Rezension: A family business? Wie eine internationale Wirtschaftselite entsteht
Autor: Tobias O. R. Alke
Erschienen in Kyborg Publishing · ISSN 2366-3839
Standpunkt statt Lexikon. Eine Arbeit von Tobias O. R. Alke. Hintergrundwissen: Lexikon-Eintrag Verantwortung. Mit dieser Rezension weißen wir auf ein Werk von Jane Marceau hin, welche sich mit den internationalen Managementausbildungen, spezielle der sogenannten MBAs (Master of Business Administration), auseinandergesetzt hat. Sie liefert einen guten Einblick in die internationalen Bildungsmechanismen und dem Zusammenspiel zwischen Familientradition, Ausbildung und wirtschaftspolitischer Entwicklungen.
Gleichzeitig stellt dieses Beispiel die Gegenposition zum GRAMEEN Projekt dar, welches eben diese Strategien nutzt um solche Menschen zu fördern, die von der herkömmlichen Gesellschaft fallen gelassen werden.
Damit dient das Buch als Anregung für die Kritik in unseren Büchern “Energie für Millionen” sowie “Die Ethik des neuen Menschen” von D. Harald Alke aus unserem Hause.
Gleichzeitig ist die Rezension eine Literaturempfehlung für “A family business? The making of an international business élite” von Jane Marceau.
Nun viel Vergnügen mit der Rezension.
Abstract:
Die vorliegende Rezension gibt einen Einblick in die Managementausbildungen und Vernetzung von Eliten durch Jane Marceau. Dabei enthält sich diese Arbeit expliziter Seiten- und Zitatangaben aus dem rezensierten Buch, da es gekauft werden soll, und nicht nur die Rezension als Zitatquelle zu dienen hat, da es ein wirklich lesenswertes Buch ist. Marceau beleuchtet einen der Grundpfeiler des monetaristischen Neoliberalismus und seinem stetig wachsenden Einfluss in alle Bereiche der Gesellschaft. Gleichzeitig zeigt ein kurzer Rückgriff auf GRAMEEN auch die Vorteile und wirklich sehr positiven Möglichkeiten der Elitenstrategien für die »Fallen-Gelassenen der Gesellschaft« auf und sollte nicht einfach als eine böswillige Strategie abgetan werden. Es liegt an uns als Mitgliedern der Gesellschaft für welche Zwecke wir unsere Fähigkeiten einsetzen. Man kann von den Eliten und ihren Strategien durchaus etwas lernen und nutzen um wieder ein Gleichgewicht zwischen den Klassen herzustellen! Die Bereitschaft und Verantwortung hierzu liegt bei jedem einzelnen von uns und nicht bei unseren gesellschaftlichen Absicherungssystemen!
DANKSAGUNG
An dieser Stelle möchte ich mich für die Möglichkeit zur Teilnahme als Gasthörer an dem Seminar „Soziologie des Managements“ bei Prof. Dr. Michael Hartmann von der TU Darmstadt bedanken, in dessen Rahmen diese Rezension entstand und mir Einblicke über die regulären Inhalte der Heidelberger Universität hinaus ermöglichte.
Der Titel „A family business? The making of an international business élite“ von Jane Marceau lässt die Hoffnung erwachen, die Produktionsstätte der Eliten kennen zu lernen und das Geheimnis ihres Erfolgs. Diese Hoffnung wird erfüllt und das allgemeine Weltbild der Eliten wird ins rechte Licht gerückt. Fakt ist eine Beleuchtung des allgemeinen Glaubens um die Bedeutung von Business Schools sowie der Herkunft und Bildungswege der Führungskräfte von Morgen. Marceau konzentriert sich mit ihrem Bericht auf MBA-Studenten der INSEAD – sie bedient sich hier der Studien „Social Science Research“ von 1973 in England und „Commissariat Général du Plan“ von 1980 in Frankreich.
Dabei handelt es sich um das Institut Européen d‘Administration des Affairs, welches 1959 in Fontainebleau (Frankreich) gegründet wurde und die erste Business School nach amerikanischem Vorbild in Europa darstellt. Zu den Zeitpunkten der Erhebungen gab es nur wenige dieser Business Schools, verteilt über ganz Europa.
Ihr Aufkommen hing mit damals einhergehenden strukturellen Veränderungen zusammen. Es hatte sich eine große Kluft zwischen den Führungsebenen und Angestellten gebildet die kaum überwindbar schien. So war es längst nicht mehr ausreichend eine gute Ausbildung absolviert zu haben, nein, es wurde erforderlich sich mit seinen Angestellten auseinander zu setzen und mit ihnen umgehen zu lernen. Genau dies bekunden die lebensrettenden Business Schools. Sie verkaufen das Rezept zur Rettung der Führungskräfte. Schwächen werden in Stärken umgewandelt und Fehler der Charakterschwäche der Person zugeordnet, selbst wenn diese von situationsbedingten Faktoren abhängen. Somit wird genau das verkauft, was den Managern laut ihren Angestellten fehlt.
