Können Internet und KI die Politik ans Volk zurückgeben?
Autoren: Tobias O. R. Alke, D. Harald Alke · mit Claude (Anthropic)
Standpunkt statt Lexikon. Dieser Beitrag ist eine ausdrücklich subjektive, zeitbezogene Stellungnahme (2026). Das gesicherte Hintergrundwissen steht im Lexikon-Eintrag Kollektivismus & Individualismus. Es ist eine Meinung, keine Tatsachenbehauptung und kein Ratschlag.
Im Lexikon haben wir die – aus unserer Sicht entscheidende – These formuliert: Es liegt nicht am politischen System, sondern an der Reife und Selbstverantwortung der Menschen. Denn jedes System neigt mit der Zeit zur Übergriffigkeit. Daran schließt sich eine sehr aktuelle Frage an: Könnten die technischen Mittel unserer Zeit den Menschen helfen, genau diese Mündigkeit zu erreichen – und die Mächtigen wirksamer in Schach zu halten?
Das Problem: Vernebelung
Zwischen den Bürgern und den Entscheidungen steht heute oft eine teils abgehobene, volksferne politische Klasse – teuer, weit weg vom Alltag der Menschen – und ein dichtes Netz aus Lobbyinteressen. Politik wird komplex gemacht und in Fachsprache gehüllt; was kompliziert klingt, lässt sich leichter durchsetzen, ohne dass viele es durchschauen. Diese Informationsasymmetrie ist kein Zufall, sondern ein Machtmittel. Schon Mancur Olson hat beschrieben, wie sich reife Gesellschaften mit Interessenkoalitionen zusetzen, die das Ganze lähmen.
Der neue Hebel: Echtzeit und KI
Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es Werkzeuge, die diese Asymmetrie senken können:
- Echtzeitvernetzung. Information fließt heute unmittelbar, weltweit, an klassischen Gatekeepern vorbei. Infrastruktur wie Starlink macht den Zugang sogar dort unabhängiger, wo er früher kontrollierbar war; offene Plattformen wie X erlauben direkte Kommunikation ohne Zwischeninstanz. (Dass es im Westen kaum echte Alternativen gibt, ist dabei selbst ein Thema – dazu unten.)
- KI (Künstliche Intelligenz) als geduldiger Erklärer. Sprachmodelle wie Claude, Grok, Gemini oder DeepSeek können nahezu jedes Thema verständlich aufbereiten – für jeden, mit endloser Geduld, ohne Herablassung. Was früher Expertenwissen war, wird so für den einfachen Menschen zugänglich. Das trifft die Lobby-Vernebelung an ihrer Wurzel: Sie lebt davon, dass Zusammenhänge undurchschaubar bleiben.
Hier berührt sich unser Gedanke mit Hayeks altem Wissensproblem: Zentrale Planer können nie das verstreute Wissen aller Einzelnen besitzen. Werkzeuge, die dieses Wissen wieder den Einzelnen zugänglich machen, stärken also genau die dezentrale, von unten gewachsene Ordnung, für die wir im Lexikon plädieren.
Aber: Technik ist kein Automatismus
So weit die Chance. Ehrlicherweise müssen wir zwei Dinge klar benennen – sonst würden wir unsere eigene Linie verraten:
Erstens: Mehr Direktheit ist nicht automatisch mehr Freiheit. Eine reine „Abstimmung durchs Volk per Knopfdruck” wäre die schnelle Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit – und damit genau der Kollektivismus, den wir ablehnen (siehe Lexikon). Es geht uns deshalb nicht um Plebiszit-Begeisterung, sondern um etwas anderes: dass der mündige Einzelne besser informiert ist, dass Lobbyismus sichtbar wird und die Elite rechenschaftspflichtig bleibt. Technik soll das Urteil des Einzelnen stärken, nicht das Urteil der Masse beschleunigen.
Zweitens: Dieselben Werkzeuge schneiden in beide Richtungen. Echtzeitnetze und KI können Asymmetrie abbauen – oder Manipulation, Überwachung und Meinungslenkung industrialisieren. Private Plattformen als Befreier zu feiern, hieße, neue Machtkonzentration in Kauf zu nehmen. Würde alle KI von einer Handvoll Konzerne kontrolliert, wäre wenig gewonnen – dann hätte man die alte Vernebelung nur in ein neues Gewand gesteckt. Genau hier kommt es auf ein Gegengewicht an.
Das Gegengewicht: offene Modelle
Die gute Nachricht: Dieses Gegengewicht existiert bereits – in Gestalt offener (Open-Source-/Open-Weight-)Modelle, die jeder herunterladen, prüfen, anpassen und sogar auf eigener Hardware betreiben kann, ohne Erlaubnis und ohne Gatekeeper.
