dass in der Tradition des Kundalini Yoga nicht erwartet wird, „daß jemand als Yogi oder als Fakir in die Berge geht“. Der Weg nach innen bewährt sich im Umgang mit anderen – und Hilfe ist ohnehin nur eine Frucht davon: Wie Hilfe und Selbstsorge zusammengehören, behandelt der Eintrag Selbstfürsorge.

Was hat Tobias O. R. Alke 2017 dazu geschrieben?

In seiner Arbeit über den Altruismus hat Tobias O. R. Alke 2017 Spiritualität als kaum erforschtes Feld beschrieben und ihr eine deutliche Wirkung auf die Hilfsbereitschaft zugeschrieben, auch gegenüber Fremden. Die Nachprüfung zeigt: Dass das Feld wenig erforscht ist, trifft für den Zusammenhang mit dem Helfen bis heute zu. Die angeführten Studien tragen aber nur einen kleinen Zusammenhang, und Spiritualität und Religion lassen sich nicht so scharf trennen, wie die Arbeit annahm. Das vermerkt die Neuausgabe – Spiritualität und Religion stehen dort nebeneinander.

Was heißt das praktisch?

Warum Menschen überhaupt zu Hilfe und Kooperation bereit sind, behandeln die Einträge Altruismus und Nächstenliebe.

Häufige Fragen

Was ist Spiritualität – einfach erklärt?

Spiritualität ist die Ausrichtung auf das, was über das eigene Ich hinausgeht: Sinn, Verbundenheit mit anderen und mit dem Leben, das Transzendente. Sie wird vor allem gelebt – in Stille, Meditation, Gebet, Yoga oder bewusster Wahrnehmung des Alltags.

Ist Spiritualität dasselbe wie Religion?

Nein, aber beides überschneidet sich stark. Die meisten Menschen, die sich als spirituell bezeichnen, verstehen sich zugleich als religiös; nur wenige halten beides für völlig getrennt. Religion und Spiritualität stehen nebeneinander, nicht übereinander.

Macht Spiritualität hilfsbereiter?

Ein wenig, nach heutigem Stand. Spirituelle Menschen helfen und spenden im Mittel etwas häufiger, und Meditation kann mitfühlendes Helfen stärken. Die Zusammenhänge sind aber klein, und ob Spiritualität die Ursache ist, ist nicht belegt. Entscheidend scheint die gelebte Praxis zu sein, nicht das Etikett.

Führt Spiritualität nicht in den Rückzug?

Sie kann es, muss es aber nicht. Ob eine Praxis Menschen nach außen öffnet oder eher um sich selbst kreisen lässt, hängt von Rahmen und Selbstverständnis ab. Am Kyborg Institut gilt: Der Weg nach innen bewährt sich im Umgang mit anderen.

Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
  • — Begriff Esoterik präzisiert: Lehre von den verborgenen Zusammenhängen, getrennt vom abwertenden Alltagsgebrauch.
  • — Neuer Eintrag „Spiritualität“: Begriff, Verhältnis zur Religion, eigener Weg und Lehrer, Forschungsstand zu Spiritualität, Meditation und Hilfsbereitschaft – mit Quellen.

Quellen

  • Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut & Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8.
  • Tobias O. R. Alke: Diplomarbeit Seminarleiter (2009). Kyborg Institut.
  • D. Harald Alke: Mahatma – Die große Seele der Natur (Lebenserinnerungen); Lexikon; Energie für Millionen; Der PyramidenMann und Das Abenteuer des BewußtSeins. Kyborg Institut & Verlag.
  • Brian J. Zinnbauer, Kenneth I. Pargament u. a.: Religion and spirituality: Unfuzzying the fuzzy. In: Journal for the Scientific Study of Religion 36 (1997), 549–564. doi.org/10.2307/1387689
  • Nancy T. Ammerman: Spiritual but not religious? Beyond binary choices in the study of religion. In: Journal for the Scientific Study of Religion 52 (2013), 258–278. doi.org/10.1111/jssr.12024
  • Christopher J. Einolf: Daily spiritual experiences and prosocial behavior. In: Social Indicators Research 110 (2013), 71–87. doi.org/10.1007/s11205-011-9917-3
  • Seil Oh & Natalia Sarkisian: Spiritual individualism or engaged spirituality? Social implications of holistic spirituality among mind–body–spirit practitioners. In: Sociology of Religion 73 (2012), 299–322. doi.org/10.1093/socrel/srr054
  • Laura R. Saslow u. a.: The social significance of spirituality: New perspectives on the compassion–altruism relationship. In: Psychology of Religion and Spirituality 5 (2013), 201–218. doi.org/10.1037/a0031870
  • David P. King, Barbara J. Duffy & Brian Steensland: The role of spiritual practices in the multidimensional impact of religion and spirituality on giving and volunteering. In: Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly 53 (2024), 1459–1482. doi.org/10.1177/08997640231221533
  • Michael H. Pasek u. a.: Thinking about God encourages prosociality toward religious outgroups: A cross-cultural investigation. In: Psychological Science 34 (2023), 657–669. doi.org/10.1177/09567976231158576
  • Christina M. Luberto u. a.: A systematic review and meta-analysis of the effects of meditation on empathy, compassion, and prosocial behaviors. In: Mindfulness 9 (2018), 708–724. doi.org/10.1007/s12671-017-0841-8
  • Ute Kreplin, Miguel Farias & Inti A. Brazil: The limited prosocial effects of meditation: A systematic review and meta-analysis. In: Scientific Reports 8 (2018), 2403. doi.org/10.1038/s41598-018-20299-z
  • Daniel R. Berry u. a.: Does mindfulness training without explicit ethics-based instruction promote prosocial behaviors? A meta-analysis. In: Personality and Social Psychology Bulletin 46 (2020), 1247–1269. doi.org/10.1177/0146167219900418
  • Michael J. Poulin u. a.: Minding your own business? Mindfulness decreases prosocial behavior for people with independent self-construals. In: Psychological Science 32 (2021), 1699–1708. doi.org/10.1177/09567976211015184
  • Jochen E. Gebauer u. a.: Mind-body practices and the self: Yoga and meditation do not quiet the ego but instead boost self-enhancement. In: Psychological Science 29 (2018), 1299–1308. doi.org/10.1177/0956797618764621
  • Robin Weber u. a.: A rapid review of the interrelations between spirituality, self-transcendence, and prosociality. In: Pastoral Psychology (2026, online vorab). doi.org/10.1007/s11089-026-01329-4

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Von Tobias O. R. Alke

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