So werden Managementkompetenzen vermittelt, abgerundet mit sozialen Fähigkeiten, die im einjährigen Studium an der INSEAD auf den internationalen Markt vorbereiten. Der Umgang mit verschiedenen Kulturen soll trainiert werden und traditionelle Werte mit neuen Überzeugungen verbunden werden. Die Person des zukünftigen Managers rückt nun endlich ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, selbstbewusst, clever, charismatisch und überzeugend. Eine Person der vollstes Vertrauen und Anerkennung geschenkt werden kann, befähigt ist, sich in den neu entstehenden internationalen Märkten zu bewegen (hier speziell EEC – European Economic Community / EFTA – European Free Trade Area) und dennoch die traditionellen Werte zu vertreten weiß.
Da nun klar gestellt ist, welche Bedeutung den Business Schools zugeschrieben wird, hakt Marceau bei den MBA-Studenten selbst nach. Haben die Business Schools einen wirklich so hohen Stellenwert und verkaufen sie was sie versprechen? Sie analysiert die Herkunft, Bildungswege, Netzwerke und die ersten Karriereschritte der MBA-Absolventen in einem vorzüglichen Vergleich und ermöglicht so einen Blick hinter die Kulissen der Business Schools und des tatsächlichen Nutzen dieser, ob dieser nun den Arbeitern oder den Absolventen selbst zu Gute kommt.
Marceau stellt fest, dass die Bildungswege in ganz Europa starke Unterschiede aufweisen. So werden speziell in Frankreich und der Schweiz viele Ingenieure ausgebildet, Belgien und Deutschland bilden vor allem Ökonomen aus und die Niederländer sowie Österreicher haben eine Vorliebe für Juristen. Allein Briten fallen aus dem Rahmen, welche eine Vorliebe für Sprachen, Kunst und Kultur haben. Aus diesen verschiedenen Studienrichtungen finden sich insbesondere Ingenieure, Ökonomen und Juristen bei INSEAD ein.
Welche Bedeutung hat nun die Familie noch? Sie determiniert fast ausweglos den Lebenslauf ihres Nachkommens, bestimmt über die ersten Jahre des eigenen Lebens. So sind es meist die Tätigkeiten der Väter und Großväter, über mehrere Generationen hinweg, die die Karrierewahl ihrer Nachkommen in der selben Branche bestimmen.
Ein Ausbruch aus dieser Tradition ist meist schwierig, oft mit Konflikten in der Familie verbunden, ganz zu schweigen von den Anstrengungen, die durch den Wechsel in eine andere Branche entstehen. In solchen Familienclans wird in der Regel nur wenig dem Zufall überlassen. Freizeitaktivitäten werden nur in bestimmtem Kreisen vollzogen und so findet bereits hier eine starke Trennung von Klassen statt.
Die Partnerwahl wird ebenfalls stark durch die Familie beeinflusst, so lernen sich die Zukünftigen meist über private Veranstaltungen kennen, die mit Geschäftsbeziehungen der Familie oder befreundeter Familien im selben Milieu zusammenhängen. Nur selten bilden sich in dieser Hinsicht Ausnahmen heraus, die den Vorstellungen der Familie widersprechen, bei denen ein relativ konservatives, traditionelles Denken vorherrscht. So stammen mehr als die Hälfte der Absolventen aus Familien, in welchen bereits der Großvater führende Positionen in der selben Branche bekleidete und eröffnen durch ihre Beziehungen einen leichteren Einstieg für ihre Nachkommen. Dies beschreibt Marceau mit Bourdieus bekanntem Habitus, „Man kennt sich; so gehts und wird es auch bleiben“ und Boltanskis Unterstreichung sozialer Netzwerke.
Doch selbst Marceau konnte den genauen Wert dieser familiären Netzwerke nicht vollständig erfassen. So haben Netzwerke, die sich im laufe des Berufslebens entwickelten die größte Bedeutung für den Absolventen, gefolgt von Kontakten aus dem Bildungsweg, meist dem Studium. Die Netzwerke der Väter scheinen in dieser Gesamtbetrachtung nur eine geringe Bedeutung zu haben.
Damit schlägt Marceau eine Brücke von den Business Schools zurück zur Familie und bringt das überragende Bild dieser Einrichtungen ins Wanken. Welchen Wert haben die Schulen, wenn doch die Herkunft entscheidend scheint?
