Eine Weihnachtsgeschichte – Keine Chance für Friedrich von Hamburg
Autor: D. Harald Alke
Standpunkt statt Lexikon. Eine satirische Gesellschaftskritik von D. Harald Alke (geschrieben 1978, mit Nachwort von 2003). Ausdrücklich Satire und persönliche Meinung – eine Positionierung gegen Verfolgung, Unterdrückung und Korruption und ein Appell zur Mündigkeit. Hintergrund: Lexikon-Eintrag Kollektivismus und Individualismus.
Was geschähe, wenn Jesus heute käme – als Kind einer papierlosen, geflüchteten Mutter? Diese Parabel erzählt die Geburts- und Passionsgeschichte in der Gegenwart. Sie ist bewusst überzeichnet und nimmt klar Stellung: gegen Verfolgung, gegen Behörden-Willkür, gegen die Gleichgültigkeit eines satten Systems – und für die Würde des einzelnen Menschen.
Die Geschichte
Als Jesus diesmal erschien, ahnten die Behörden nichts. Da war kein Herodes mit seinen Wahrsagern, sondern nur ein gewisser Schröder, der nicht sonderlich auf seine Frau Buchela hörte.
Aber natürlich war da der Stern, doch auch das drang nicht weiter durch. Die astronomische Fachwelt, die die astrologische abgelöst hatte, dachte sich nichts dabei, als man eine neue Nova im Sternbild des Wassermann entdeckte. Der Entdecker, ein gewisser Professor, reihte einen weiteren unberechtigten Ruhm zum nächsten, denn eigentlich hatte ja seine Doktorandin die Nova bei ihrer Nachtschicht entdeckt (was haben Frauen auch in der Astronomie zu suchen!).
dpa gab eine Fünfzeilennotiz weiter, die die Provinzblätter zum Seitenfüllen für schlechte Zeiten aufhoben. Inspiriert wurde keiner. So kamen auch keine Weisen aus dem Morgenland. Von Sektengurus hatte man sowieso die Schnauze voll. Vielleicht gab es auch keine Weisen mehr, oder sie konnten die Fahrkarten nicht bezahlen vom Morgenland bis nach Hamburg. Und mit Kamelen kam hier keiner mehr durch. Die hätte man an der Grenze monatelang in Quarantäne gesteckt, und bis dahin war eh alles gelaufen. Araber waren sowieso verdächtig, und die Heiligen wären eher beim Geheimdienst gelandet oder in den Tierkäfigen auf Guantanamo.
Maria hieß diesmal Minna und Joseph hieß Ernie. So fielen sie nicht weiter auf. Da sie wussten, dass Heimatlose und Asylanten hier sowieso keine große Chance haben, gingen sie gleich zum Frauenhaus. Ernie schickten sie wieder weg. Sie hatten weder Platz noch eine gute Meinung von Männern, was Ernie ihnen nicht weiter übel nahm. Ihm war sowieso nicht ganz geheuer, woher das Kind eigentlich sein sollte, denn angeblich war seine Traute noch Jungfrau.
Da Minna noch eine robuste Natur hatte und kein Krankenhaus mit Geräten für Millionen brauchte, reichte die alte freie Hebamme. Sie war die letzte, die es in Hamburg noch gab, und sie setzte sich anschließend zur Ruhe, weil sie eigentlich gar nicht gebraucht wurde. Ein Christuskind zu gebären war eine leichte Sache, denn es bemühte sich, seiner Mutter keine Schmerzen zu bereiten.
Unangenehm wurde es erst am nächsten Tag, als die Polizei kam. Minna hatte keinen Pass und auch keinen Vater angegeben (… Kind Gottes … man wusste schon, was man davon zu halten hatte). Woher sie denn sei? Nun ja, eigentlich war sie wohl Deutsche, aber Jüdin, und dann ausgewandert nach Israel. Aber dort war sie auch nicht heimisch geworden, zu viel Terror, und mit einem Frachter zurückgekehrt, ohne Papiere! Am liebsten hätte man sie sofort „sichergestellt” – der Ausländerpolizei übergeben! Aber das wäre womöglich der Bildzeitung aufgefallen: „Deutsche Polizei verhaftet Jüdin aus dem Wochenbett!” Nein, da wollte man doch lieber noch ein paar Tage warten und dann wiederkommen. Minna bekam es mit der Angst und ließ Ernie holen, der draußen herumlungerte. Sie verschwanden in der nächsten Nacht, bevor die Streife wiederkam. Ihr weiteres Schicksal kennen wir nicht.