- Starke offene Modelle aus China treiben diese Bewegung maßgeblich – etwa DeepSeek oder Alibabas Qwen. Sie zeigen, dass Spitzenleistung nicht das Monopol einiger weniger westlicher Anbieter ist.
- Offene Modelle aus weiteren Ländern kommen hinzu, etwa Mistral (Frankreich), Llama (USA, mit offenen Gewichten) oder Falcon (VAE). Die Vielfalt verteilt die Macht auf viele Schultern.
- Kleine, spezialisierte Modelle einzelner Entwickler und Unternehmen decken konkrete Aufgaben ab – schlank, lokal lauffähig, unabhängig. Nicht jede Frage braucht ein gigantisches Rechenzentrum.
- Gebündelt wird das auf Plattformen wie Hugging Face, wo Hunderttausende Modelle offen geteilt werden. Wissen und Werkzeuge liegen damit nicht hinter einer Bezahlschranke, sondern in der Hand der Allgemeinheit.
- Und es hängt nicht an einer einzigen Plattform – genau das ist der Punkt. Neben Hugging Face gibt es weitere offene Hubs wie das chinesische ModelScope, dazu Kaggle, GitHub und – für Bildmodelle – Civitai. Wer ganz unabhängig sein will, betreibt Modelle lokal auf eigener Hardware (etwa mit Ollama oder LM Studio) oder sogar dezentral über viele Rechner verteilt (Petals, Bittensor). Daneben stehen Zugangs- und Hosting-Dienste wie Replicate, Together AI oder OpenRouter. Keine dieser Türen lässt sich von einer einzelnen Macht zusperren.
- Die nächste Stufe: offene agentische Systeme. Nicht nur die Modelle, auch die Werkzeuge, die selbsttätig mit ihnen arbeiten, entstehen quelloffen – etwa OpenFang (ein offenes „Agenten-Betriebssystem”) oder Hermes von Nous Research (ein offener Agent mit eigenem Gedächtnis, an kein bestimmtes Modell gebunden). Solche Systeme laufen auf eigener Infrastruktur und ohne Anbieter-Bindung – sie geben dem Einzelnen nicht nur Wissen, sondern selbsttätige Helfer an die Hand.
Aus unserer Sicht ist das die eigentlich entscheidende Entwicklung. Offene Modelle übertragen das Prinzip des Lexikons in die Technik: dezentral, von unten, vielfältig statt zentral verordnet. Sie sind die praktische Antwort auf die Machtkonzentration – und genau deshalb passen sie zu einer Ordnung, die auf den mündigen Einzelnen setzt statt auf eine Handvoll Kontrolleure.
Unser Schluss
Die Technik macht direkte Teilhabe möglich wie nie zuvor – aber ob sie befreit oder neu unterwirft, entscheidet nicht das Werkzeug, sondern der Mensch, der es benutzt. Damit landen wir wieder bei der Kernaussage des Lexikons: Der eigentliche Hebel ist die Reife und Selbstverantwortung der Einzelnen. Wer mündig ist, dem geben diese Mittel ein Werkzeug der Aufklärung in die Hand; wer es nicht ist, für den werden sie zum nächsten Instrument der Vernebelung.
Wir sehen die Entwicklung darum vorsichtig optimistisch: Zum ersten Mal hat der einzelne Mensch realistische Mittel, sich der Vernebelung zu entziehen und selbst zu verstehen. Das ist eine echte Chance – kein Selbstläufer. Sie zu nutzen, bleibt unsere eigene Aufgabe.
Das gesicherte Hintergrundwissen zu diesem Standpunkt: Kollektivismus & Individualismus.
Quellen
- Mancur Olson: The Rise and Decline of Nations (1982) – zur Verkrustung reifer Gesellschaften durch Interessen- und Verteilungskoalitionen. Yale University Press
- Friedrich August von Hayek: The Use of Knowledge in Society (1945) – zum Wissensproblem zentraler Steuerung. Volltext (Econlib)
- Tobias O. R. Alke: Ausgewählte Perspektiven des Altruismus. Kyborg Institut und Verlag, 2017. ISBN 978-3-96104-027-8. Eintrag Deutsche Nationalbibliothek
- D. Harald Alke: Die Ethik des Neuen Menschen. Kyborg Institut und Verlag, 1993 (4. Auflage 2016). ISBN 978-3-924722-04-3. Eintrag Deutsche Nationalbibliothek