Russische Pyramiden (Golod-Pyramiden)

Die russischen Pyramiden – auch Golod-Pyramiden genannt – sind eine Reihe großer, metallfreier Pyramiden aus Kunststoff, die der russische Ingenieur Alexander Golod ab den 1990er-Jahren an mehreren Orten errichten ließ. Die bekannteste, eine 44 Meter hohe Pyramide nahe Moskau, wurde 1999 fertiggestellt und 2017 von einem Sturm zerstört. Mit den Bauwerken wurden weitreichende Wirkungsbehauptungen verbunden, die wissenschaftlich nicht belegt sind. Wir stellen das Projekt hier – als Teil unserer neutralen Anlaufstelle rund um die Energiepyramide und die Pyramidenkraft – sachlich dar: was es ist, was geschah und wie die Behauptungen einzuordnen sind.

Was sind die russischen Pyramiden von Alexander Golod?

Zwischen etwa 1990 und 2000 entstanden in Russland und benachbarten Ländern über zwanzig Pyramiden nach dem Entwurf Alexander Golods. Es sind keine steinernen Monumente, sondern leichte Hohlkörper aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Golod verstand sie als „energetische” Bauwerke und ließ auf dem Gelände „aufgeladene” Souvenirs, Wasser und Kristalle verkaufen. Die Anlagen wurden zu Touristenzielen.

Wer war Alexander Golod?

Alexander Jefimowitsch Golod (1949–2018) war ein russischer Ingenieur; die Quellen beschreiben ihn unterschiedlich – als Hydrogeologen, als Unternehmer aus dem Rüstungsumfeld und als Leiter der Moskauer Firma „Gidrometpribor”. Diese Uneinheitlichkeit ist selbst bemerkenswert. (Sein Nachname bedeutet auf Russisch „Hunger”, was in englischsprachigen Quellen gelegentlich zur irreführenden Bezeichnung „famine pyramids” führte – damit hat das Projekt inhaltlich nichts zu tun.)

Wo stehen die Golod-Pyramiden – und was geschah 2017?

Die größte stand an der Autobahn Nowaja Riga (M-9), rund 38 Kilometer westlich von Moskau im Rajon Istra: 44 Meter hoch, über 55 Tonnen, fertiggestellt am 30. November 1999. Am 29. Mai 2017 wurde sie von einem Orkan vollständig zerstört. Noch im selben Jahr errichtete Golod an derselben Stelle einen kleineren Ersatzbau von etwa 14 Metern aus dem Material der zerstörten Konstruktion – ausdrücklich als vorläufig bezeichnet und bis heute nicht in Originalgröße ersetzt.

Golod baute jedoch schon vorher und an vielen weiteren Orten:

Dazu kamen Auftragsbauten, etwa auf dem Dach eines Medizinzentrums in Toljatti, in Batumi und in Aluschta auf der Krim; verschiedene Quellen nennen zusätzlich Standorte in weiteren russischen Städten und im Ausland. Insgesamt entstanden nach Angaben aus dem Umfeld „mehr als zwanzig” Pyramiden – eine genaue, unabhängig geprüfte Zählung gibt es nicht.

Wie sind die Golod-Pyramiden gebaut?

Auffällig sind zwei Merkmale, die Golod selbst betonte:

Der Bau war aufwendig: Für die 44-Meter-Pyramide nannte Golod Kosten von über einer Million US-Dollar; der kleinere Ersatzbau von 2017 kostete nach seinen Angaben rund 20.000 US-Dollar. Eine gewisse Ironie liegt darin, dass die Konstruktion als extrem windfest beschrieben wurde – angeblich bis zu Windgeschwindigkeiten von 60 Metern pro Sekunde – und 2017 dann doch einem Sturm zum Opfer fiel.

Was ist heute von den Golod-Pyramiden geblieben?

An der Stelle der zerstörten Moskauer Pyramide steht bis heute nur der rund 14 Meter hohe Ersatzbau. Er wird als frei zugängliches Touristenobjekt betrieben – mit Audio-Führung und dem Verkauf von „aufgeladenem” Wasser, Kristallen und Souvenirs; nebenan gibt es sogar eine Straußenfarm.

Schon zu Golods Lebzeiten war die öffentliche Wahrnehmung gespalten: Reisereportagen beschrieben die Anlage als kuriose Sehenswürdigkeit, manche Besucher berichteten ausdrücklich, „nichts Besonderes” zu spüren, und ein bekanntes Reise-Magazin nannte das Projekt „bizarr, innovativ und völlig unwissenschaftlich”. Als kulturelles Phänomen – Ausdruck der großen Pyramiden-Faszination im Russland der 1990er-Jahre – sind die Bauten unbestritten bemerkenswert.

Was wurde über ihre Wirkung behauptet – und was ist belegt?

Golod und sein Umfeld berichteten von zahlreichen Effekten – etwa auf Saatgut-Erträge oder die Zähigkeit von Erdöl – und nannten dafür eine Reihe russischer Forschungsinstitute als Prüfer, von der Gubkin-Akademie (Saatgut) bis zu Materialforschungs-Instituten. Belegt ist davon nichts: Zu keiner dieser Zuschreibungen liegt eine begutachtete Veröffentlichung mit Autoren, Jahr und nachvollziehbarem Studiendesign vor. Es sind Namensnennungen ohne prüfbare Quelle und ohne unabhängige, kontrollierte Untersuchung.