Der Kirche fiel er zum ersten Mal unangenehm auf, als er auf dem evangelischen Kirchentag auftauchte. Dort fing er an, die Gelehrten in Gespräche zu verwickeln. Man war ja aufgeklärt und dachte zuerst an einen Liliputaner – aber sein Gesicht war zu kindlich. Er kannte sich in der Bibel aus, als sei er dabei gewesen. Auf die These, dass alle Theologiestudenten die Erbfolge der Bibelväter zu studieren hätten, antwortete er, die Herren Professoren sollten sich lieber mit dem zweifelhaften Lebenswandel mancher Stammväter befassen – und meinte, durch die Jahrhunderte hätten die Priester die Bomben in Vietnam, Afghanistan und im Irak gesegnet; das sei Lehrstoff genug für die Gegenwart. Seine Mutter genierte sich, als sie ihn wiederfand; man empfahl ihr, ihn vom Kirchentag zu entfernen, damit er die heiligen Betrachtungen nicht länger störe.
Als er alt genug war und spürte, dass seine Zeit gekommen war, zog er fort von dem alten Bauernhof bei Gorleben, auf dem die Familie ohne Papiere Unterschlupf gefunden hatte – sie dienten dem Bauern mit ihrer Hände Arbeit ohne einen Pfennig Geld. Er zog zurück nach Hamburg, wo alles begonnen hatte. In der U-Bahn hatten sie ihn bald: keine Papiere, keine Fahrkarte. Eine Streife mit Hund wartete; der knurrende Hund fing freudig an zu winseln, als er die wohltuenden Strahlen spürte, die von dem jungen Fremden ausgingen. Die verknöcherten Kontrolleure aber merkten nichts von seiner Liebe – sie sahen nur sein Äußeres. So entschloss er sich, ihre Augen einen Moment zu blenden, und entkam.
Auf dem Rathausmarkt blieb er stehen und hob an zu predigen. Erst beachtete ihn keiner, dann blieben einzelne Leute stehen, und manche erkannten trotz ihrer vom Alltagsstress und Smog getrübten Sinne den Heiligenschein um seinen Kopf. Sie hörten zu und empfingen eine Botschaft, die fortan ihr Leben veränderte. Es störte die Budenbesitzer und Händler – und so dauerte es kaum eine Stunde, bis die Polizei die Menge auseinandertrieb. „Nun zeig uns mal deine Genehmigung für diese unangemeldete Demonstration! Bis 24.12. sind alle Demos in der Innenstadt verboten!” – „Ich bin Friedrich von Hamburg. Ich habe keine Papiere. Ich verkünde das Wort des Herrn!” – „Soso, wer hier der Herr ist, werden wir dir schon zeigen!” Und dann schleppten sie ihn ab. Er leistete keinen Widerstand. Das war nicht seine Art.
Als er in der Zelle saß, mit schwarz verschmierten Fingern und fotografiert, fiel ihnen sein orientalischer Gesichtszug auf. Als er auch noch wahrheitsgemäß seine Geschichte erzählte, war die Ausländerpolizei schnell zur Stelle (Kind Gottes – offensichtlich ein verwirrter Fremder oder gar ein Handlanger von Osama Bin Laden!). Dann kamen die von der Politischen. Es trieben sich ja jede Menge „Terroristen und Asylanten” im Land herum – die einen geduldet, die anderen im Auftrag befreundeter Regierungen gejagt (das nannte man Amtshilfe). Man wartete kein Auslieferungsgesuch erst ab; man deportierte ihn zusammen mit der Anfrage.
Sein Versuch, die Menschheit zum Besseren zu bekehren, dauerte diesmal nicht drei Jahre, sondern kaum drei Stunden. Die deutschen Behörden sind einfach gründlicher als die Römer und Juden damals. Jünger konnte er gar nicht erst finden – man hätte sie umgehend als „kriminelle Vereinigung” interniert. Immerhin hatte er noch Glück, nicht für den Rest seines Lebens in den Tierkäfigen auf Guantanamo zu sitzen.