Dieses Dilemma löst Marceau geschickt mit Befragungen der Studenten auf. Es werden Teamfähigkeiten im besonderen Maße trainiert und vor allem Kontakte geknüpft. Da Studenten aus ganz Europa vertreten sind und Kulturen aus allen Teilen der Erde, bilden die Schulen einen Pool an Kontakten der langfristig die Handlungsfähigkeiten in Form des berühmten „Vitamin-B“ unterstützen kann, wenn sich diese Netzwerke erst einmal gefestigt haben. Deshalb absolvieren die INSEADer ihr MBA-Studium meist nach ein bis drei Jahren im Arbeitsleben, um einen langfristigen Nutzen aus ihren Netzwerken bei INSEAD ziehen zu können.
Kurz nach dem Abschluss sind diese noch verletzlich und müssen sich erst entwickeln. Die Karrierewege der Absolventen gehen zu beginn auseinander und jeder muss sich erst wieder im Berufsleben etablieren. Hier wird meist auf Kontakte im Familien- und Freundeskreise zurück gegriffen, um den Wiedereinstieg zu erleichtern.
Dieser erfolgt bei der Masse der Studenten in Ablegern amerikanischer Unternehmen in Europa oder kleineren europäischen Unternehmen, die international ausgerichtet sind. Nach mehreren Jahren in solchen Unternehmen kehren die Masse der Führungskräfte in ihr Herkunftsland zurück und arbeiten sich dort weiter nach oben, gepuscht durch ihren recht außergewöhnlichen Lebenslauf, fast vorprogrammiert mit einem sicheren Karriereschub in gehobenere Positionen.
Nach dieser umfangreichen und präzisen Zusammenfassung an Informationen mit empirischen Daten, sind es grade die Kandidaten die es in TOP-Positionen schaffen, die sich durchboxen können und überzeugen, die eine andauernde Erfolgsbilanz nachweisen und sich nicht nur auf ihre Herkunft verlassen oder ihre gut Bildung und soziale Fähigkeiten. Ihre Einzigartigkeit besteht in ihrer Fähigkeit, sich in verschiedenen Gebieten und Ländern zu bewegen, eben ein echter Internationalist zu sein. So ist auch der MBA als ein Distinktionsmerkmal zu betrachten, das ihn von der Masse abhebt und den Nachweis eben solcher Fähigkeiten und Umgangsformen liefern soll. Längst nicht alle INSEAD-Absolventen schaffen es an die Spitze, doch arbeiten diese meist mit anderen MBA-Absolventen zusammen und haben bereits ähnliche Denkstrukturen, man versteht sich. Damit kristallisiert Marceau fünf Wege an die Spitze der Besten heraus, beginnend mit dem bürokratischen Internationalisten (1) welcher vor allem durch seine Loyalität und Konformität zum Unternehmen geprägt ist. Sein überlegtes Vorgehen sorgt für mehr Sicherheit und ist mit einer stetigen und nicht zu schnellen Karriere verbunden. Der unternehmerische Internationalist (2) sucht hingegen Herausforderungen, strebt eine schnellere Karriere an und geht mehr Risiken ein. Ganz Europa ist seine Spielweise und er will Spaß beim Spielen. Dagegen ist der häusliche Internationalist (3) eine Mischung aus den ersten beiden. Er geht gezielt Risiken ein, nutzt seine Vorteile in Form von Netzwerken und Fähigkeiten, sowie seines Ansehens. Oft handelt es sich um Personen in Familienunternehmen – Ehefrau und Kinder sind selbstverständlich. Damit gehören sie nicht immer zu den größten Unternehmen, jedoch zu langfristig stabilen meist stetig wachsenden.
Der gradwandernde Internationalist (4) bleibt dafür lieber im eigenen Land, begibt sich in Unternehmen die an internationalen Märkten teilnehmen, genießt sein hiersein, muss sich nicht an fremde Kulturen und Sprachen anpassen und kann dennoch alle Vorzüge seines MBA nutzen. Mit dem letzten, dem unternehmerische Nationalisten (5) kommt Marceau zum bequemsten seiner Mitstreiter. Dieser hat wenig mit dem internationalen Nationalisten gemein, er will nur die Vorteile des MBA genießen, ihn als Distinktionsmerkmal von hiesigen Kollegen nutzen und hält sich vom internationalen Markt fern.