Ein gutes Beispiel für die typische Verwechslung: Als „Pyramiden-Wunder” wurde etwa Wasser vorgeführt, das flüssig bleibt und erst beim Anstoßen schlagartig gefriert. Das ist jedoch ein bekanntes, von jeder Pyramide unabhängiges physikalisches Verhalten – die Unterkühlung von reinem Wasser unter den Gefrierpunkt. Solche allgemeinen Phänomene als „Pyramideneffekt” auszugeben, zieht sich durch viele der Berichte.

Darüber hinaus verband Golod mit seinen Pyramiden weitreichende Wirkungsbehauptungen, die bis in den Gesundheitsbereich reichten. Diese Behauptungen sind wissenschaftlich nicht belegt, wurden nie unabhängig wiederholt oder in begutachteten Fachzeitschriften veröffentlicht, und die russische Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaft hat sie als unbegründet zurückgewiesen. Aus diesem Grund geben wir die gesundheitsbezogenen Behauptungen hier nicht wieder und übernehmen sie ausdrücklich nicht.

Diese Trennung ist uns wichtig: Das gilt für fremde Projekte wie für unser eigenes Verständnis der Pyramidenform – Erleben und Gestaltung ja, unbelegte Wirkversprechen nein.

Warum erkennt die Wissenschaft die Golod-„Studien” nicht an?

Die Kritik kommt nicht nur „von außen”, sondern aus mehreren Richtungen:

Die sachlichen Gründe sind stets dieselben: keine unabhängige Wiederholung, keine begutachteten Veröffentlichungen, fehlende oder mangelhafte Kontrollen und die Durchführung durch Golods eigenes Umfeld. Auch eine messbare Veränderung – etwa der Umwelt- oder Gesundheitslage in den Anrainergebieten – ließ sich nicht feststellen.

Fazit: Die Golod-Pyramiden sind ein bemerkenswertes Kapitel populärer Pyramiden-Faszination und ein reales Stück Zeitgeschichte. Als Wirkungsnachweis taugen sie nicht. Wer sich für die grundsätzliche Frage interessiert, ob die Pyramidenform physikalisch etwas bewirkt, findet die Studienlage im Eintrag Pyramidenkraft; Bovis-Angaben sind, wo sie fallen, als subjektives Rutengeh-Maß zu verstehen.


Dieser Eintrag ordnet ein fremdes Bauprojekt neutral ein und gibt keine Wirk- oder Heilaussagen wieder. Er dient der Information, nicht der Bewerbung eines Produkts.

Häufige Fragen

Was sind die russischen Pyramiden von Golod?

Eine Reihe großer, metallfreier Pyramiden aus glasfaserverstärktem Kunststoff, die der russische Ingenieur Alexander Golod ab den 1990er-Jahren an mehreren Orten errichten ließ. Die bekannteste stand bei Moskau und war 44 Meter hoch.

Steht die große Golod-Pyramide bei Moskau noch?

Nein. Die 44 Meter hohe Pyramide an der Nowaja-Riga-Autobahn (fertiggestellt 1999) wurde am 29. Mai 2017 von einem Sturm vollständig zerstört. Noch 2017 wurde an derselben Stelle ein kleinerer, ausdrücklich als vorläufig bezeichneter Ersatzbau von etwa 14 Metern errichtet; in Originalgröße wurde sie nicht wieder aufgebaut.

Sind die behaupteten Wirkungen der Golod-Pyramiden wissenschaftlich belegt?

Nein. Es gibt keine unabhängige Wiederholung und keine begutachteten Veröffentlichungen; die russische Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaft hat die Behauptungen als unbegründet zurückgewiesen. Weitreichende, auch gesundheitsbezogene Behauptungen sind nicht belegt – wir geben sie nicht wieder.

Woraus bestehen die Golod-Pyramiden?

Aus glasfaserverstärktem Kunststoff, bewusst ohne Metall. Die Form ist auffällig steil (Verhältnis von Höhe zu Grundkante nach dem Goldenen Schnitt), eine Kante ist zum Polarstern ausgerichtet.

Kann man die russischen Pyramiden besuchen?

Am ehemaligen Standort der großen Pyramide bei Istra westlich von Moskau steht seit 2017 der kleinere Ersatzbau, der als frei zugängliches Touristenobjekt betrieben wird. Weitere Golod-Pyramiden gab es an mehreren Orten, viele davon sind heute nicht mehr vorhanden.

Wie viele russische Pyramiden hat Golod gebaut?

Nach Angaben aus seinem Umfeld mehr als zwanzig, an verschiedenen Orten in Russland und im Ausland. Eine genaue, unabhängig geprüfte Zählung gibt es nicht, und ein Teil der Bauten wurde inzwischen abgebaut oder zerstört.

Änderungsverlauf · zuletzt aktualisiert am
  • — Neuer Lexikon-Eintrag zu den russischen Golod-Pyramiden: Fakten, Bauweise, der Einsturz 2017 und eine neutrale Einordnung der Behauptungen.

Quellen

  • Interfax, Meldung vom 3. Juli 2017 (Wiederaufbau der Pyramide bei Istra, O-Ton des Erbauers).
  • Verwaltung des Stadtkreises Istra, Mitteilung vom 7. August 2017.
  • welcome.mosreg.ru – offizieller Reiseführer des Moskauer Gebiets (Standort- und Baudaten).
  • 360.ru (2020): kritische Einordnung mit Stimmen aus Bauwesen und der RAN-Kommission zur Bekämpfung von Pseudowissenschaft.

Von Tobias O. R. Alke