So war es ein trüber Morgen, als er in dem Land eintraf, in das man ihn abgeschoben hatte. Er hatte Pech: Nach Attentaten waren die Menschen aufgebracht und forderten Rache. Als durchsickerte, ein schon einmal zum Tode verurteilter „Systemschädling” sei vom Flugplatz zur Haftanstalt unterwegs, stürmte ein Mob auf die Straße, stoppte den Wagen und holte ihn heraus. Die Streifenpolizisten warfen die Mützen weg und verdrückten sich in der Menge. Auf der nächsten Kreuzung erschlugen sie ihn mit ihren Schlagstöcken. Es war einfach nicht genug Holz da für ein Kreuz.
Die Meteorologen entschuldigten sich für die nicht vorhergesehenen Unwetter, die weite Teile der Welt verwüsteten. Unerklärlich blieben die schweren Erdbeben und die tagelang anhaltende Finsternis.
In Hamburg aber fanden sich einige bis dahin unbekannte junge Menschen zusammen, die zu einem neuen Glauben gekommen waren. Sie ordneten ihre Verhältnisse, packten ihre Sachen und bereiteten sich vor, das Land zu verlassen – dieses Land, das sie hervorgebracht hatte. Dieses Land, das für sie Babylon war. Zu ihnen gesellte sich ein entlaufener Wachhund, der keine Menschen mehr beißen wollte, seit er die Liebe des Herrn hatte leuchten sehen. Sie machten sich auf, die drei Heiligen im Morgenland zu suchen.
Der Appell – warum diese Geschichte heute zählt
D. Harald Alke schrieb diese Parabel 1978, bevor er für acht Jahre Deutschland verließ. Sein Nachwort von 2003 fasst die Haltung zusammen, um die es ihm geht:
Die Welt habe sich nicht wirklich geändert – „nur die Namen der Marionetten in den Regierungen wurden ausgetauscht”. Sein Schluss daraus: Es bringt wenig, sich von der „Politshow” einfangen und zu Groll hinreißen zu lassen. Beobachte aufmerksam, glaube nicht jede inhaltslose Rede, bilde dir eine eigene, kritische Meinung – und stecke deine Energie lieber in die eigene Entwicklung als in die Empörung über das System. Auch staatliche Bürokratie, Steuer- und Sozialsysteme sieht das Kyborg Institut aus seiner subjektiven Sicht als überteuert und reformbedürftig.
Der entscheidende Weg führe nicht nach außen, sondern nach innen: „Es kann nur einen Weg geben: den ins eigene Ich.” Nicht das dressierte Ego ist gemeint, sondern das wahre, eigene Ich – eine Quelle der Selbsterkenntnis, der Kraft und der Gewissheit, dass wir hier nur ein Gastspiel geben. Wer es erkennt und stärkt, übernimmt Verantwortung für sein Leben und bekommt damit den Schlüssel in die Hand, seine Lebensumstände selbst zu gestalten. Und: „Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen.”
„Für den Unwissenden ist diese Welt die reinste Hölle, für den Wissenden ist sie die reinste Freude!” (Yogi Vasishtha)
Hinweis: Dieser Beitrag ist eine satirische Erzählung und gibt eine persönliche, weltanschauliche und gesellschaftskritische Meinung wieder – keine Tatsachenbehauptung und keine medizinische, rechtliche oder politische Beratung.
Häufige Fragen
Worum geht es in dieser Weihnachtsgeschichte?
Um eine satirische Parabel: die Geburts- und Passionsgeschichte in die Gegenwart übersetzt. Was geschähe, wenn Jesus heute als papierloser Geflüchteter in Hamburg zur Welt käme? Eine literarische Gesellschaftskritik und klare Positionierung gegen Verfolgung, Unterdrückung und Korruption.
Ist das ernst oder Satire?
Es ist ausdrücklich Satire und persönliche Meinung von D. Harald Alke (geschrieben 1978). Sie überzeichnet bewusst, um zum Nachdenken anzuregen – keine Tatsachenbehauptung.
Was ist der Appell der Geschichte?
Sich nicht von „der Show“ für dumm verkaufen zu lassen, sich eine eigene, kritische Meinung zu bilden und die Kraft im eigenen Ich zu suchen – Mündigkeit und Selbstverantwortung statt Groll und Ohnmacht.