Daneben bietet der Abschluss an der INSEAD eine erhöhte Arbeitsplatzsicherheit und im Falle der Arbeitslosigkeit hat dieser deutlich bessere Aussichten auf einen neuen Job als andere (Handelsblatt Juni 1976). Sie erfreuen sich zunehmender Beliebtheit nicht nur im ökonomischen Sektor, auch im öffentlichen Bereich werden sie zunehmend angeworben und ihr sprachliches Vokabular zieht nach und nach mit in Politik und andere durch Wirtschaft beeinflusste Bereiche ein – vgl. hierzu speziell auch den monetaristischen Neoliberalismus und seiner Konsequenzen bei Biebricher (2012), ähnliche wie es Marceau im folgenden Absatz zusammenfasst.
Vor dem Hintergrund dieser Fülle an Vorteilen stellt man sich nun die Frage: „Welchen Vorteil haben diese Business Schools nun für die Wirtschaft und was ist besser geworden?“ Dies löst Marceau mit einem Zitat aus der Times vom 4 Mai 1981 auf: „… too much emphasis on short-term profit, not enough on long-range planning; … too much on reaching available markets, not enough in international delevopment“. So wird ihnen die Ausbildung kurzsichtiger Profithaie vorgeworfen, die nur mehr zur wirtschaftlichen Krise beitragen, als dieser ab zu helfen.
Damit resümiert das Buch sehr treffend den mehr egoistischen Nutzen der Business Schools zu mehr Sicherheit und Erfolg in der Wirtschaft sowie besserer Handlungsfähigkeiten durch die entstandenen Netzwerke. Die Ausbildung verspricht bessere Bilanzen und schnellere Profite im Unternehmen, ob diese langfristig von Nutzen sind, ist eher in Frage zu stellen. Gesamtgesellschaftlich tragen sie in ihrerer aktuellen Form zu einer Stärkung der Klassentrennung bei wie das Projekt GRAMEEN (Yunus/Jolis 1998) dokumentiert, welches sich der selben Techniken der MBA‘s bedient um eben dieser Klassentrennung entgegen zu wirken und den »Fallen-Gelassenen der Gesellschaft« näher bringt (Alke 2016).
So ist der bereits 1981 in der Times angeführte Diskurs bis heute aktuell geblieben. Die Business Schools vermitteln seit Jahren das selbe Konzept und das Quartalszahlendenken steht weiterhin ganz oben auf ihrer Liste. Es steht außer Frage, insbesondere nach der kürzlichen Immobilienkrise, dass diese Strategie des schnellen Erfolgs nur kurze ertragreiche Ernten verspricht und langfristig betrachtet mehr Probleme als Lösungen mit sich bringt. Ob sich an dieser Vorgehensweise in naher Zukunft etwas ändern wird steht in den Sternen, und ob die Business Schools dieses Dilemma zumindest zur Kenntnis nehmen, ist eher fragwürdig. Ihr Konzept funktioniert für ihre Zwecke, somit heißt es ganz im Sinne von Hobbes: „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“. Damit haben wir zwar einen scheinbar ideologisch und ethisch verantwortungsvolleren Manager, doch an seinem Verhalten hat sich im Vergleich zu vorher nur wenig geändert. Sein Auftreten ist nur geschickter geworden, doch noch immer im hobbschen Denkschema verhaftet.
Quellenangaben:
Alke, Tobias O. R., 2016: Rezension: GRAMEEN. Eine Bank für die Armen der Welt. In: Kyborg Publishing [URN: urn:nbn:de:101:1-201601083249].
Biebricher, Thomas, 2012: Neoliberalismus zur Einführung.AL S. 9-86, 179-193. Hamburg: Junius Verlag GmbH.
Marceau, Jane, 2009 (1989): A family business? The making of an international business élite.AL Cambridge: Cambridge University Press.
Yunus, Muhammad und Alan Jolis, 1998 (1997): GRAMEEN. Eine Bank für die Armen der Welt.AL Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag GmbH. (Im franz. Orig.: Vers un monde sans pauvreté. L’autobiographie du »banquier des pauvres«. Paris: Éditions Jean-Claude Lattès).
Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine überarbeitete und erweiterte Fassung des folgenden Werkes: Alke, Tobias O. R., 2010: Buchrezension: A family business? The making of an international business élite - Jane Marceau -. Seminararbeit: Darmstadt: Institut für Soziologie (TU Darmstadt).
Häufige Fragen
Worum geht es in Marceaus Untersuchung?
Um das Zusammenspiel von Managementausbildung – besonders dem MBA –, Familientradition und wirtschaftspolitischer Entwicklung bei der Entstehung einer internationalen Wirtschaftselite.
Ist die Rezension eine Kritik an Eliten?
Nicht nur. Sie hält ausdrücklich fest, dass Elitenstrategien nicht als böswillig abzutun sind: Dieselben Mechanismen der Vernetzung und Ausbildung können denen nützen, die sonst durch das gesellschaftliche Raster fallen – wie das Beispiel GRAMEEN zeigt.